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Das Schicksal der syrischen Kriegsflüchtlinge im Libanon

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Das Schicksal der syrischen Kriegsflüchtlinge im Libanon

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In Sidon, einer Stadt im südlichen Libanon, werden einmal in der Woche Lebensmittel an tausende Flüchtlinge aus dem benachbarten Syrien verteilt. Örtliche Hilfsorganisationen haben sich zusammengetan, um die täglich steigende Zahl von Menschen zu versorgen.

Zweieinhalb Millionen Syrer sind vor dem Krieg in ihrem Land geflohen — laut inoffiziellen Schätzungen ist die Hälfte von ihnen im Libanon, der selbst nur viereinhalb Millionen Einwohner hat.

Die Libanesen sind bereit ihren Nachbarn zu helfen, aber für ein so kleines Land ist die Belastung enorm, so Hassan Khankeer, der Sprecher des Verbands der Hilfsorganisationen in Sidon.

“Die Situation wird immer schwieriger für uns, weil die Zahl der Flüchtlinge so stark zunimmt”, so Khankeer. “Die Menschen in Sidon unterstützen die Flüchtlingee. Sie geben ihnen Kleidung. Sie geben ihnen Unterkunft. Sie tun, was sie können, aber das Problem wird Tag für Tag größer.”

Ali und seine beiden Kinder sind auf die Hilfsgüter angewiesen. Sie gehören zu den etwa 100.000 Palästinensern, die von Syrien in den Libanon geflohen sind. Dort erhielten sie zunächst eine befristete Aufenthaltserlaubnis. Seit August dürfen Palästinser nicht mehr in den Libanon reisen.

Alis Papiere sind seit sieben Monaten ungültig. Er ist also illegal im Libanon. Er lebt in Sidons Ain el-Haloue-Lager, Libanons größtem Flüchtlingslager für Palästinenser.

Ali ist im Libanon geboren, aber, als er drei Jahre alt war, floh seine Familie nach dem Einmarsch israelischer Truppen 1982 nach Syrien. Er hat sein Leben in dem syrischen Flüchtlingslager Jarmuk verbracht. Dann musste er mit seiner Frau und seinen Kindern erneut fliehen. Aber die Familie hat im Libanon kein Aufenthaltsrecht.

“Ich müsste meine Kinder als libanesische Palästinenser registrieren lassen, aber das geht nicht”, erklärt Ali. “Wenn ich bei den Behörden meine Papiere vorlege, wird mir gesagt, sie seien ungültig, weil sie nicht vom syrischen Außenministerium beglaubigt sind. Ich habe alles versucht. Ich bin mehrfach nach Syrien zurückgekehrt.”

Ali blieb erfolglos und schickte schließlich seine Frau nach Syrien, damit sie neue Geburtsurkunden besorgt. “Es war vergebens”, berichtet er. “Niemand bekommt Zugang zu den Behörden. Jetzt sitzt meine Frau seit einem Monat in Syrien fest, weil der Libanon Palästinenser nicht mehr einreisen lässt.”

Ali berichtet von seinem Leben als Flüchtling: “Bevor ich nach Ain al-Heloue kam, war ich ständig auf der Flucht. Ein Vertriebenenlager nach dem anderen. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Ich geriet von einem Elend ins nächste, immer auf der Flucht.”

Da Ali keine Aufenthaltsgenehmigung hat, hat er keinen Anspruch auf Unterstützung vom Hilfswerk der Vereinten Nationen für palästinensische Flüchtlinge. Seine Arbeit hat er verloren, weil er sich um seine Kinder kümmern musste. Seinen gesamten Besitz hat er verkauft, um sie zu ernähren und zu kleiden. Heute ist er auf gelegentliche Spenden angewiesen.

“Ich liebe meine Kinder”, sagt Ali. “Und ich habe große Angst um sie. Sie sind das wertvollste, das ich in der Welt habe. Nur um ihretwillen halte ich das alles aus. Ich liebe sie mehr als alles andere auf der Welt. Aber Liebe ist nicht genug.”

Seit Ankunft der Palästinenser aus Syrien sind die libanesischen Palästinenserlager an die Grenze ihrer Belastbarkeit geraten. Die Einwohner sind hilfsbereit, aber Spannungen sind unvermeidlich.

Die libanesische Bevölkerung ist zunehmend gespalten zwischen Anhängern und Gegnern Baschar al-Assads und es kommt immer häufiger zu Konfrontationen zwischen ihnen.

In der Hauptstadt Beirut sorgt sich jeder um die steigende Zahl von syrischen Flüchtlingen. Sie werden zunehmend als Bedrohung für die libanesische Wirtschaft und die Stabilität des Landes empfunden.

Das Flüchtlingsproblem ist in der Hauptstadt eines der wichtigsten Gesprächsthemen. “Es ist eine Tragödie”, sagt ein Einwohner Beiruts.” Wir haben immer mehr Sicherheitsprobleme. Nationalismus und Rassismus nehmen zu, besonders in den Gegenden wo arme Libanesen wohnen. Sie finden keine Arbeit und erleben, wie die Syrer Jobs bekommen. Mit diesem Thema muss viel sorgfältiger umgegangen werden. Die Zahl der Flüchtlinge ist einfach zu groß.”

“Es ist ein wirtschaftliches Problem”, findet Adnane Harake, der ebenfalls in der Hauptstadt wohnt. “Die Syrer, die in den Libanon kommen, nehmen den Libanesen die Arbeit weg. Sie arbeiten auf jedem Feld, für jeden Lohn und die Regierung hat keine Kontrolle darüber. Sie muss etwas unternehen. Die Flüchtlinge sollten in Lagern leben, die sie nicht verlassen dürfen. Sie sollten etwas zu essen bekommen und damit hat sichs.”

Viele haben Mitleid mit den Flüchtlingen. “Ich bin traurig, wenn ich Syrer sehe, die auf der Straße schlafen”, sagt eine Frau im Zentrum Beiruts. “Damit muss endlich Schluss sein. Die armen Leute. Jemand muss ihnen helfen. Nicht hier im Libanon, wir können so viele Menschen nicht unterstützen. Aber es muss wirklich etwas getan werden. In ihrem Land muss Frieden geschlossen werden, damit sie nach Hause gegen können.”

Nach Hause gehen — das wollen die meisten Flüchtlinge, aber vorläufig übernehmen sie kleine Jobs zu geringsten Löhnen auf den Feldern im Westen der Bekaa-Ebene. Doch davon können sie nicht leben. Sie sind angewiesen auf die Hilfslieferungen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, die vor allem von der Europäischen Union finanziert werden.

Die Hilfsorganisationen liefern nicht nur Grundnahrungsmittel sondern versuchen auch, die sanitären Bedingungen und die Unterkünfte in den Lagern zu verbessern und Schulunterricht für die Kinder zu organisieren.
Aber die Mittel reichen einfach nicht aus, um allen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Für die Kinder in den libanesischen Flüchtlingslagern spielt das alles keine Rolle. “Wir träumen davon, in unsere Heimat zurückzukehren”, rufen sie wild durcheinander. “Dies ist nicht unser Land. Wir wollen zurück in unser Land und in unseren Häusern wohnen. Wir wollen wieder in unseren eigenen Schulen unterrichtet werden. Syrien ist unser ganzer Stolz, unsere Würde. Es ist alles, was wir haben. Wir träumen davon, wieder den Boden unseres Landes zu betreten. Möge Gott unseren Traum Wirklichkeit werden lassen.”

Wegen fehlender Mittel haben die Vereinten Nationen ihr Hilfsprogramm für die syrischen Flüchtlinge zurückgefahren. Familien, die nicht als dringend bedürftig eingeschätzt werden, bekommen keine Lebensmittelhilfe mehr.

Gegen diese Entscheidung können sie jedoch Einspruch einlegen, erklärt Lisa Abou Khaled vom UN-Flüchtlingshilfswerk. “Wer wirklich Hilfe benötigt erhebt Einspruch. Unsere Mitarbeiter vor Ort besuchen dann die Familien und stellen sicher, dass wirklich Bedürftigen nicht die Unterstützung versagt wird.”

Für die Betroffenen ist dies nur ein geringer Trost. Amal, einer Repäsentantin des Flüchtlingslagers, stellten wir die Frage, welche Erwartungen die Menschen hier an die internationale Gemeinschaft haben.

“Wir können es nicht mehr aushalten”, antwortet Amal resigniert. “Es ist zu viel. Die Menschen sind erschöpft. Wir habe jede Zuversicht verloren. In Syrien sind so viele junge Menschen ums Leben gekommen. Welche Hoffnung gibt es noch?”

Sie hält einen Augenblick inne.
“Mein Bruder ist tot”, sagt sie. “Und weiter? Wird er zurückkehren? Können ihn mir fremde Länder zurückgeben? Es ist alles vorbei. Worauf kann ich denn noch hoffen?”

Ihre Enttäuschung ist unverkennbar. “Uns bleibt nur abzuwarten, was Gott tun wird”, sagt sie weiter. “Wenn sich die Welt nicht rührt, was kann ich dann erwarten? Unsere jungen Leute sind verschwunden, die allerbesten unter ihnen. Und es sterben immer mehr. Welche Hofnung bleibt uns noch? Wird die Welt etwas tun, nach allem was geschehen ist? Sie schlafen doch alle. Lass sie schlafen. Sie brauchen nicht aufzuwachen, denn es ist zu spät.”