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Sie haben uns fallen gelassen wie einen leeren Kaffeebecher

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Sie haben uns fallen gelassen wie einen leeren Kaffeebecher

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“Wir sind alle in Sicherheit, alle 33 von uns”. Diese Nachricht zerbrach vor drei Jahren die Stille der verschütteten Bergleute des San José Bergwerks in Copiapó im nördlichen Chile. Bereits 17 Tage nach einem Beben lagen die Kumpels noch immer in etwa 600 Metern Tiefe begraben. Nun gab es wieder Hoffnung.

Die Bergleute kürzten ihre Rationen während dieser Zeit auf zwei Löffel Thunfisch, eine halben Keks und ein halbvolles Glas Milch. Ohne Tageslicht harrten die Männer bei einer Temperatur von 33 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit zwei Monate lang aus.

Am 12. Oktober 2010 verkündete ein Abgeordneter der lokalen Behörden die Neuigkeit: Die Bergung, ursprünglich vorgesehen für den folgenden Mittwoch um Mitternacht, sollte bereits am Abend desselben Tages stattfinden.

Die Welle der Solidarität und der Freude, die während der Ereignisse um die Welt gegangen war, geriet bald darauf in Vergessenheit. Was ist also aus den Helden von San José geworden?

Euronews kontaktierte Daniel Esteban Herrera, einen der 33 verschütteten Kumpels über Facebook. Im Anschluss an seine Rettung verbrachte der heute 31 Jährige eineinhalb Jahre in psychologischer Behandlung. Diese half ihm seine Ängste zu überwinden, so dass er mittlerweile wieder in einer Zeche arbeitet.

Herrera meint, die Erfahrung des Unglücks habe ihn gelehrt, besonders wachsam gegenüber den Widrigkeiten des Lebens zu sein. Es ist genaue diese Botschaft, die er während der Vorträge vermitteln möchte, die er heute hält.

Sandra Valdivia, euronews:
“Welchen Einfluss hat die Erfahrung auf Ihr Leben gehabt?” *Daniel Herrera, Mitglied der San José 33
“Es hat mich mehrere Dinge gelehrt: Ich schätze heute den Wert meiner Familie anders ein. Ich sehe mein Leben aus einer anderen Perspektive und genieße jeden Tag. Es war hart 70 Tage im überfüllten Bergwerk ohne Essen ausgeharrt zu haben.”

euronews:
“Was hat sich für Sie in den letzten drei Jahren verändert?”

Herrera:
“Dadurch, dass ich gelernt habe das Leben zu genießen, haben sich meine Gefühle gewandelt. Ich bin natürlich noch immer angeschlagen, aber das wird Schritt für Schritt besser. Ich kann es schlecht ertragen meine Familie wegen dieser traumatischen Erfahrungen leiden zu sehen. Sie haben keinerlei Unterstützung erhalten, nichts.”

euronews:
“Was hätten die Verantwortlichen Ihrer Meinung nach tun sollen?”

Herrera:
“Auch die Familien hätten Hilfe nötig gehabt, vielleicht sogar psychologische Unterstützung. Manche von unseren Familien haben fürchterlich gelitten. Sie haben noch immer Albträume, wenn sie über die Ereignisse sprechen und niemand hat nach ihnen geschaut.”

euronews:
“Fühlen Sie sich von den Behörden und von den Medien im Stich gelassen?”

Herrera:
“Von den Behörden schon. Sie versprachen uns das Blaue vom Himmel, allerdings waren das nur leere Worte. Ihre Versprechen hatten sie augenblicklich vergessen. Ich persönlich fühle mich manipuliert. Die Politiker haben uns benutzt und dann haben sie uns fallen gelassen wie eine leeren Kaffeebecher.”

euronews:
“Was sind die derzeitigen Entschädigungen, die Sie erhalten?”

Herrera:
“Wir wissen es nicht. Unser Anwalt kümmert sich darum. Das Einzige was wir wissen ist, dass das Unternehmen freigesprochen worden ist und das sie für keinerlei Kosten aufzukommen brauchen. Ich denke, es gibt eine Moral hinter dem, was wir erlebt haben. Weil es nur unzureichende Sicherheitskontrollen gibt, passieren solche Unfälle noch heute. Deshalb kann man uns nicht übel nehmen davon auszugehen, dass diese Bergwerke schlecht überwacht werden, obwohl es dort um eine Menge Geld geht. Die Justiz hat nicht getan, außer ein Urteil ausgesprochen, das ohne eine wirkliche Untersuchung zustande gekommen ist.”

  • Back to San José mine, one year later

    Source: Facebook

euronews:
“Arbeiten Sie im Moment? Und wenn ja, wo?”

Herrera:
“Ja. Ich arbeite bei Codelco Radomiro Tomic in Calama. Ich arbeite immer noch in einer Mine. Allerdings übertage als Lastkraftfahrer. Unter freiem Himmel zu arbeiten ist ohnehin besser und viel sicherer. Radomiro Tomic ist führend in Codelco. Davor habe ich bei Panal Ltda gearbeitet, aber auch da nicht untertage.”

euronews:
“Und wie hat es sich angefühlt wieder arbeiten zu gehen?”

Herrera:
“Es war großartig! Ein tolles Gefühl.”

euronews:
“Glauben Sie, Sie könnten irgendwann nochmal in einem Bergwerk arbeiten? Waren Sie seit dem Unglück schon einmal wieder unten?”

Herrera:
“Ja, ich habe einige besucht und sie beunruhigen mich und machen mir Angst. Ich traue dem Ganzen nicht mehr. Vor nicht all zu langer Zeit bin ich nach San José zurückgekehrt. Ich bin in einen kleinen Schacht geklettert und dabei fühlte ich etwas, das ich noch nie gespürt habe. Heute, drei Jahre später glaube ich nicht, dass ich wieder da unten arbeiten könnte.”

“Können Sie Ihre Gefühle bei der Rückkehr nach “San
José” beschreiben?

Herrera:
“Im Bergwerk befiel mich eine ungeheure Angst. Ich war verzweifelt. Ich fühlte, dass ich in mir etwas regeln musste. Nach nur 100 Metern im Stollen war mir bewusst, dass “San José” ein Teil meines Lebens bleibt”.

euronews:
“Haben Sie noch Kontakt zu den anderen der “San José 33”? Wie geht es Ihren ehemaligen Kollegen?

Herrera:
“Ja, ich habe noch Kontakt und sie haben mich wissen lassen, dass es ihnen ziemlich schlecht geht, sowohl psychologisch als auch finanziell”.

euronews:
“Erhalten sie Hilfe?”

Herrera:
“Keine Ahnung. Einige erhielten eine Hilfszahlung, aber das waren nur 12 von 33, obwohl wir alle das gleiche durchmachten. Die Finanzhilfe nützt allen. Einigen machen ihre finanziellen Probleme psychologisch zu schaffen”.

euronews:
“ Warum haben nur 12 der 33 diese Hilfe erhalten?”

Herrera:
“Sie wurde nur an die über 55-jährigen gezahlt, die nach dem Unglück nicht mehr arbeitsfähig waren”.

euronews:
“Nach der epischen Rettungsaktion haben viele gesagt, sie haben zu viel Geld erhalten. Dafür hat man Sie kritisiert. Stimmt das? Werden Sie noch immer kritisiert?”

Herrera:
“Ja, wir haben etwas Geld erhalten, aber das war nicht so viel. Acht Millionen Pesos (EUR 11.900). Ja, sie feinden uns noch immer an und sagen, wir hätten zuviel Geld erhalten”.

euronews:
“Für ein paar Tage waren Sie weltberühmt. Wie fühlten Sie sich, als das Interesse erlahmte?”

Herrera:
“Ich merkte gar nichts. Ich habe keinen Ruhm gesucht, ich wollte nur, dass es mir gut geht. Eineinhalb Jahre lang war ich in psychiatrischer Behandlung. Ich nahm an einer Gruppentherapie teil, wo ich anderen half, indem ich meine Erlebnisse schilderte. Ich habe eine Botschaft: nicht aufgeben!”

euronews:
“Gibt es etwas, was sie den Behörden oder ihren damaligen Kollegen mitteilen möchten?”

Herrera:
“Den Behörden: Ihr seid erneut eine Enttäuschung, den Kollegen: Ihr seid stark, macht weiter!”