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Starsopranistin Natalie Dessay kehrt der Oper den Rücken zu

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Starsopranistin Natalie Dessay kehrt der Oper den Rücken zu

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In Toulouse im Südwesten Frankreichs wurde kürzlich Massenets Meisterwerk Manon aufgeführt. Der glitzernde Stern der Inszenierung war die begnadete Natalie Dessay.

“Regisseur Laurent Pelly hatte Manon als eine Person im Sinn, die enorme Vitalität ausstrahlt”, sagt die 48-Jährige. “Deshalb wirkt sie auf ihre Umgebung so attraktiv. Es dürstet sie nach Leben und Vergnügen. Dieses Verlangen macht sie äußerst anziehend.”

Das Darstellen der Manon erforderte von der Französin, sich in einen nicht ganz einfachen Charakter zu versetzen: “Sie sollte wie ein kleines Tier gezeigt werden, das bei lebendigem Leibe von der konformistischen Bourgeoisie verspeist wird. Aber sie ist ein hartnäckiges Tier: rebellisch und unnachgiebig. Manon ist nicht unbedingt eine liebenswerte Person. Sie ist ohne Moral, äußerst selbstbezogen und versucht alles und jeden zu bestimmen, der ihr begegnet. Nichts ist wichtig, es zählen nur ihre Wünsche. Gleichzeitig verleiht ihr der Durst nach Leben ein anrührendes und reizendes Wesen.”

Im Vordergrund der Inszenierung soll nach Meinung der Sopranistin dabei das dargestellte Wort stehen: “Ich habe immer gesagt, dass die Oper aus meiner Sicht primär Theater ist. Das hat diejenigen schockiert, für die die Musik im Vordergrund steht. Doch das ist die ewige Diskussion. Für mich kommt der Text an erster Stelle. Das bedeutet, dass die Musik, das Orchester und die Interpreten der Aufführung und der Handlung dienen müssen.”

Eine Frage beschäftigt die Opernwelt seit geraumer Zeit: Ist dies der letzte Karriereakt der französischen Sopranistin oder gönnt sie sich bloß eine schöpferische Pause? Dessay: “Ich pflege es so auszudrücken: Ich verlasse die Oper nicht, die Oper verlässt mich. Mein Repertoire ist begrenzt, ich hatte fast alle meiner Stimmlage entsprechenden Rollen inne, und bin jetzt in einem Alter, in dem ich nicht mehr das naive junge Mädchen geben möchte”, so die 48-Jährige. “Es gibt keine Rollen mehr für mich. Wenn ich immer nur dieselben Charaktere darstelle – und das aber nicht besser als vorher – erkenne ich darin keinen Sinn. Doch ich habe zahlreiche andere Projekte. Ich möchte auf der Bühne stehen ohne zu singen, um herauszufinden, wie es um meine Qualitäten als Schauspielerin bestellt ist, wenn ich nicht singe.”

Wenn Sie weitere Ausschnitte des Gesprächs mit Natalie Dessay (in französischer Sprache) sehen möchten, folgen Sie diesem Link:

Interview bonus : Natalie Dessay

Die nächste Gelegenheit, Dessays Repertoire außerhalb der Oper zu sehen und zu hören, haben Sie am 27. und 28. Oktober in Paris (Olympia) und am 30. Oktober in Marseille (Le Silo). In den kommenden Monaten folgen weitere Auftritte in Frankreich, Österreich, Kroatien, Schweiz und Kanada.