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Vukovar: "Wie Salz, das man in eine Wunde streut"

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Vukovar: "Wie Salz, das man in eine Wunde streut"

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Vukovar in Kroatien – eine Stadt, die nach dem Zusammenfall Jugoslawiens im Krieg völlig zerstört wurde. Heute ist Vukovar wieder aufgebaut. Es bleibt jedoch ein Symbol für Kroatiens opferreichen Unabhängigkeitskampf.

Nun sorgt ein NEUES Symbol für Unruhe: Kyrillische Schrift auf Schildern an öffentlichen Gebäuden. Der kroatischen Verfassung zu Folge müssen Sprache und Alphabet von Minderheiten geschützt werden. Eine Volkszählung von 2011 ergab, dass ein Drittel der Einwohner Vukovars Serben sind. Die ersten Schilder in deren kyrillischer Schrift wurden im September aufgehängt – und umgehend von kroatischen Kriegsveteranen heruntergerissen. Für die Gegner weckt das Kyrillische schlechte Erinnerungen: Als Vukovar der jugoslawischen Armee allein gegenüberstand – letztere wollte die Unabhängigkeitserklärung Kroatiens nicht hinnehmen. Vukovar zahlte einen hohen Preis.

An den kann sich Kriegsveteran Danijel Rehak nur zu gut erinnern: An Soldaten, die 1991 in Vukovar gefangen genommen und in serbische Lager abtrasportiert wurden. Für viele gab es kein Zurück. Rehak war bei allen Protesten der letzten Zeit dabei. “Wir sind gegen die serbische Sprache und gegen kyrillische Schilder. Mit diesen Buchstaben haben sie uns schon 1991 tyrannisiert. Es kamen 5.000 unserer Mitbürger ums Leben: Unabhängigkeitskämpfer, Zivilisten, Kinder, alte Menschen, … Mehr als 400 Menschen werden weiter vermisst,” klagt Rehak.

August 1991: Die jugoslawische Armee und lokale serbische Kämpfer griffen Vukovar an, nachdem Kroatien seine Unabhängigkeit erklärt hatte. Es folgte eine dreimonatige Belagerung, bis Vukovar für die nächsten vier Jahre in die Republik Serbische Krajina integriert wurde.

Trauriger Höhepunkt: Das Massaker an Patienten und Personal des örtlichen Krankenhauses. Während der Belagerung leitete Vesna Bosanac die Klinik, hier wurden die Verwundeten behandelt. Bosanac wirft der kroatischen Regierung vor nicht zu verstehen, welche Emotionen Vukovar noch immer auslöst. Sie meint, “als wir nach dem Friedensabkommen von 1997 hier hin zurückkamen, waren auf einmal alle Schilder auf Kyrillisch. Es folgte der Prozess der friedlichen Wiedereingliederung, dann war alles auf Kyrillisch plötzlich nicht mehr gültig. Nach der Volkszählung vor zwei Jahren gibt es nun neue kyrillische Schilder an öffentlichen Gebäuden. Das wäre alles kein Problem, wenn die Wunden der Menschen hier bereits verheilt wären. Wenn sie ihre Toten und Vermissten endlich gefunden hätten. Doch das ist nicht der Fall. Die kyrillischen Buchstaben sind wie das Salz, das man in eine Wunde streut.”

Heute ist das Erdgeschoss des Krankenhauses ein Museum – eine Erinnerung an das, was Vukovar durchmachte und an die, die sich von der Regierung im Kampf für die Freiheit im Stich gelassen fühlten. Aber der Vorwurf, Vukovar würde nach wie vor für politische Zwecke geopfert, wurde nach den Gesetzen zum Schutz von Minderheiten wieder laut. Die Regierung des jüngsten EU-Mitglieds meint hingegen, die Gesetze waren nötig, um die Vorlagen aus Brüssel zu erfüllen.

Für den Minister der Kriegsveteranen ist das wirkliche Problem ein anderes: Obwohl der Vukovar-Konflikt vor 15 Jahren endete, fehle weiter die Basis für einen dauerhaften Frieden. Nach Meinung von Fred Matic sind erst die Serben am Zug: “Bei ihnen hat keine Katharsis stattgefunden. Also, dass sie sich zu all dem bekennen, was sie mit Unterstützung der früheren jugoslawischen Armee angerichtet haben. Die Angriffe Serbiens und Montenegros gegen Kroatien… sie haben das noch nicht aufgearbeitet. Natürlich muss auch Kroatien seinen Teil der Schuld eingestehen. Aber das wird nicht passieren, so lange sich die Serben nicht ihre schuldig bekennen.”

Für die Vergangenheit Verantwortung zu übernehmen und zusammen in die Zukunft zu blicken, das ist für viele in Vukovar verfrüht. Ein Blick aufs Schulsystem genügt. Kroatische und serbischstämmige Kinder starten ihre Schullaufbahn gemeinsam – doch dann trennen sich ihre Wege umgehend. Kroaten gehen in die eine, Serben in die andere Klasse.

Serbische Schüler lernen beides: das kyrillische und das lateinische Alphabet. Aber sie lernen auch, was in serbischen Geschichtsbüchern steht. Eine Bedingung des Friedensabkommens. So sollen die Serben ihre nationale Identität bewahren.

Der Schuldirektor Zeljko Kovacevic hat serbische Wurzeln. Während der Belagerung blieb er in Vukovar, er wird von beiden Seiten akzeptiert. Seiner Meinung nach verhindern nicht Schule oder Kinder eine gelungene Integration – es sind die Erwachsen. “Politiker legen die Spielregeln fest,” erklärt er. “Die Menschen halten sich daran. Es gibt keine Arbeit und Menschen greifen nach jedem Strohhalm, sie können nicht unabhängig denken. Das ärgert mich im Unterricht. Intellektuelle hier denken nicht selbst, aber genau das müssen sie tun. Täten sie das, würde sich die Stadt wieder mit Leben füllen, mit neuen Ideen, besseren Schulen; verschiedene Kinder würden zusammenfinden.”

Die Kritiker des Schulsystems in Vukovar begründen: Trennende Klassen können keine Brücke über die Gräben der Vergangenheit bauen. Für viele Eltern stellt sich darüber hinaus die Frage: Wie erkläre ich meinem Kind, was in Vukovar passierte?

Sasha Mrkalj ist serbischstämmig. Seine Familie lebt seit Generationen in Vukovar. Der Sohn ist elf Jahre alt. Trotz der Schultrennung macht er zusammen mit kroatischen Schülern Sport. Ihm ist wichtig, dass sein Sohn die serbische Geschichte, Kultur und Sprache lernt. Wichtig ist ihm aber auch, dass der Elfjährige über Vukovars Vergangenheit Bescheid weiß. “Er stellt Fragen, das ist normal, in dem Alter sind sie sehr neugierig. Ich beantworte sie ihm, denn ich bin hier aufgewachsen und habe alles miterlebt, was in den letzten zwanzig Jahren passiert ist. Sagen wir es so: Ich habe MEINE Wahrheit. Jeder hier hat Anderes gurchgemacht,” meint Mrkalj.

Der 18. November ist ein sehr emotionales Datum für Kroaten und Serben in Vukovar: Der Jahrestag, an dem sich die Stadt der jugoslawischen Armee ergab. Aber er ist auch ein Symbol für die Parallelgesellschaften in Vukovar.

Stasha Hills Vater wurde 1991 getötet. Für sie, ihre Schwester, die Mutter und den Stiefvater stellen nicht die kyrillischen Straßenschilder das eigentliche Problem dar – sie sind nur ein Symbol der Teilung. Sie findet, “ich habe serbische Kollegen, aber über all das sprechen wir nicht. Wir diskutieren nicht darüber. Ich will nicht über ihren Standpunkt nachdenken, denn ich weiß genau, was sie denken. Zwischen uns liegt ein Graben. Jeder hat seine eigene Meinung, die stark differiert. Für sie ist Vukovar serbisch, für mich kroatisch.”

Vor dem Krieg war Vukovar eine der blühendsten Städte Jugoslawiens. Derzeit ist sie die ärmste. Beide Seiten hoffen auf Politiker, die nun in Vukovars Zukunft investieren.