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Wieder ein Klimagipfel gescheitert

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Wieder ein Klimagipfel gescheitert

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Die Maßnahmen zum Klimaschutz bringen offenbar nicht viel: Noch nie sind einer neuen Studie zufolge weltweit so viel Treibhausgase ausgestoßen worden wie in diesem Jahr. In zwei Jahren soll in Paris ein Weltklimavertrag besiegelt werden, dem sich alle Staaten verpflichten. Die Weichen dafür sollten auf der UN-Klimakonferenz in Warschau gestellt werden. Passiert ist jedoch nicht viel. Aus Protest haben Umweltschützer die Veranstaltung bereits am Donnerstag verlassen – wie der Klimaexperte von Greenpeace Martin Kaiser, mit dem wir gleich sprechen. Doch zuvor ein paar Fakten zum Klimawandel.

Der Supertaifun Haiyan – gesehen von der Weltraumstation ISS aus. Die Fachleute machen die Klimaerwärmung auf der Erde zumindest mitverantwortlich für solche Katastrophen. Das bedeutet in der Konsequenz, die könnten künftig häufiger werden. Wenn es wärmer wird, ist die Luft auch feuchter, mehr Wasser wird zu größeren Regenwolken in die Höhe gezogen. Und der Wind wird noch stärker wehen. Haiyan kam schon mit einer Geschwindigkeit von 314 km/h daher. Laut Welt-Meteorologie-Organisation steigt der Meeresspiegel, die Gletscher schmelzen stärker ab.
In Legaspi auf den Philippinen hat man von 1950 bis 2010 einen Anstieg des Meeresspiegels von 35 Zentimetern gemessen. Das bedeutet nicht weniger, als dass Inseln im Meer versinken werden. Die wirtschaftlichen Verluste durch den Klimawandel werden von der Weltbank für das letzte Jahrzehnt auf 149 Milliarden Euro geschätzt. Da verwundert es nicht, dass Klimawandel immer mehr zu einem Thema bei den Verhandlungen zwischen den Entwicklungsländern und den Industriestaaten wurde.
Klimawandel – Katastrophen – Armut. So verläuft die Entwicklung. Laut OXFAM musste allein für das Jahr 2013 die Hilfe für klimabedingte Schäden von 5,6 auf 12 Milliarden Euro aufgestockt werden. In China steigt ebenso rasant wie die Industriealisierung der CO2-Ausstoß. Die staatenübergreifende Expertengruppe zur Klimaentwicklung schätzt den Ausstoß in China auf mehr als zehn Millionen Tonnen pro Jahr. Derzeit ist China der negative Spitzenreiter, weit vor den USA, Großbritannien, Indien und Russland. Die Umweltaktion “Fährtensucher der Erde” geht von einem Temperaturanstieg von 3,7 Grad Celsius bis 2100 aus. Das Ziel besteht jetzt darin, den Anstieg auf 2 Grad zu begrenzen – bezogen auf die Durchschnittstemperaturen von vor der industrieellen Revolution in Europa. Sonst bleiben uns nur noch wenige Jahrzehnte bis zum endgültigen “point of no return.”

Andrea Büring, euronews:
Wir sprechen mit dem Klimaexperten von Greenpeace Martin Kaiser. Willkommen bei Euronews. Sie haben am Donnerstag bereits demonstrativ den Klimagipfel in Warschau verlassen. Was ist schief gelaufen?

Martin Kaiser, Klimaexperte von Greeenpeace:
Die polnische Regierung hat als Gastgeber diese Konferenz von Anfang an als eine Industriemesse aufgesetzt für die Kohleindustrie. Und das ist ihnen vor allem in der zweiten Woche auf die Füße gefallen, als ein Kohlegipfel parallel dazu initiiert wurde, und als der Premierminister von Polen auch noch seinen Umweltminister während der Konferenz entlassen hat, der eigentlich diese Konferenz zum Erfolg führen sollte… Darüber hinaus haben Länder wie Japan und Australien angekündigt, nicht mehr ihre Verpflichtungen, die sie eingegangen sind vor ein paar Jahren, zu erfüllen was die Reduzierung von Treibhausgasen angeht.

Andrea Büring, euronews:
Welche Rolle hat die EU in Warschau gespielt? Warum bemüht sie sich nicht stärker um mehr Klimaschutz? Und warum gibt es von Deutschland keine größeren Impulse – dem früheren Musterschüler, wenn es um Klima- und Umweltschutz geht?

Martin Kaiser, Klimaexperte von Greenpeace:
Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise ist Europa, was den Klimaschutz angeht, rückwärts gegangen. In Brüssel wird die eine und andere Gesetzgebung von den Industrieverbänden blockiert. Vor allem natürlich allen voran die Energiewirtschaft, die weiterhin auf Kohlekraft setzt. Aber auch die Automobilindustrie, die immer wieder ambitionierten Klimaschutz in Brüssel verhindert. Deutschland spielt da innerhalb Europas eine wichtige Rolle, denn unter der Regierung Merkel mit Wirtschaftsminister Rösler hat Deutschland immer wieder in Brüssel blockiert.

Andrea Büring, euronews:
Haben sich die Positionen der bisherigen Bremser USA, China und Russland bewegt?

Martin Kaiser, Klimaexperte von Greenpeace:
In China passiert derzeit eine ganze Menge. Wegen der Luftverschmutzung in den großen Städten ist die Regierung unter Druck, im Klimaschutz deutlich mehr zu tun als bisher. Und sie hat bereits jetzt in drei Provinzen Klimaschutzgesetze erlassen, die den Ausstoß von Co2 aus Kohlekraftwerken deutlich reduzieren sollen. Leider hat China es versäumt, das bisher in die Verhandlungen hier einzubringen und damit wirklich ein deutliches Signal zu geben, dass der größte Verschmutzer der Atmosphäre hier bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. In den USA passiert sehr viel derzeit – bei der Effizienz von Kohlekraftwerken, bei Effizienzmaßnahmen im Gebäudebereich. Aber leider ist immer noch die Politik Obamas von der Tea Party blockiert, was ein ambitioniertes Klimaschutzgesetz angeht.

Andrea Büring, euronews:
Wie wahrscheinlich ist es, dass die Staaten bis 2015 zur Weltklimkonferenz in Paris einen großen Schritt nach vorne tun, und dass ein für alle Staaten verbindliches Abkommen entsteht?

Martin Kaiser, Klimaexperte von Greenpeace:
Wenn es nicht gelingt, in Ländern wie Deutschland, in Europa, in den USA, in China die Menschen auf die Straße zu bringen und ihre Regierung zum ambitionierten Klimaschutz zu bringen, nicht mehr in Kohlekraftwerke zu investieren, nicht mehr neue Ölplattformen beispielsweise in der Arktis zu bauen, wird es nicht gelingen, 2015 diesen globalen Vertrag zu unterzeichnen, einen Vertrag, der das Papier Wert ist, auf dem er steht. Deswegen ist es jetzt um so wichtiger, dass mit dem Signal, diese Konferenz hier in Warschau zu verlassen, jetzt die Kampagnen anfangen gegen Investitionsprojekte in fossile Energieträger und dann auch die Regierungen folgen, dass sie nicht mehr von den Lobbyinteressen der Kohle- und Ölindustrie blockiert werden.

Andrea Büring, euronews:
Es bleibt also noch viel zu tun bis zur Weltklimakonferenz in Paris in zwei Jahren. Vielen Dank Martin Kaiser, Klimaexperte bei Greenpeace.