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Ukrainische Polizei geht gegen Pressevertreter vor

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Ukrainische Polizei geht gegen Pressevertreter vor

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Ein Mann liegt am Boden. Polizisten mit Schlagstöcken laufen, springen, steigen über ihn hinweg, ohne ihm zu helfen. Diese Szene hat der euronews-Kameramann Roman Kuprijanow gefilmt, Anschließend prügelten Polizisten auf ihn ein. Ein Demonstrant rief ihnen zu: “Lasst den in Ruhe. Der ist von der Presse”. Ohne Erfolg. Der Kameramann trug seine Akkreditierung als Vertreter eines ausländischen Fernsehsenders gut sichtbar am Oberarm – wie es Vorschrift ist. Die Schläge gingen trotzdem weiter. Der Kameramann wurde an der Hand verletzt, er befindet sich immer noch im Krankenhaus.

Die Zeitung “Kyiv Post” berichtet von 40 Angriffen dieser Art auf Pressevertreter, ukrainische und auch ausländische, die sich alle deutlich sichtbar als “PRESSE” zu erkennen gegeben hatten. Die Journalistin Olga Rudenko von der “Kyiv Post“verweist auf Videos von beschädigten oder ganz zerschlagenen Arbeitsmaterialien der Journalisten. Am Telefon berichtet sie: “Ich denke nicht, dass man hier von spontanen Aktionen einiger übereifriger Polizisten sprechen kann. Ich bin mir sicher, dass dahinter klare Befehle an die eingesetzten Spezialeinheiten der Polizei stehen. Ich würde gern glauben, dass es nicht um den Versuch geht, Journalisten einzuschüchtern. Aber die Fakten sprechen dagegen. Wir können von Befehlen der Vorgesetzten ausgehen. Es gibt auch im Nachhinein keinerlei offizielle Erklärungen von Seiten des Innenministeriums, in denen man sich von den Übergriffen distanzieren oder sie verurteilen würde.
Folglich erscheinen diese Übergriffe als gezielte Einschüchterung der Presse.”

*Wir sind jetzt in Kiew verbunden mit unserer Korrepondentin Maria Korenjuk.
Maria, haben die Oppositionsführer einen konkreten Aktionsplan für die nächste Zukunft, für die Massendemonstrationen im Zentrum von Kiew?*

- Die Oppositionsführer haben gerade mit den Medien hier gesprochen. Vitali Klitschko, Arseni Jazenjuk und Oleh Tjahnjbok haben gerade ihren Plan für die Aktionen am Dienstag vorgestellt. Die Oppositionsführer haben im Parlament einen Resolutionsentwurf vorgelegt, in dem der Regierung die Vertrauensfrage gestellt wird.
Sie hoffen, dass die Vertrauensfrage morgen als erster Punkt auf die Tagesordnung der Obersten Rada gesetzt wird.

In Übereinstimmung mit den ukrainischen Gesetzen könnete damit die Regierung durch Präsidentenorder oder durch Parlamentsbeschluß entlassen werden.

Die Oppositionsführer erwarten nicht, dass Präsident Viktor Janukowitsch die Regierung entlassen wird.
Darum hoffen sie auf das Mißtrauensvotum des Parlaments. Auf die Frage, was sie tun, wenn die Stimmen dafür nicht reichen, sagten sie, dann werden sie es ablehnen, weiter mit dieser Regierung zusammen zu arbeiten und zu Neuwahlen von Parlament und Präsident aufrufen werden.

euronews: – Sind die Oppositionsführer vom Ausmaß des Protestes überrascht worden? Innerhalb einer Woche wurden aus zehntausend Hunderttausende.

Maria Korenjuk:
Es ist wirklich schwer zu sagen, ob die Opposition mit einer so großen Beteiligung gerechnet hat. Am Sonntag vor einer Woche hatte sie die Anhänger einer europäischen Integration gerufen. Und war dann überrascht, als rund hunderttausend Leute kamen. Nachdem dann durch den brutalen Polizeieinsatz der friedliche Protest am Freitag beendet wurde, haben sich noch mehr Menschen dem Protest angeschlossen. In Kiew werden sie auf 500.000 bis eine Million geschätzt. Darauf war die Opposition nicht vorbereitet. Ihre Anführer wussten nicht, wie sie diese Massen kontrollieren, diesen gewaltigen Protest lenken können. Das sieht man daran, dass die Oppositionsführer an den entscheidenden Punkten nicht zur Stelle waren, dort, wo es zu Zusammenstößen zwischen Protestierenden und der Polizei kam. Aber in ihren Erklärungen behaupten sie dass sie die Massen unter Kontrolle hätten und die Lagen beherrschen würden.

euronews: – Noch vor einer Woche waren bei den Demonstrationen überwiegend pro-europäische Forderungen zu hören. Steht das Thema immer noch an erster Stelle oder hat sich da etwas geändert?

Maria Korenjuk:
Wir können mit Sicherheit sagen, dass die europäische Integration jetzt nur eine zweite Rolle spielt. Die ursprünglichen Hoffnungen auf intensivere Beziehungen mit der EU sind unterschiedlichen Forderungen gewichen. Die Hauptforderung lautete jetzt, jene juristisch zur Verantwortung zu ziehen, die für das brutale Vorgehen gegen friedliche Demonstranten am Freitag auf dem Unabhängigkeitsplatz verantwortlich sind – und die Regierung zu stürzen. Diese Forderungen kann man auf den Straßen im Regierungsviertel von Kiew hören, wo die Demonstranten Postenketten bilden und versprechen, die Blockade sobald nicht zu beenden.

Halten Sie sich gerade in der Ukraine auf? Senden Sie uns Ihre Eindrücke, Fotos oder Videos: witness[at]euronews.com