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Wo ein Nobelpreisträger künftige Fragen an die Physik sieht

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Wo ein Nobelpreisträger künftige Fragen an die Physik sieht

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Wohl keine andere Nobelpreisentscheidung wurde in diesem Jahr mit so großer Genugtuung von der Welt der Wissenschaft zur Kenntnis genommen wie jene, den Preis für Physik an die Väter des Higgs-Teilchens zu vergeben, Peter Higgs und den Francois Englert. Den Belgier Francois Englert trafen wir zum Interview.

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Herr Professor, wie fühlen Sie sich, wenn Sie ihren Namen neben denen von Albert Einstein, Pierre und Marie Curie stehen sehen?

Francois Englert :
Nun, zunächst einmal ist da ein Gefühl der Bescheidenheit, weil ich finde, dass ich nicht jenes Maß an Intelligenz und auch nicht das Verständnis für die Dinge habe wie Albert Einstein. Einstein ist einer der zwei oder drei Menschen, die das Verständnis von der Welt in einer Weise erweitert und verändert haben wie niemand sonst. Ich schon gar nicht. Das heißt, natürlich ist diese Anerkennung für mich eine sehr angenehme Sache.

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Sie haben schon viele Preise bekommen, nun also der Nobelpreis. Müsste jetzt nicht der Teilchenbeschleuniger vom CERN als dritter Preisträger in Stockholm genannt werden?
.
Francois Englert :
Das entscheidet das Preiskomitee. Es ist nicht meine Aufgabe, deren Entscheidungen zu diskutieren. Klar ist, das Komitee hat den Preis für die Entwicklung der Theorie vergeben. Ob das richtig ist oder nicht habe nicht ich zu befinden.

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Sind die Europäer dank des Teilchenbeschleunigers vom CERN jetzt an die Weltspitze in diesem Bereich aufgestiegen, noch vor den USA?

Francois Englert
Es ist offensichtlich, zumindest in Hinblick auf die Entwicklung der experimentellen Teilchenforschung. Ich würde das jetzt nicht zur Generalaussage erheben, aber jetzt ist es klar, etwas dem CERN Vergleichbares gibt es momentan nicht auf der Welt.
Es ist schon die beste Anlage für die experimentelle Erforschung der Elementarteilchen .

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Das Higgs-Boson ist als die wichtigste wissenschaftliche Entdeckung der letzten fünfzig Jahre beschrieben worden. Nun, da das noch fehlende Puzzleteil gefunden wurde, was bleibt den Wissenschaftlern für die nächsten Jahren zu tun ?

Francois Englert :
Da bleibt ein Problem, das vielleicht noch wichtiger ist, weil es um die grundlegenden Entwicklungen geht, mit denen Physik zu tun hat, wenn es um ein tieferes Eindringen in die Fragen geht bei der Suche nach einem wissenschaftlichen Verständnis des Universums : Es geht um das, was wir als “dunkle Energie” bezeichnen. Dies ist nicht das gleiche wie “dunkle Materie”, die ist eine Art Feld, das das gesamte Universum umgibt. Die einfache phänomenologische Erklärung dafür hat uns schon Einstein geliefert. Es geht um ein tiefes Verständnis, um das Wissens über die Auswirkungen der Quantenmechanik, oder genauer gesagt, um das Verhältnis der Quantenmechanik zur Allgemeinen Relativitätstheorie, die die Theorie der Gravitation der Körper ist. Das ist nicht in allen Dingen so wichtig, in vielen Dingen, die uns umgeben, ist die Frage der Quanten-Schwerkraft vernachlässigbar. Sie spielt aber eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Universum seit –
ich – weiß-nicht – ab- wann. Da müssen wir eine Antwort finden.

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Ohne Quantenphysik, gäbe es kein Science-Fiction, kein Star Trek . Wenn Sie die Kühnheit gehabt hätte, ihren Artikel 50 Jahre eher zu veröffentlichen, hätte es vielleicht an der entsprechenden Theorie für den Beweis gemangelt.
Welche Rolle spielen bei ihrer Arbeit Phantasie und Kreativität ?

Francois Englert :
Ich denke, es geht wirklich um Kreativität. Und ich würde sagen, dass wir im Grunde genommen neue Ideen brauchen. Das heißt, ganz banal, es ist Intuition gefordert, Intuition kann aus Experimenten erwachsen, kann aber auch aus dem Unterbewusstsein kommen. Dort entwickeln sich Gedanken manchmal freier als in der Welt, die von den täglichen Notwendigkeiten regiert wird. Und diese Analyse führt zu einer Art Update, das eine sehr wichtige Rolle spielt, man nennt das gemeinhin Intuition”. Und die ist in der Tat ein kreatives Phänomen. Und das halt ich für wichtig, es unterscheidet sich im Wesentlichen nicht sehr vom künstlerischen Schaffen. Ästhetik spiel gewissermaßen eine grundlegende Rolle.

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Als Sie ihren Artikel veröffentlichten, gab nicht eben viel Interesse, vielleicht fünfzig Reaktionen.
Welche Botschaft haben Sie für die jüngere Forschergeneration?

Francois Englert : Die Botschaft… Zunächst Ich glaube nicht, dass ich wirklich eine Botschaft zu vermitteln habe. Ich kann nur meine Erfahrung vermitteln. Wichtig war wohl auch, dass wir, bevor wir zu dieser theoretischen Entdeckung kamen – Robert Brout und ich – vorher schon in einem anderen Bereich gearbeitet hatten.
Wir haben alle immer nach dem humanistischen Ideal gestrebt. Auch wenn es schwieriger ist in einer Welt mit so viel Wissen. Wir wissen aber noch längst nicht alles, also bleibt noch Platz für neue Ideen, vor allem, wenn man es intelligent anstellt.
Es ist auch klar, anzufangen in einem Gebiet, in dem es wenig Erfahrung gibt, das hat Nachteile.
Es hat aber auch einige Vorteile, man kann die Fehler der anderen vermeiden.

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Das Higgs-Teilchen wird auch “ Gottes-Teilchen “genannt. Was hat Gott Teil damit zu tun?

Francois Englert :
Nichts, wirklich nichts. Ich weiß einfach nicht, was Gott mit diesem Fall zu tun haben soll. Aber das ist dann wohl schon wieder eine ganz andere Frage….