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Die Kunstsammlung des Fleischers

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Die Kunstsammlung des Fleischers

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István Kövesi war Metzger und Kunstsammler im kommunistischen Ungarn. Jahre lang verkaufte er in seinem Budapester Laden koscheres Fleisch, doch seine geheime Leidenschaft galt der Kunst. In den 60er und 70 Jahren legte der Kunstlaie treffsicher eine der bedeutendsten Privatsammlungen an mit Werken von zum Teil berühmten ungarischen Malern der Moderne. Sein Kunstschatz, den er versteckt hielt, ist erstmals in einer Ausstellung zu sehen, in der Galerie von Tamás Kieselbach.

“Warum Sammler in dieser Zeit ihre Werke versteckten, ist einfach zu verstehen, das Geld stammte aus privaten Geschäften”, erklärt Kieselbach. “Während der kommunistischen Ära waren nur staatliche Betriebe und Geschäfte erlaubt. Der Privatsektor wurde mehr oder minder geduldet. Am Reichsten waren damals Taxifahrer, Friseure, Lebensmittel- und Gemüsehändler. Ebenso István Kövesi und seine koschere Fleischerei.”

In den 70er Jahren betrug das durchschnittliche Monatsgehalt in Ungarn 1500 Forint, also etwa fünf Euro. Um sich die kostbaren Gemälde leisten zu können, griff Kövesi in die Schwarzgeldkasse und pflegte enge Kontakte zum Künstler- und Sammlermilieu, um sich am staatlichen Versteigerungssystem vorbeizumogeln. Bis heute kann man den privaten Parallelmarkt vor den Türen der Auktionshäuser beobachten.

“Das Kommissionshaus war der einzige Ort, an dem Sammler im Kommunismus legal Kunst kaufen konnten”, sagt der Kunsthistoriker Péter Molnos. “Danach gingen sie ins Café Luxor gleich nebenan und besprachen, was man im Auktionshaus und was privat kaufen könnte.”

In den Räumen des ehemaligen Cafés ist heute die Galerie Kieselbach untergebracht.

Geboren wurde István Kövesi 1911 als Sohn einer jüdischen Familie in Vácrátót, einem kleinen Dorf bei Budapest.

Während der Nazizeit sollte seiner Familie schlimmstes Unheil widerfahren. Er selbst überlebte die Deportation.

Péter Molnos: “In den 1930er Jahren schränkten die sogenannten Juden-Gesetze das Leben der ungarischen Juden stark ein. István Kövesi wurde nach Mauthausen deportiert, er überlebte und kehrte zurück. Danach lernte er seine Frau kennen, die Auschwitz überlebt hatte. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, dachte Kövesi, der Albtraum wäre vorbei. Aber zu Hause war niemand mehr. Die gesamte Familie war im Holocaust umgekommen.”

Weil das Familiengeschäft konfisziert worden war, musste der gelernte Metzger in der Fabrik arbeiten, konnte aber nach dem ungarischen Volksaufstand eine verlassene Fleischerei übernehmen und begann, für seine Kunstsammlung zu sparen. So entstand der außergewöhnliche Kunstschatz, der bis heute strahlt.