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Vor Sotschi: Islamisten schüren Klima der Angst

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Vor Sotschi: Islamisten schüren Klima der Angst

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Der neue Anschlag von Wolgograd ist der dritte innerhalb kurzer Zeit. Schon im Oktober hatte sich dort eine junge Frau in einem Bus in die Luft gesprengt. Außer ihr starben sechs Menschen.

Nicht erst seit jenem Anschlag ist bei solchen Anlässen schnell die Rede von den “schwarzen Witwen”. Der Begriff bezeichnet Witwen von Islamisten, die bei Kämpfen gegen die russischen Sicherheitskräfte im Nordkaukasus getötet wurden. Etliche Anschläge der letzten Jahre gehen auf das Konto dieser Frauen.

Jetzt ist offenbar die Zeit gekommen, in der Islamisten ihren Kampf gegen die russische Herrschaft verstärken – wenige Wochen vor den Olympischen Winterspielen von Sotschi. Doku Umarow, der bekannteste ihrer Anführer, hatte schon im Sommer zu Anschlägen auf die Spiele aufgerufen.

Umarow kämpfte gegen die russische Regierung in den beiden Tschetschenienkriegen.
Er ist der selbsternannte Anführer, der Emir, des sogenannten “Emirats Kaukasus” – des Gebiets also, das er von Russland abspalten und unter islamisches Recht stellen will: Ein Gebiet weit über Tschetschenien hinaus, auch zum Beispiel mit Dagestan oder
Ossetien.

Dazu dienen Anschläge wie die jetzt von Wolgograd: Sotschi selbst und die Wettkampfstätten stehen allerdings unter starkem Schutz und sind mit Anschlägen wohl nur schwer zu treffen – aber das Riesenreich Russland lässt sich nie vollständig schützen.

Das haben Anschläge gezeigt wie die beiden Attacken auf die Moskauer U-Bahn vor knapp vier Jahren. Auch dafür hat Umarow die Verantwortung übernommen, ebenso wie für den Anschlag auf den Moskauer Flughafen Domodedowo knapp ein Jahr später. Zumindest bei den Metroanschlägen machten die Behörden zwei Frauen verantwortlich, also wiederum “schwarze Witwen”.

Sowohl Männer als auch Frauen waren die Täter bei der Geiselnahme während des Musicals “Nord-Ost” in einem Moskauer Theater. Das war bereits im Jahr 2002. Die ungewöhnliche Beteiligung von vielen Frauen sorgte schon damals für Aufsehen – es war das erste Mal, dass die “schwarzen Witwen” in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rückten.

Wir sprechen mit dem Analysten Matthew Clements von dem globalen Informationsunternehmen IHS. Für IHS arbeiten weltweit Experten in Bereichen wie Energie, Ökonomie, und geopolitische Risiken. Matthew Clements ist uns aus London zugeschaltet.

euronews:
“Matthew Clements, zwei Bomben innerhalb von 24 Stunden – wer steckt da dahinter?”

Matthew Clements:
“Höchstwahrscheinlich Islamisten aus der russischen Nordkaukasus-Region. Für so eine Vorgehensweise, also Selbstmordattentäter und Zivilisten als Opfer, sind sie bekannt. Mit den Anschlägen in Wolgograd wollen sie ein Klima der Angst erzeugen und die verunsichern, die im Februar in die Region Krasnodar nach Sotschi zu den Olympischen Winterspielen kommen wollen.”

euronews:
“Über welche Ressourcen verfügen diese Leute?”

Matthew Clements:
“In regelmäßigen Abständen greifen sie schon seit mehr als zehn Jahren im Nordkaukasus Ziele an, in Dagestan, Inguschetien und in Tschetschenien. Dann greifen sie sporadisch auch anderswo in Russland an. Mit den Anschlägen in Wolgograd gehen sie einen Schritt weiter, sie wollen noch mehr Unsicherheit verbreiten, gerade jetzt vor den Olympischen Spielen. Es besteht die Gefahr, dass diese Gruppe an anderen Orten im Süden Russlands zuschlägt, oder auch in den größeren Städten wie Moskau.”

euronews:
“Wenn Sotschi das Ziel ist, was kann Putin da tun?”

Matthew Clements:
“In und um Sotschi herrschen ganz strenge Sicherheitsvorkehrungen. In der ganzen Region Krasnodar.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Terroristen direkt dort zuschlagen, ist dadurch natürlich geringer. Das Transportsystem in dieser Region und in ganz Südrussland ist viel eher in Gefahr, als Ziel hergenommen zu werden. Auch an Orten wie in Moskau. Ein solcher Terrorakt würde den Spielen enorm schaden und auch dem Ruf der Regierung und dem Wladimir Putins persönlich.”

euronews:
“Können Sie Genaueres zu den Tätern sagen?”

Matthew Clements:
“Nein, im Moment gibt es nicht genug Informationen um Konretes zu sagen oder gar den Namen eines Individuums.
Im Laufe der Ermittlungen haben sich die Hauptverdächtigen immer wieder verändert. Beides waren Selbstmordanschläge in Wolgograd, und bei den Attentätern handelt es sich doch wohl um Männer. Wer dahinter steckt, darüber wissen wir im Moment nichts Konkretes.”