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Erdbebenstadt L'Aquila: Fünf Jahre und kaum Fortschritt

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Erdbebenstadt L'Aquila: Fünf Jahre und kaum Fortschritt

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Es ist ein ganz normaler Tag in einer Grundschule in L’Aquila, im Herzen Italiens. Aber doch ist es keine Schule wie jede andere. Denn fast fünf Jahre, nachdem die Stadt von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht wurde, müssen sich Lehrer und Schüler noch immer mit Übergangslösungen zufrieden geben. Langsam, aber sicher sind sie mit ihrer Geduld am Ende.

“Die Provisorien werden zum Dauerzustand: die Lüftung, die Heizung, die Filter. Die Kinder haben schon Atemprobleme!”, sagt Lehrerin Silvia Frezza. “Seit fünf Jahren wird nichts Anderes getan, als auf immer neue Mängel zu reagieren. Wir wollen diese Notlage nicht noch einmal fünf Jahre ertragen. Es reicht!”

Dieses Gefühl haben viele in der Region. Die Spuren der Katastrophe finden sich nach wie vor überall. Viele der rund 70.000 Menschen, die wegen des Erdbebens ihr Heim verloren, wurden in provisorischen Wohnsiedlungen untergebracht. Aber diese Übergangslösung besteht noch immer.

Pierluigi Lo Marco wohnt seit vier Jahren in einer der größten dieser Siedlungen, die innerhalb weniger Monate am Stadtrand von L’Aquila hochgezogen wurden. Die Folgen der hastigen Bauweise sind seit langem sicht- und spürbar: Die Abwasseranlagen funktionieren nicht richtig, die Wohnungen sind schlecht isoliert. Die Mängelliste wird lang und länger. Und dann ein weiterer Schock: Diesen Winter sollten die Bewohner plötzlich die Rechnung der vergangenen drei Jahre begleichen. Lo Marco erzählt: “Manche Leute müssen fünf-, sechs-, oder siebentausend Euro an Heizkosten zahlen. Wie sollen sie das Geld aufbringen? Wir haben bei den Behörden einen Antrag gestellt, dass die Firmen für die Differenz aufkommen, die der Stadt diese tollen Gebäude, die nicht den Energienormen entsprechen, angedreht haben.”

Die Bewohner haben den Verdacht, dass mitunter Preise verlangt werden, die über dem Marktwert liegen – und die Sicherheit steht auch nicht immer an erster Stelle. Eine mittlerweile verlassene Behelfssiedlung etwa wurde in einem Gebiet errichtet, das von Überschwemmungen bedroht ist: Es folgte die Räumung. Die Baukosten? In den Sand gesetzt! Mehrere hundert Familien mussten umgesiedelt werden. Von einer Übergangslösung in die nächste.

“Das verwendete Material schien, nein, es war bereits beschädigt, als die Siedlung 2009 eingeweiht wurde”, berichtet Anna Lunadei, die hier wohnte. “Die Holzstücke waren nicht richtig montiert. Wenn man sich die Laternen genau anschaut und sie anfasst, merkt man, dass sie unbefestigt auf dem Boden stehen. Bei manchen Bewohnern war das Dach ein einziges Loch und es hat ‘reingeregnet! Der Bauherr und andere Leute wurden verklagt. Ich glaube, sie standen einige Tage unter Hausarrest, das war’s! So ist es immer in Italien! Sie müssen keinen einzigen Euro zurückzahlen…”

Regelmäßig berichten italienische Medien über die Mängel in den Siedlungen, über Veruntreuung und andere Anschuldigungen. Im vergangenen November sorgte ein Bericht des Europäischen Haushaltskontrollausschusses für Aufsehen. Demzufolge wurden fast 500 Millionen Euro aus dem Solidaritätsfond an Firmen gezahlt, die mit der organisierten Kriminalität in Verbindung stehen. Es ging dabei um Geld, das vor allem für die Errichtung von Notunterkünften in L’Aquila ausgeschüttet worden war.

Die Anschuldigungen stützten sich insbesondere auf die Anti-Mafia-Organisation Libera. Deren Vertreter in L’Aquila ist Angelo Venti. Er sagt: “Es gab eine Reihe von Verordnungen und Regelungen, die zu schlampigen Kontrollen führten. Diese Umstände wiederum haben Firmen begünstigt, die Verbindungen zur organisierten Kriminalität besitzen. Dadurch wird Korruption im Kern der Gesellschaft erzeugt. Belegen lässt sich das auch dadurch, dass wir keine Hinweise mehr aus der Bevölkerung bekommen. Und wenn doch, muss man sehr vorsichtig sein, denn man kann nicht ausschließen, dass ein mafiöses Unternehmen ein anderes mafiöses Konkurrenz-Unternehmen anschwärzen will.”

Der Stadtplaner Antonio Perrotti war früher ein Mitglied des Ausschusses, der für den Abriss von Gebäuden verantwortlich war. Er hat den Zivilschutz auf zahlreiche Mängel hingewiesen. Immer dann, wenn er sie mit seinen eigenen Augen sah. Reaktionen blieben oft aus, sagt er. “Man hat die Gelegenheit genutzt, gewisse Leute zu begünstigen. Es wurden überflüssige Aufträge an Gesellschaften vergeben: etwa für die Beseitigung von Bauschutt oder den Bau von nutzlosen Stützkonstruktionen wie hier in L’Aquila”, so Perrotti.

Fast fünf Jahre nach dem Erdbeben sind die Arbeiten in der mittelalterlichen Stadt noch längst nicht abgeschlossen. Im Zentrum ist der Baulärm ein ständiger Begleiter. Die zahlreichen Gerüste prägen das Stadtbild. Dass diese Metallkonstruktionen aber überhaupt Gebäude stabilisieren könnten, sollte die Erde wieder beben, daran zweifelt Antonello Salvatori. Und der Techniker meint: Die Restauration mancher zerstörter Wohnhäuser sei schlicht und ergreifend sinnlos. “Die Schäden, und insbesondere die strukturellen Schäden, sind zu groß, um die Gebäude wieder völlig herzustellen”, sagt Salvatori. “Es wäre besser gewesen, sie nach dem Erdbeben völlig abzureißen und neu zu bauen. Man hätte den Leuten ermöglichen sollen, schnell wieder in die eigenen vier Wände zu ziehen. Das hätte die Kosten für Hilfsleistungen reduziert. Und vielleicht auch die Baukosten für die Behelfsunterkünfte.”

Den jüngsten Berechnungen der Stadtverwaltung zufolge werden fünf Milliarden Euro benötigt, um L’Aquila wieder völlig aufzubauen. Aber das Geld ist nicht da. Während unseres Interviews im Dezember drückte der Bürgermeister seinen Ärger über die Europäische Union aus. “Wir haben einen Weg gefunden, wie wir die Mittel für den Wiederaufbau zusammenbekommen können”, sagt Massimo Cialente. “Es geht hier um eine Menge Geld, aber Italien, die Regierung gibt uns das Geld nicht. Denn wenn wir gewisse Möglichkeiten ausschöpfen würden, und zum Beispiel einen Kredit über 40 Jahre bei Banken aufnehmen würden, würde das gegen den Stabilitätspakt verstoßen. Wenn ein Land aber von einer solchen Naturkatastrophe getroffen wurde und handeln muss, wie kann es da sein, dass Europa nicht zulässt, dass man den Stabilitätspakt bricht, um die Schäden zu beseitigen? Das ist bestialisch und beschämend!”, meint der Bürgermeister. Mittlerweile ist er zurückgetreten, nachdem Ermittlungen gegen einen seiner Mitarbeiter eingeleitet wurden. Es geht um Korruption.

Zurück zu Pierluigi Lo Marco. Trotz der misslichen Lage sieht er mittlerweile Licht am Ende des Tunnels. Nach zweijährigen Arbeiten ist seine alte Wohnung wieder bewohnbar. Und obwohl er an jenem 6. April 2009 fast alles verloren hat, will er zurück, in seine neue, alte Wohnung. Lo Marco: “Ich habe den Traum, hier am 6. April aufzuwachen. In meiner Wohnung. Ich will alle bösen Erinnerungen auslöschen und endlich wieder mein Leben leben, woran mich die Natur seit fünf Jahren hindert.”