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US-Diplomat Ross: "Sharons Persönlichkeit hatte viele Facetten"

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US-Diplomat Ross: "Sharons Persönlichkeit hatte viele Facetten"

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Anlässlich des Todes von Ariel Sharon sprach euronews-Korrespondent Stefan Grobe mit US-Diplomat Dennis Ross, der am Institut für Nahost-Politik in Washington beschäftigt ist.

euronews:
“Sie hatten Posten während der Präsidentschaften von Bush senior, Clinton und Obama inne und vor allem haben Sie Ariel Sharon viele Male getroffen. Verschaffen Sie uns einen Eindruck: Was für eine Person, was für ein Mann war er?”

Dennis Ross:
“Er war ein sehr einnehmender Mensch. Er war jemand, der es verstand, sehr viele Rollen zu besetzen. Er konnte herzlich sein, er konnte viel aushalten, will sagen: Er war äußerst hart. Er konnte beharrlich sein, aber auch auf Dinge eingehen. Seine Persönlichkeit hatte viele Facetten, immer abhängig von den Umständen und davon, welche Rolle er einnahm. Der Ministerpräsident Ariel Sharon war ganz anders als der Außenminister Ariel Sharon, als der Bauminister oder der Oppositionsführer.”

euronews:
“Sharon war ein politisches Phänomen. Einerseits gab er den anti-palästinensischen Bulldozer, andererseits hatte er die Traute zu versuchen, den Konflikt mit den Palästinensern zu beenden. Welche Vision hatte er für Israel und den Nahen Osten?”

Ross:
“Das ist eine interessante Frage, denn ich würde ihn als sehr pragmatisch beschreiben. Aber er war auch jemand, der nicht vertraute. Er sagte mir: ‘Sehen Sie, ich traue denen nicht. Ich verstehe, dass Würde wichtig ist’, meinte er und ergänzte: ‘Ich sehe ein, dass wir unsere Bedürfnisse klar ansprechen müssen. Aber ich nehme ihnen nicht ab, dass sie sich gewandelt haben.’ Aus seiner Sicht bestand immer noch eine große Kluft nicht nur zwischen Israelis und Palästinensern, sondern auch zwischen Israelis und den Arabern. Er hatte also nicht das Gefühl, dass sich da auf diese oder jene Weise ein umfassender Wandel vollziehen würde. Andererseits sagte er einmal: ‘Jordanien ist Palästina.’ Und später wurde er zu einem der größten Unterstützer der israelisch-jordanischen Beziehung und suchte nach Wegen, die Zusammenarbeit auszubauen.”

euronews:
“Gibt es etwas, was die heutigen israelischen Entscheidungsträger von Sharon lernen können?”

Ross:
“Er würde klare Linien ziehen! So war er. Und Sie können sich vorstellen, dass er, wenn er Nein sagte, auch Nein meinte. In einem Interview sollte ich einmal den Unterschied zwischen Sharon und Arafat erklären. ‘Das ist einfach’, habe ich geantwortet. Arafat sagte schnell etwas zu, weil er nicht vorhatte, sich daran zu halten. Von Sharon ein Zugeständnis zu bekommen, war dagegen äußerst schwierig, denn wenn er etwas zusagte, glaubte er auch, sich daran halten zu müssen. Auch so war er.”

euronews:
“Israel hat sehr viele starke und mächtige Politiker hervorgebracht: Ben-Gurion, Golda Meir, Mosche Dajan, Rabin, Peres. Wenn Sie eine Hall of Fame der israelischen Politiker einrichten sollten, wo würde Ariel Sharon stehen?”

Ross:
“Gute Frage. Eine Reihenfolge aufzustellen, ist schwierig. Bei mir persönlich wäre Ben-Gurion Erster, vor Rabin. Sharon käme auf den dritten Rang.”