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Vietnam: Wirtschaftlicher Boom und Kommunismus

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Vietnam: Wirtschaftlicher Boom und Kommunismus

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“Vietnam ging Anfang der neunziger Jahre zur Marktwirtschaft über und erlebt seither einen wirtschaftlichen Boom. Als 2008 die globale Finanzkrise einsetzte, verlangsamte die kommunistische Regierung zur Unzufriedenheit der 90 Millionen Einwohner die Modernisierung des Landes”, so unsere Korrespondentin Isabel Marques da Silva. 40 Prozent der Wirtschaft sind unter staatlicher Kontrolle. 2012 startete die Regierung einen Privatisierungsprozess, um ausländische Investoren anzulocken und die Entwicklung voranzutreiben. Das Land zählt zwar nicht zu den bekannten Kakao-Herstellern, zwei Franzosen aber hatten den Mut, in einem Außenbezirk der Hauptstadt Ho Chi Minh eine Schokoladenfabrik zu gründen. Vincent Mourou, Mitbegründer von Marou Chocolate erläutert: “Die Marke Marou steht für bestimmte Dinge: Für Qualität, Unverwechselbarkeit, Geschmack und für die Produktion in Vietnam. Wir wollen wachsen, doch die Herstellung soll handwerklich bleiben. Wir wollen kein industrieller Hersteller werden.” Die Schokolade wird unter anderem nach Schweden und Singapur exportiert. Marketing, Nachhaltigkeit sind für die beiden Franzosen keine Fremdwörter. Samuel Maruta, der Partner Marous sagt: “Ähnlich wie in Frankreich gilt auch hier für einige Produkte die kontrollierte Herkunftsbezeichnung. Zu allererst wurde eine Fischsauce mit dieser Bezeichnung versehen. Nicht zuletzt verdanken wir das der Europäischen Union. Der Trend geht somit zu Erzeugnissen aus Vietnam, deren Herkunft für ihre Qualität spricht.”

Die Europäische Union, doch auch die USA drängen auf Freihandelsabkommen mit Vietnam. Brüssel nahm 2012 entsprechende Verhandlungen auf und entsandte ein Jahr später Wirtschaftsfachleute, deren Aufgabe es ist, mit Geschäftsleuten vor Ort Partnerschaftsabkommen zu schließen. Industrie-Kommissar Antonio Tajani meint: “Wenn wir unseren Unternehmen helfen wollen, vor Ort zu produzieren, müssen wir sie unterstützen, international Geschäfte zu machen. Das tun leider nur 13 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen.” Die EU hat fast vier Millionen Euro investiert, um kleine und mittlere Unternehmen aus Europa in Vietnam zu unterstützen. Eine der Herausforderungen besteht darin, den richtigen Umgang mit den Behörden zu finden. Die Korruption in dem kommunistischen Land ist weit verbreitet. Franz Jessen, EU-Botschafter in Vietnam, sagt dazu: “Was beispielsweise die Meinungsfreiheit anbelangt, ist Vietnam ein sehr schwieriges Land. Wenn Vietnam höhere Investitionen aus Europa will, muss es auch solche Aspekte in Betracht ziehen. Europäische Investoren achten nicht allein auf die wirtschaftlichen sondern auch auf die sozialen und politischen Rahmenbedingungen.”

Der Tourismus stellt ein riesiges Potential dar. Im vergangenen Jahr zählte Vietnam mehr als sechs Millionen Besucher, eine Million kam aus der Europäischen Union. Zwar gibt es entsprechende Kooperationsabkommen, doch die Vietnamesen fordern inzwischen Reiseerleichterungen für ihre Bürger. Nguyen Van Tuan, Chairman of Vietnam Tourism, betont: “Ich hoffe, dass die Zusammenarbeit zwischen der EU und Vietnam nicht einseitig bleibt. Wir setzen auf die Unterstützung durch die EU, doch wir wünschen gleichzeitig, dass mehr Touristen aus Vietnam die EU-Mitgliedsländer besuchen.” Anlässlich der Expo Milano 2015 könnte Italien von einem größeren Touristenzustrom aus Vietnam profitieren, auch Frankreich anlässlich der europäischen Fußball-Meisterschaft 2016. Doch die Europäer wollen an dem vietnamesischen Tourismus-Markt teilhaben, wo es auch um riesige Bauvorhaben und Tourismus-Unternehmen geht. Janez Sirse, Vorsitzender des internationalen Tourismus-Instituts, sagt: “Was Investitionen, die Herstellung von Einrichtungen, Know how und Bildung anbelangt, ist es eine große Industrie. Andererseits bietet sie sehr viele Möglichkeiten zum Austausch auf dem Gebiet des Sports, der Kultur sowie auf anderen Gebieten.”

Die Kaffee-Marke Oriberry entstand 2007 in Zusammenarbeit mit einer regierungsunabhängigen Organisation. Die kleinen Produzenten vor Ort profitieren, denn der Markt wächst. Vietnam hat innerhalb weniger Jahre Brasilien in den Schatten gestellt, das lange der weltgrößte Kaffeeexporteur war. Dao Tran Phuong, Geschäftsführer von Oriberry, sagt: “Ich wünsche mir für unser Unternehmen, dass wir Kaffeeproduzenten in unterschiedlichen Regionen Vietnams haben, mit eigenen Marken und den dazu gehörenden Läden. Das würde ihnen neue Möglichkeiten geben, während wir uns intensiver mit der Entwicklung beschäftigen könnten.” Die Wunden des Krieges, der ein Stellvertreter-Krieg in der Zeit des Kalten Krieges war, sind noch nicht verheilt, doch wirtschaftlich blickt das kommunistische Land erfolgreich in die Zukunft.