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Wenn Kunst provoziert: Boltanski, Höch und der Ärger um das Hitler- Porträt im Landtag

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Wenn Kunst provoziert: Boltanski, Höch und der Ärger um das Hitler- Porträt im Landtag

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Um Leben, Tod und die Rolle des Zufalls geht es in der Rieseninstallation “Chance” des Franzosen Christian Boltanski, die derzeit im australischen Sydney zu sehen ist. Eine Art überdimensionales Glücksspiel, bei dem Baby-Porträts als Bildschleifen auf großen Gerüsten vorbeiziehen. Alle acht Minuten erklingt ein Signal, und ein per Zufallsgenerator ausgewählt Bild wird projiziert. Zählwerke zeigen in Echtzeit die weltweiten Geburten und Sterbefälle an.

Christian Boltanski: “Eines Tages sagte ich mir, dass ich bin, was ich bin, weil meine Eltern zu einem bestimmten Zeitpunkt miteinander schliefen. Hätten sie es einige Sekunden später getan, wäre ich ein ganz Anderer. Vielleicht sogar eine Frau, auf jeden Fall jemand anderes.”

Die 20 Tonnen schwere und 50 Meter lange Installation war 2011 auf der Kunstbiennale in Venedig im französischen Pavillon zu sehen. Sie ist bis Ende März im Rahmen des Sydney Festivals in der Kunstgalerie Carriageworks zu Gast.

Ärger um Hitler-Proträt im Brandenburger Landtag

Von Sydney nach Potsdam. Dort erhitzt eine Ausstellung mit verfremdeten Porträts von Hitler, Goebbels und Stalin im neuen Brandenburger Landtag die Gemüter.
Die vom Berliner Künstler Lutz Friedel geschaffene Serie mit 112 Bildern aus 400 Jahren deutscher Geschichte soll zum Nachdenken anregen. Das Präsidium des brandenburgischen Landtags entschied sich für die Schau, dem Widerstand der CDU-Fraktion zum Trotz. Kunst darf das, findet auch der ehemalige Ministerpräsident Matthias Platzeck.
“Ich glaube, das müssen wir aushalten, im wahrsten Sinne des Wortes auch aushalten. Und von daher kann ich manche Bedenken durchaus verstehen. Und auch Irritation. Aber ein Stück Freiheit der Kunst muss man dann auch zulassen.”

Die Schau zeigt die Guten und die Bösen, auch Porträts von Anne Frank und Rosa Luxemburg befinden sich darunter. Dem Künstler ging es um historische Assoziationen.

Lutz Friedel: “Da hängt neben diesem Schnauzbart eine Terroristin, das ist nach dem Foto aus Stammheim gemacht. Die hat etwas mit der Nachkriegsgeschichte Deutschlands zu tun, also mit dem Verursacher von dem Ganzen.
Dann als nächstes ist Heinrich von Kleist, und Heinrich von Kleist ist auch jemand, der gescheitert ist an gesellschaftlichen Verhältnissen. Ich will einfach, dass man sich über so was Gedanken macht.
Ich bin nicht der Oberlehrer und gebe noch die Antworten dazu, aber ich stelle die Fragen, weil das sind Fragen, die ich an mich gestellt habe, mein ganzes Leben lang. Und so kann ein Dialog entstehen.”

Damit es bei Besuchern der Ausstellung nicht zu Missverständnissen kommt, steht inzwischen Infomaterial bereit, das bei der Einordnung der Kunstwerke helfen soll.

Erste Hannah-Höch-Retrospektive in London

Zum Schluss noch ein Abstecher in die Londoner Whitechapel Gallery. Dort wird die deutsche Dada-Künstlerin Hannah Höch mit einer Retrospektive geehrt. Es ist die erste umfassende Hommage an die für ihre Collagenbilder bekannte Künstlerin in Großbritannien, wie der Kurator betont.

Daniel Herrmann: “Wir freuen uns, die erste Ausstellung über die berühmte, rebellische Dada-Künstlerin in Großbritannien zeigen zu dürfen. Hannah Höch war eine der zentralen Figuren ihr Zeit und Wegbereiterin der Collagenkunst: das Ausschneiden und Schaffen neuer Figuren aus Papier, aus dem Abfall und dem Treibgut Mediengesellschaft.”

Die chronologisch angelegte Retrospektive zeigt 127 Werke von den frühen gesellschaftskritischen Collagen und Fotomontagen über satirische Darstellungen von Menschen, bis hin zur Erkundung der Abstraktion in ihrem Spätwerk. Die Ausstellung läuft bis zum 23. März.