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Blau und Gold - Ukraine und EU tragen dieselben Farben

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Blau und Gold - Ukraine und EU tragen dieselben Farben

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Die Ukrainer, deren Fahne den blauen Himmel über goldgelben Kornfeldern zeigt, möchten auch die blaue EU-Fahne mit den goldenen Sternen zu ihrem Symbol machen. Also tragen sie EU-Fahnen in allen Größen durch ihre Städte. Seit dem 24. November, als sie noch auf das Assoziierungsabkommen mit der EU hofften. Heute geht es ihnen nicht mehr um die eine oder andere Partei, jetzt demonstrieren sie für ihre Werte, sagt eine junge Demonstrantin. Und deshalb, so meint sie, sehe man auch kaum Fahnen politischer Parteien sondern jene der EU und jene der Ukraine.

Demonstriert wird inzwischen auch im Osten des Landes. In Dnipropetrowsk zum Beispiel, wo die einst in der Sowjetunion aufgebaut Schwerindustrie viele Russen über die damals unbedeutete Republikgrenze ins Land zog, wo heute noch überwiegend Russisch gesprochen wird, wo die Oligarchen wie Julija Timoschenko herkommen. Und wo deren erbitterter Gegner Präsident Janukowitsch seine Hausmacht hat. So verwickelt sind die Verhältnisse in der Ukraine.
Janukowitschs berüchtigte “Steinadler” demütigen einen festgenommenen Demonstranten.

Am 23. Januar entstand das Video mit dem nackten Verhafteten, das seither im Internet die Runde macht. Keine gute Illustration für Verhandlungen um Lösungsansätze, wie sie EU-Chef van Rompuy eben in Warschau führte. Dort sprach er am Wochenende von einer “tragischen und fatalen Eskalation der Gewalt in Kiew”. Er beklage und verurteile diesen ungerechfertigten Einsatz von brutaler Gewalt gegen Demonstranten durch die ukrainische Staatsmacht. Einen Tag zuvor hatte EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle in Kiew das Gespräch mit Präsident Viktor Janukowitsch gesucht. Er unterstützte dabei die Forderung der Opposition, über die Möglichkeit von vorgezogenen Präsidentschaftswahlen zu verhandeln. Vitali Klitschko, einer der Oppositionsführer, hatte erklärt, wenn er gebraucht werde, stehe er auch für diese Aufgabe bereit.

Irina Gibert,euronews
Wir sprechen jetzt mit den französischen Diplomaten
Jean-Paul Véziant, er vertrat Frankreich von 2005 bis 2008 als Botschafter in der Ukraine. Die Ukraine durchlebt im Moment die schwerste Krise seit ihrer Unabhängigkeit 1991. In Kiew nehmen Zusammenstöße und Übergriffe der Ordnungskräfte kein Ende. Welche Gedanken bewegen Sie, wenn Sie diese Bilder sehen?

Botschafter Jean-Paul Véziant:
Ich frage mich, wie es seit dem 21. November so weit kommen konnte. Manche Leute reden schon vom Bürgerkrieg. Wenn ein Teil der Bevölkerung demonstriert und ein anderer Teil nicht, muss es doch auch eine schweigende Gruppe von Ukrainern geben. Diese schweigenden Ukrainer stimmen nach meiner Meinung nicht dem zu, was auf dem Maidan passiert. Man kann aber auch nicht sagen, dass sie sich mit anderen Ukrainern im Krieg befinden. Da sehen wir im Herzen von Europa 2013 Polizeigewalt, Übergriffe, Brutalität, Demonstranten werden gedemütigt, Journalisten werden verprügelt.
Ich kann das nicht verstehen. So etwas ist schwer zu ertragen, das gehört in eine Epoche, die wir überwunden glaubten. Erinnern Sie sich an den Dezember 2004. Das war auch eine Zeit starker Spannungen, aber ohne Tote. Mit der der Bereitschaft zum Dialog. Die Demonstrantan trugen ihre Forderungen friedlich vor. Mit der Kraft der Worte. Es gab Proteste aber gleichzeitig die Entschlossenheit zum friedlichen Dialog. Und das führte zu Veränderungen. Sollte es denn heute nicht mehr möglich sein, sich an den Geist der “Orangenen Revolution” vom Dezember 2004 zu erinnern? Kann man nicht jene Zeit zurückholen? Ich weiß es nicht.

Irina Gibert, euronews
In Ihrer Zeit als Botschafter haben Sie zur kulturellen und wirtschaftlichen Annäherung zwischen Frankreich und der Ukraine beigetragen. Welche Zukunft sehen Sie für diese Entwicklung?

Botschafter Jean-Paul Véziant:
Die Annäherung hat eine Zukunft. Manche Leute mögen glauben, alles, was in jenen Jahren erreicht wurde, sei verloren. So ist es ganz gewiß nicht!
Was da alles in das gegenseitige Verstehen investiert wurde, in die gegenseitige Achtung, das verschwindet nicht von einem Tag auf den anderen.
Ich glaube, dass die allermeisten Ukrainer diese Entwicklungen weiterführen möchten. Sie wissen sehr gut, das das, was ihnen Europa vorschlägt, eine neue Strategie ist. Es geht nicht um den Beitritt zum NATO Es geht vielmehr um Zusammenarbeit, um Impulse für eine Entwicklung der Industrie.
Ich glaube, dass es gegenseitige Vorteile gibt für Europa und die Ukraine. Und ich glaube ganz tief daran, dass die bereits ausgebrachte Saat weiter wachsen und gedeihen kann.

Irina Gibert, euronews
Was kann Europa tun, damit wieder Ruhe und Stabilität in der Ukraine einkehren?

Botschafter Jean-Paul Véziant:
Für die EU gilt, es sind die Ukrainer selber, den zugestanden werden muss, frei, demokratisch, ohne Druck von außen ihre Wahl zu treffen. Das heisst, sie müsse sich entscheiden, für den Weg, den sie gehen wollen. Ich erinnere daran, dass immer noch das Assoziierungsabkommen in Brüssel auf dem Tisch liegt – unterzeichnungsbereit.
Was kann Europa tun? Ich habe gesagt, Europa soll nichts aufzwingen. Es soll wünschen, dass die Ukrainer in der Lage sind, ihre eigene Wahl zu treffen. Dafür muss man aber Vertrauen aufbauen.
Aber dieses Vertrauen ist zerbrochen. Vielleicht wäre eine dritte Kraft nötig, die als “ehrlicher Makler” vermitteln könnte, um wieder Vertrauen zwischen den verschiedenen politischen Kräften der Ukraine aufzubauen. Ich glaube schon, dass die Diplomatie diese Möglichkeit hat, dass die Diplomatie Vorschläge machen kann. Und zwar besser, weil sie nichts mit den Unterdrücksmaßnahmen zu tun hatte. Dafür aber wäre politischer Wille nötig. Und zwar möglichst schnell. Das müsste sehr rasch gehen, noch bevor die Situation dort außer Kontrolle gerät.
Dies sind die Wünsche, die ich für Ihr Land, die Ukraine, habe. Ich wünsche Ihnen alles Gute!