Eilmeldung

Eilmeldung

Hashim Thaçi: "Unser Volk ist nicht an Frieden gewöhnt"

Sie lesen gerade:

Hashim Thaçi: "Unser Volk ist nicht an Frieden gewöhnt"

Schriftgrösse Aa Aa

Ein kleines Land, das die ganze Welt bewegt hat. Der Kosovo entstand vor 15 Jahren aus einem blutigen, brutalen Konflikt mit seinem Nachbarn Serbien und versucht sich seitdem in Reformen, um eines Tages von der ganzen internationalen Gemeinschaft als vollwertiger souveräner Staat anerkannt zu werden. Noch gibt es viele Hindernisse. Darüber spreche ich mit Hashim Thaçi, Ministerpräsident der Republik Kosovo. Vielen Dank für Ihre Teilnahme bei “Global Conversation”.

Euronews-Reporterin Isabelle Kumar:
“Wann wird der Kosovo von der gesamten internationalen Gemeinschaft als souveräner Staat anerkannt werden?”

Hashim Thaçi, Ministerpräsident der Republik Kosovo:
Der Kosovo hat eine starke internationale Position. Der Kosovo wird aktuell von 105 verschiedenen Staaten, 23 Ländern der Europäischen Union, den USA und vielen anderen Ländern der Welt als unabhängiger und souveräner Staat anerkannt. Der Kosovo wird hart dafür arbeiten, um in naher Zukunft ein Mitglied der NATO und der Europäischen Gemeinschaft zu werden. Und hoffentlich auch bald ein Mitglied der UNO-Familie. Der Kosovo arbeitet unablässig an seiner Konsolidierung, um Mitglied der UNO und der Euro-Atlantischen Familie zu werden.

Euronews:
“Unser Interview hat großes Interesse in den sozialen Netzwerken geweckt. Wir haben eine Menge Fragen von unseren Zuschauern erhalten unter anderem die folgende von Seremb Giergi – eine Schlüsselfrage – ‘Wann wird Serbien Kosovos Unabhängigkeit anerkennen?’”

Hashim Thaçi:
“Tatsächlich haben wir in Brüssel im vergangenen April einen “Normalisierungsplan” mit dem serbischen Staat vereinbart. Das ist das erste Abkommen zwischen Kosovo und Serbien. Ein erster Schritt zur Normalisierung der Verhältnisse. Ich habe volles Vertrauen, dass Serbien die Unabhängigkeit des Kosovo anerkennen wird. Aber wann das geschehen wird? Das hängt von den serbischen Führungskräften ab. Wir können kein Datum dafür festlegen.”

Euronews:
“Das wäre ein Schlüsselelement, oder? Wenn Serbien den Kosovo anerkennt, wäre das nicht ein Katalysator für Russland, China, Indien und für fünf EU-Mitgliedstaaten, dies ebenfalls zu tun?”

Hashim Thaçi:
“Ich bin davon überzeugt, dass Serbiens Anerkennung des Kosovo auch für andere Länder hilfreich wäre. Außerdem habe ich große Hoffnungen, dass Russland seine Position gegenüber dem Kosovo ändern wird. Kosovo und Russland sind keine Feinde. Russland erkennt derzeit wegen Serbien die Unabhängigkeit des Kosovo nicht an. Aber wenn Russland das tun würde, würde es auch Serbien helfen.”

Euronews:
“Bei den Gesprächen über die Normalisierung der Beziehungen mit Serbien haben Sie dem serbischen Ministerpräsidenten gegenüber gesessen, der Ihnen vor nicht allzu langer Zeit noch den Tod wünschte. Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie ihm bei den Verhandlungen das erste Mal gegenüber saßen?”

Hashim Thaçi:
“Wir haben uns nicht mit dem Ziel getroffen uns zu streiten, sondern um das Vorangegangene zu beenden. Und vor allem, um ein neues Kapitel aufzuschlagen, das auf Zusammenarbeit, Harmonie, Versöhnung, Werten der europäischen Zivilisation für unser Volk und auf guten nachbarschaftlichen Beziehungen aufbaut. Ich bin mir sicher, dass wir nie zu einem Abkommen gekommen wären, wenn wir vergangene Kapitel berührt hätten. Über unsere Gefühle der Vergangenheit gegenüber hinausgehend haben Argumente für die Zukunft die Oberhand gewonnen, Argumente für Frieden, Entwicklung und Fortschritt.”

Euronews:
“Albert Limani stellte folgende Frage: ‘Was war der schwierigste Moment bei den Verhandlungen mit dem serbischen Ministerpräsidenten?’”

Hashim Thaçi:
“Der schwierigste Moment war die Unterzeichnung des Abkommens. Unser Volk ist nicht an einen Frieden zwischen Priština….zwischen Kosovo und Serbien gewöhnt. Die Menschen dieser Region sind nicht daran gewöhnt Frieden zu haben. Wir hätten wahrscheinlich beide Ministerpräsidenten, sowohl in Priština als auch in Belgrad mehr Beifall bekommen, wenn die Einigung gescheitert wäre. Wir haben das Abkommen in Hinblick auf die EU-Perspektiven beider Länder unterzeichnet, aber es gab auch heftige Kritik in Priština genauso wie in Belgrad. Aber was wäre die Alternative? Wollen wir weiterhin diesen Konflikt, diese Probleme, Feindseligkeiten, Morde und Gewalt? Ich glaube, über diese ganzen negativen Elemente triumphierte die Vernunft, die richtige Logik bei der Unterzeichnung dieser Vereinbarung.”

Euronews:
“Es gibt internationale Abkommen, aber im Kosovo stehen Sie aufgrund von Korruption unter Druck. Die internationale Gemeinschaft hat ihnen nahegelegt, ihr eigenes Haus in Ordnung zu bringen. Sie propagieren eine Null-Toleranz-Strategie. Aber es scheint nicht zu funktionieren, oder?”

Hashim Thaçi:
“Wir kämpfen gegen Korruption, organisierte Kriminalität und negative Erscheinungen. Wir werden auch in Zukunft die Null-Toleranz-Strategie beibehalten und wir arbeiten sehr eng mit allen internationalen Behörden zusammen. Es gibt zwar erste Ergebnisse, aber wir sind uns bewusst, dass noch mehr getan werden muss. In dieser Hinsicht wird es keine Kompromisse geben.”

Euronews:
“Diese Null-Toleranz scheint nicht zu funktionieren. Wenn wir uns den jüngsten Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International anschauen, sagen 75 Prozent der Kosovaren, sie glauben, dass die politischen Parteien korrupt oder extrem korrupt seien. Die EU-Behörde für Drogen und Verbrechen meint, dass Korruption das Hauptproblem für Unternehmen im Kosovo ist. Liegen die beide falsch?”

Hashim Thaçi:
“Ausgehend von den Zahlen und Fakten müssen wir mehr tun, auch in der Darstellung dieses Kampfes, so dass wir auch die Wahrnehmung ändern, die die Menschen des Kosovo und der Region haben. Es ist mir bewusst, dass sich diese Wahrnehmung ändern muss. Mit konkreten Maßnahmen können wir das ändern. Ich nehme jeden Hinweis ernst, jede Kritik und jede Meinung. Auf jeden Fall bekämpfen wir im Kosovo Korruption, organisierte Kriminalität und alle negativen Erscheinungen.”

Euronews
“Die Korruption zieht die Wirtschaft nach unten. Der Kosovo ist eines der ärmsten Länder Europas, über 50 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Besnik Kallaba stellte folgende Frage: ‘Fühlen Sie sich dafür verantwortlich? Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?’”

Hashim Thaçi:
“Der Kosovo hat sich verändert, man kann die Veränderungen überall beobachten, angefangen mit dem Bau von Autobahnen – die modernsten in der Balkanregion, einem modernen Flughafen. Wir haben in Infrastruktur, Landwirtschaft und Bildung investiert. Als Ministerpräsident weiß ich, dass noch mehr getan werden muss. Aber der Kosovo ist leider immer noch das ärmste Land Europas. Er war es auch in der Vergangenheit. Aktuell gibt es positive Trends, die Armut zu überwinden, diesen Rückstand von einem Jahrhundert, der von der serbischen Herrschaft herrührt. Zum ersten Mal sind wir unsere eigenen Herren, seit sechs Jahren. Es kann keine Wunder in dieser Zeit geben, aber wir bauen die Basis für eine stabile und produktive Zukunft im Kosovo.”

Euronews:
“Also keine Wunder in sechs Jahren. Aber 2014 wird ein wichtiges Jahr für den Kosovo. Wahlen stehen an. Werden sie wieder als Ministerpräsident kandidieren?”

Hashim Thaçi:
“Die demokratische Partei des Kosovo, die Partei, die ich anführe, wird die Wahlen gewinnen. Ich werde den Wahlkampf als Ministerpräsident der Regierung der Republik Kosovo führen.”

Euronews:
“Sie haben noch einen anderen Kampf auszutragen. Was mich interessiert: Sie waren der politische Chef der Kosovo-Befreiungsarmee. Wie bringen Sie diese beiden Persönlichkeiten zusammen? Die Person, die auf dem Schlachtfeld kämpfte und nun die Person, die im Wahlkampf steht?”

Hashim Thaçi:
“Das sind zwei verschiedene politische Arenen mit recht unterschiedlichen komplexen Umständen. Es war nicht leicht, den politischen Kampf im Krieg zu führen. Ich war der politische Führer der Armee, ich war stolz auf den Widerstand der Menschen, aber auch auf die internationale Konferenz in Rambouillet im Jahr 1999, als wir eine politische Einigung mit der internationalen Gemeinschaft, der EU und der Nato erreichten. Für mich eine außergewöhnliche Führungserfahrung, die mir dabei geholfen hat, das Profil der Partei aufzubauen. Ein Wahlkampf ist ein außergewöhnliches Privileg, denn man kann direkt mit den Menschen sprechen.”

Euronews:
“Auf was ich hinaus will, ist folgendes: Im Krieg – korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege – hatten Sie den Spitznamen ‘Schlange’, weil sie so geschickt darin waren, nicht gefasst zu werden. Wie können Ihnen diese Fähigkeiten bei der Regierungsarbeit helfen? Helfen Sie Ihnen dabei?”

Hashim Thaçi:
“Natürlich hat jede Führungspersönlichkeit ihre eigene Taktik, taktische und strategische Fertigkeiten im positiven Sinn. Auch ich habe in verschiedenen Kämpfen zu verschiedenen Zeiten meine Taktiken und Strategien, um die Partei anzuführen. Aber für mich ist vollständige Transparenz immer am Wichtigsten gewesen. Natürlich ist es etwas ganz anderes, jemanden davon zu überzeugen, gegen Serbien zu kämpfen und jetzt die Bürger davon zu überzeugen, dass sie mir vertrauen, das Land zu führen. Aber wir übernehmen die Verantwortung, die uns vom Volk anvertraut wurde.”

Euronews:
“Verfolgt Sie diese Zeit in der Kosovo-Befreiungsarmee? Jetzt da diese Periode vorbei ist, Sie mussten Menschen töten, möglicherweise Tötungen anordnen?”

Hashim Thaçi:
“Der Kampf der Menschen im Kosovo war ein gerechter Kampf. Es war ein sauberer Kampf für unsere Freiheit und unser Existenzrecht. Wir haben ihn zusammen mit internationalen Kräften gewonnen. Serbien – sein Militär, seine Polizei, seine Verwaltung – musste den Kosovo verlassen. Wir haben keinen Krieg gegen die Kosovo-Serben geführt, aber einen für den Rückzug Serbiens aus dem Kosovo. Das haben wir geschafft und darauf bin ich stolz.”

Euronews:
“Aber verfolgt Sie diese Periode auf einer persönlichen Ebene? Mussten Sie Menschen töten?”

Hashim Thaçi:
“Ich war weit weg von der Frontlinie. Der Sieg des Kosovo ist eher politisch als militärisch, ein gemeinsamer Sieg für den Kosovo und die internationale Gemeinschaft. Es ist ein Sieg der Gerechtigkeit über die Ungerechtigkeit, des Guten über das Böse, den wir in enger Gemeinschaft mit unseren internationalen Partnern erreicht haben. Ich fühle mich wohl mit dieser politischen Zusammenarbeit, die ich in diesen verschiedenen Perioden aufgebaut habe, sei es während des Krieges, den sie erwähnt haben, aber auch mit der engen Zusammenarbeit mit den USA und der EU. Der Kosovo ist eine Erfolgsgeschichte, eine gemeinsame Geschichte. Wir haben für den Sieg des Kosovo gekämpft, nicht um zu töten.”

Euronews:
“2014 ist auch das Jahr, in dem eine strafrechtliche Untersuchung durch die Europäische Union erwartet wird. Sie untersucht die Behauptungen, dass Sie an Morden und Drogenschmuggel beteiligt gewesen sein sollen, dass Mitglieder der paramilitärischen Organisation UÇK an Organraub und Schmuggel beteiligt gewesen sein sollen. Beunruhigt Sie diese Untersuchung? Wollen Sie und Ihre Gehilfen wissen, ob sie be- oder entlastet werden?”

Hashim Thaçi:
“Die Ermittlungen der Untersuchungskommission haben unsere volle Unterstützung. Wir, die Institutionen der Republik Kosovo, haben volles Vertrauen in die Justiz, wir haben nichts zu verbergen. Um noch einmal ganz klar auf ihre vorherige Frage zu antworten: Ich habe weder etwas angeordnet noch etwas getan, was gegen das Völkerrecht verstößt. Ja, wir haben die Gesetze Serbiens gebrochen und wir haben gut daran getan, die Gesetze Milosevics nicht zu respektieren, denn sie waren unrechtmäßig. Es waren Gesetze der Unterdrückung, des Völkermordes und der Ausgrenzung. Deshalb unterstützen wir die Justiz. Wir haben volles Vertrauen in sie und werden unsere enge Zusammenarbeit fortsetzen.”

Euronews:
“Können Sie unwiderruflich erklären, dass kein Mitglied der Kosovo-Befreiungsarmee an Organraub beteiligt gewesen ist?”

Hashim Thaçi:
“Ich kann voller Überzeugung sagen, dass ich das erste Mal von dieser Geschichte aus dem Europarat-Bericht von Dick Marty gehört habe. Für mich ist es unvorstellbar, dass jemand dies getan hat. Ich kann nie und nimmer glauben, dass ein Freiheitskämpfer so etwas tun könnte. Aber natürlich müssen wir der Justiz Zeit und Raum sowie unsere ganze Unterstützung zukommen lassen, um die aufgekommenen Verdachtsmomente aufzuklären. Ich kann diese Science-Fiction-Geschichte nicht glauben, niemand kann das glauben. Ich bin sicher, dass das nicht geschehen ist. Das ist meine Überzeugung.”

Euronews:
“Wir haben folgende Frage von Stephen Christie: ‘Aus heutiger Sicht, was würden Sie anders machen?’”

Hashim Thaçi:
“Ich hätte mir gewünscht, wenn ich es zu der Zeit gekonnt hätte, die internationale Meinung zu verändern. Die internationale Gemeinschaft hätte früher als 1999 gehandelt, um die Massenvertreibung von einer Million Menschen aus dem Kosovo zu verhindern, besonders ab Sommer 1998. Die internationale Intervention hätte früher passieren müssen, aber sie waren anderweitig beschäftigt. Aber ich hätte gern die Kommunikation mit der öffentlichen Meinung, mit der Internationalen Gemeinschaft, mit der UNO verbessert, um sie davon zu überzeugen, dass Serbien Völkermord im Kosovo betreibt, diese Überzeugung gab es erst 1999.”

Euronews:
“Sie sind auch zusammen mit dem serbischen Ministerpräsidenten Ivica Dačić und der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton für den Friedensnobelpreis nominiert worden. Ein gewaltiger Unterschied zu den strafrechtlichen Ermittlungen, die im Moment im Gange sind. Was bedeutet Ihnen das? Haben Sie das Gefühl, dass Sie diese Nominierung verdienen?”

Hashim Thaçi:
“Ich habe alle Vereinbarungen meines Landes mit der Internationalen Gemeinschaft unterzeichnet. Sie haben uns Frieden und Freiheit gebracht. Ich glaube, mit dem Abschluss des Abkommens zwischen Kosovo und Serbien wurden Umstände geschaffen, mit denen wir zu Frieden, Stabilität und der Verständigung kommender Generationen unserer Völker beigetragen haben. Das wurde vom US-Kongress, der EU und Parlamenten aus der ganzen Welt anerkannt. Wenn wir diesen Preis gewinnen, wäre er dem Volk des Kosovo gewidmet, denn sie verdienen Freiheit, Unabhängigkeit und Frieden.”

Euronews:
“Und abschließend eine etwas leichtere Frage, die wir von jemanden erhielten, der sich Dardan nennt: Er fragt: ‘Was wollten Sie werden, als Sie ein Kind waren?’”

Hashim Thaçi:
“Ich habe Geschichte studiert. Aber als Geschichtsstudent habe ich verstanden, dass es nicht reicht, in den Archiven zu forschen. Denn auf diese Weise wäre ich nicht in der Lage gewesen, das Geschick meines Landes zu ändern. Deshalb beschloss ich, die Geschichtsarchive zu lassen und mich mit den aktuellen Problemen zu beschäftigen und den Kampf meines Volkes nach Unabhängigkeit und Freiheit anzuführen. Ich habe drei politische Ziele in meinem Leben: Freiheit und Unabhängigkeit für mein Land zu erreichen. Diese beiden Zeile wurden erreicht. Mein drittes Ziel ist, den Kosovo in die NATO, die EU und die Vereinten Nationen zu integrieren. Das ist weder einfach noch kurzfristig zu erreichen, aber ich bin davon überzeugt, dass wir das dritte Ziel gemeinsam mit den Menschen im Kosovo erreichen.”

Euronews:
“Herr Ministerpräsident, vielen Dank für Ihre Teilnahme bei ‘Global Conversation’.”