Eilmeldung

Eilmeldung

Erste Hilfe: Sterben und Überleben am Maidan

Sie lesen gerade:

Erste Hilfe: Sterben und Überleben am Maidan

Schriftgrösse Aa Aa

Sie ist am Leben. Olesya Zhukovska, die 21jährige Sanitäterin, ist gerettet. Sie selbst ist es, die über ihren Gesundheitszustand informiert – erneut mit einem Tweet: “Ich bin am Leben. Danke allen, die mich unterstützen und für mich beten. Ich bin im Krankenhaus, mein Zustand ist derzeit stabil.”

Donnerstagmittag befand sich die freiwillige Sanitäterin zwischen dem Unabhängigkeitsplatz und der Institutska-Straße, als sie von einer Kugel am Hals getroffen wurde. Olesya glaubte, sterben zu müssen. Sie schrieb einen Tweet, der sich rasend schnell verbreitete. Sie verlor viel Blut, musste notoperiert werden.

Einzelheiten von Oleh Musiy, dem Leiter der Erste Hilfe-Zentren rund um den Unabhängigkeitsplatz: “Wenn sie von der Intensivstation auf ein normales Krankenzimmer kommt, werden wir ihre Behandlung hoffentlich beenden können, damit ihr Leben nicht mehr in Gefahr schwebt. Ihre Verletzung am Hals war sehr ernst. Wir können bei Olechsja wie auch bei anderen Menschen, die getötet und deren Leichen zu uns gebracht wurden, feststellen, dass es sich in 70 bis 80 Prozent der Fälle um Schussverletzungen handelt. Um eine Kugel, die den Kopf oder Hals durchbohrt.”

Mehr als 1500 Ärzte, Krankenpfleger und freiwillige Sanitäter arbeiten seit dem ersten Dezember im Medizinischen Zentrum am Maidan. Ihre Schichten sind acht, teilweise zehn Stunden lang. Es sind sieben Behelfskrankenhäuser, die um den Platz herum eingerichtet wurden, wie im Postgebäude.

Ein Arzt, der anonym bleiben möchte, erklärte, “seit halb neun an diesem Morgen wurden die Schwerverletzten und Toten hier hingebracht. Fast alle hatten Kopfverletzungen. Zehn Leichen liegen hier gleich neben uns. Zwei von ihnen waren noch am Leben, als sie hier eintrafen. Aber wir haben sie nicht retten können. Sie sind gestorben.”

Die Eingangshalle des “Hotel Ukraine” ist zu einer Art Intensivstation umgerüstet worden. Gleichzeitig sind Scharfschützen auf dem Dach, Verletzte mit Schusswunden liegen auf den Tragen. Szenen wie in einem Krieg, die das Personal kalt erwischten.

Natalia, eine junge Ärztin, ringt um Worte: “Ich arbeite normalerweise in einem großen Krankenhaus. Wir sehen hier eine Menge. Wir sind panisch. Sowas habe ich vorher noch nie gesehen – und werde es hoffentlich in Zukunft nicht mehr sehen müssen.”

Seit Beginn der Kämpfe in Kiew haben Sondereinsatzkräfte auch medizinische Mitarbeiter angegriffen: Fünf von ihnen wurden schwer verletzt – drei mit Gummipatronen und zwei mit echter Munition. Diese zwei wurden während der gewaltsamen Proteste am 20. Feburar angeschossen, als sie versuchten, Tote und Verletzte wegzutragen. Einem Arzt wurde ins Bein geschossen, die Kugel zersplitterte seinen Knochen.