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Imran Khan: "Der Krieg gegen den Terror schafft Terroristen"

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Imran Khan: "Der Krieg gegen den Terror schafft Terroristen"

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Imran Khan ist nicht nur als ehemaliger Cricket-Spieler bekannt, er verfügt auch über zunehmenden politischen Einfluss in seinem Heimatland Pakistan. Dort ist die Sicherheitslage nach wie vor angespannt. Versuche, mit den Taliban einen Frieden auszuhandeln, schlugen fehl, der Aufstand der Islamisten forderte Tausende Leben. Imran Khans Partei Pakistan Tehreek-e-Insaf hat in einer vom Taliban-Terror betroffenen Provinz Regierungsverantwortung, seine Bemühungen, Frieden mit den Extremisten zu schließen, sind umstritten. Kritiker sagen, er gehe zu sanft mit den Taliban um. Jetzt war der 61-Jährige Gast bei The Global Coversation.

Isabelle Kumar, euronews
Imran Khan, das Militär hat die Friedensverhandlungen mit einem Einsatz gegen die Taliban praktisch beendet, nachdem die Extremisten zugegeben hatten, 23 Soldaten getötet zu haben. Unterstützen Sie den Militäreinsatz?

Imran Khan
Ich muss zunächst zwei Sachen richtigstellen. Erstens: Wenn man für Frieden und für Dialog ist, heißt das nicht, dass man zu sanft mit den Taliban umgeht. Seit neuneinhalb Jahren gehen wir militärisch gegen sie vor. Und alles, was dadurch erreicht wurde, ist eine Verschlimmerung der Lage. Aus einer Taliban-Gruppe sind inzwischen 50 geworden. Die Militäreinsätze waren also ein Desaster für Pakistan, sie haben den Aufstand, den Extremismus nur angefeuert.

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Sie unterstützen die aktuelle Operationen also nicht?

Imran Khan
Ich glaube, dass man erst dann, wenn man alle Versuche zum Dialog ausgeschöpft hat, als letztes Mittel Militär einsetzen sollte. Wir hatten aber in Pakistan nie einen richtigen Dialog zwischen der Regierung und den Taliban. Dies war der erste Versuch und er war zum Scheitern verurteilt, weil es wie gesagt etwa 50 Taliban-Gruppen gibt, und einige von ihnen wollen überhaupt keinen Frieden. Sobald die Verhandlungen begannen, haben die Terroranschläge stark zugenommen.

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Wie kann man mit den Taliban verhandeln, wie kann man Friedensgespräche führen?

Imran Khan
Die meisten dieser Gruppe sind an Friedensverhandlungen interessiert. Die Idee war also, die interessierten Gruppen von den anderen zu trennen. Bei 50 solcher Gruppen könnte man den Krieg gewinnen, indem man sie spaltet und die Hardliner isoliert. Man muss zumindest die größten Gruppen auf seine Seite bringen, und es gab alle Anzeichen dafür, dass einige der großen Gruppen zu Gesprächen bereit waren.

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Wir haben die Nutzer im Internet aufgerufen, uns Fragen für Sie zu senden, und es haben sich viele gemeldet. Unter anderem hat uns jemand mit Ihrem Namen geschrieben, Imran Khan, beziehungsweise Imran Khan 1984 um genau zu sein. Er fragt: Wo ist für Sie die rote Linie, ab der Sie Militäreinsätze befürworten. Wann würden Sie Verhandlungen als gescheitert betrachten?

Imran Khan
Es gibt keine militärische Lösung, weder in Afghanistan noch in Pakistan. In Pakistan verhandeln die meisten Gruppen. Der Prozess hat aber nicht einmal begonnen. Es gab nur zwei Gespräche zwischen den Unterhändlern, dann wurden Terroranschläge verübt, um die Gespräche zu sabotieren. Diese Leute hätte man meiner Meinung nach isolieren müssen. Es hätte einen Einsatz gegen sie geben müssen. Aber bei einem Großeinsatz in Nordwaziristan sind 700.000 Zivilisten in Gefahr. Sie werden von der Luftwaffe bombardiert, mit Helikoptern, Artillerie. Frauen und Kinder werden getötet, die Leute werden sich rächen wollen. Meiner Meinung nach wird das die Lage verschärfen, es wird mehr Terrorismus geben.

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Warum haben Sie nicht an diesen Gesprächen teilgenommen, Sie hatten doch die Gelegenheit dazu. Diese Frage hat auch Adil Ischak Abbasi gestellt, er fragte, warum haben Sie sich aus dem Dialog herausgehalten. Das hätten den Verhandlungen mehr Gewicht verliehen.

Imran Khan
Zunächst einmal: Meine Partei ist bei den Gespräche bereits vertreten, Rustam Schah Mohmand ist…

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…aber ich denke das Argument, dass Sie mehr Gewicht haben, ist durchaus berechtigt…

Imran Khan
Nein, lassen Sie es mich erklären. Die Taliban wollten, dass ich sie vertrete. Wie könnte ich die Taliban vertreten? Es gibt 50 Gruppen, wie kann ich für sie sprechen? Es kam für mich also nicht in Frage, sie zu repräsentieren.

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Haben Sie sich nicht vielleicht auch um Ihr Image gesorgt, darum, dass manche Sie “Taliban Khan” nennen? Haben Sie sich darüber keine Sorgen gemacht?

Imran Khan
Ich kenne sie nicht, ich weiß nicht, wofür sie stehen, daher war ein Vertreter von uns in dem Komitee. Und die Gespräche verliefen gut, bis eine der Talibangruppen sie sabotierten, als sie die Soldaten umbrachten.

euronews
Hätten die Gespräche Ihrer Meinung nach trotzdem einfach weitergehen sollen?

Imran Khan
Ja, man muss die Gruppe ausgrenzen, die nicht gesprächsbereit sind. Warum verfolgt man also die verantwortlichen Taliban nicht, die, die die 23 Soldaten getötet haben? Warum verfolgt man sie nicht?

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Tut das Militär denn im Moment nicht genau das?

Imran Khan
Nein, sie gehen nach Nordwaziristan. Der Anschlag wurde von den Mohmand-Taliban verübt, einer völlig anderen Gruppe. Jetzt bombardieren sie Nordwaziristan und ich fürchte, das wird nur zu mehr Gewalt führen.

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Sie haben auch gesagt – und korrigieren Sie mich, falls ich mich irre – dass die pakistanischen Taliban an Kraft verlieren würden, wenn die Regierung in Pakistan ihre Unterstützung für den sogenannten Krieg gegen den Terror der USA aufgeben würden, wenn sie die US-Drohnenangriffe in Pakistan verbieten würde. Stimmt das?

Imran Khan
Die ganze Grund für diesen Terror ist die US-Invasion in Afghanistan. Die Gewalt begann, als General Musharraf unter dem Druck der USA die pakistanische Armee nach Waziristan sandte. Das war der Moment, an dem alles begann: die Kollateralschäden, die Drohnen-Angriffe, der Irrglaube, die pakistanische Armee kämpfe im Namen der Amerikaner, das Dschihad-Syndrom, die Selbstmordattentäter. Das ist die Ursache.

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Aber Sie haben doch selbst gesagt, dass die Lage weitaus komplexer ist. Denken wir nur einmal an den Taliban-Kämpfer, der Malala in den Kopf schoss. Malala, das Mädchen, das versucht hat, Kindern, Mädchen Bildung zu ermöglichen. Sie wollen die Scharia einführen, bestimmte Gruppen wollen die Scharia einführen.

Imran Khan
Zunächst einmal kann nichts die Grausamkeiten der Taliban rechtfertigen, rein gar nichts. Aber lassen Sie mich eines sagen: Sobald die Verhandlungen im Rahmen der Verfassung ablaufen, kann niemand seine Version der Scharia in Pakistan einführen, und diese Position habe ich immer vertreten, sowohl in Afghanistan als auch in Pakistan. Der Rückzug der Amerikaner wird die Lage in Afghanistan beruhigen und sobald die pakistanische Armee sich zurückzieht, werden sie die Dinge regeln, die Stämme werden die Kontrolle in ihren Regionen übernehmen.

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Ist das nicht ein bisschen arg simpel? Das erscheint mir viel zu einfach.

Imran Khan
Es ist die einzige Lösung und übrigens: Es gibt keine einfache Lösung mehr. Alles ist kompliziert. Es gab einfache Lösungen, als es nur eine Taliban-Gruppe gab, vor acht Jahren. Aber jetzt gibt es 50 Gruppen. Der Extremismus hat zugenommen, extreme Sunniten bringen Schiiten um, all das hat zugenommen. Pakistan ist heute viel radikaler als zu der Zeit, als wir in den Krieg eingetreten sind. Es gibt also keine einfachen Lösungen. Statt dessen entsteht ein enormer Kollateralschaden, der darin besteht, dass man viele Menschen zur Radikalen macht. Die Militäreinsätze haben nur dazu geführt, dass es noch mehr Extremisten gibt.

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Sie haben NATO-Wagen gestoppt, die nach Afghanistan wollten. Damit haben Sie gegen die Drohnen-Angriffe der USA protestiert. Was wollten Sie damit genau erreichen? Denn die USA ziehen aus Afghanistan ab?

Imran Khan
Bei den Drohnen-Angriffen geht es darum, dass sie kontraproduktiv sind. Alles, was sie tun, ist die Gewaltbereitschaft zu verstärken. Das betrifft auch die Gegend, in der meine Partei regiert, die Pakhtunkhwa-Provinz. Wir bekommen die ganze Wucht der Vergeltungs-Angriffe mit Drohnen ab. Deshalb steht in der Resolution, die vom Parlament, von allen Parteien, von den Regionalparlamenten und dem Obersten Gerichtshof in Peschawar verabschiedet wurde, dass diese Drohnen-Angriffe ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind. Es gibt eine UN-Resolution gegen diese Angriffe, Amnesty International nannte sie ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dies ist ein Protest gegen die Drohnen-Angriffe. Und alles, was die Amerikaner tun müssen, ist die Angriffe zu beenden, auch während der Gespräche. Dann heben wir die Blockade auf.

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Cari Machet fragt, ob Sie überlegen, die USA und die NATO vor Gericht zu bringen und wegen wirtschaftlicher Verluste, aber auch wegen tödlicher Angriffe zu verklagen?

Imran Khan
Nein, das habe ich nicht vor, aber wir alle, alle Menschen in Pakistan, versinken in diesem Krieg gegen den Terrorismus. Das Land hat mehr als 100 Milliarden Dollar in neun Jahren verloren, die Pakistanische Rupie hat sich von 60 Rupien pro Dollar auf 109 Rupien verteuert, unsere Gesamtverschuldung hat sich verdreifacht, von etwa 4,5 Billionen auf 15 Billionen. Die Armut in der Provinz, in der wir regieren, hat zugenommen, 70 Prozent der Industrie hat dichtgemacht, der einzige erfolgreiche Geschäftszweig sind Entführungen, die Arbeitslosigkeit ist enorm. Daher brauchen wir dringend Frieden, aber der kommt nicht, wenn man Leute bombardiert, Frauen und Kinder umbringt und die Menschen militant werden.

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Welches Risiko besteht, dass pakistanische Extremisten nach Europa kommen, in den Westen, um ihren Dschihad in unsere Länder zu bringen.

Imran Khan
Wir sprechen bislang über die Stammesgebiete in Pakistan, wo sich all dies zuträgt. Kein einziger Paschtune, ob aus Afghanistan oder Pakistan, war jemals in den internationalen Terrorismus verstrickt. Im Moment wollen sie sich an den pakistanischen Sicherheitskräften rächen. Aber wissen Sie, der gescheiterte Attentäter vom Times Square sagte, dass ihn die Drohnen-Angriffe motiviert hätten, durch die Frauen und Kinder ums Leben kommen. Deshalb wollte er sich rächen, indem er Zivilisten in den USA umbringen wollte. Dieser Krieg gegen den Terror hat mehr mehr Terroristen und Extremisten geschaffen. Wir müssen endlich eine friedliche Lösung finden.

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Wir haben es schon angesprochen, ich möchte noch einmal über die Scharia in Pakistan sprechen. Rafale Azula hat dazu eine Frage gestellt, er will wissen, wie sehr Sie sich einem weltlichen, einem säkularen Pakistan verpflichtet fühlen.

Imran Khan
Wir fühlen uns der pakistanischen Verfassung verpflichtet. Jede Regierung hat diese Verfassung angenommen. Das bedeutet, dass keine Gruppe dem Land ihre spezielle Form der Scharia aufzwingen kann, weder durch Messer noch Gewehre. Das kann nicht passieren. Wenn ich meine Form der Scharia durchsetzen will, dann muss ich dafür kämpfen durch Wahlen, und wenn die Menschen dafür stimmen, dann kann ich ins Parlament gehen und das vorlegen.

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Persönlich?

Imran Khan
Daher: Ich bin der Verfassung Pakistans gegenüber loyal und deshalb ist diese Idee, dass die Taliban ihre Scharia durchsetzen werden, schlichtweg ein Mythos, denn sie haben die Verfassung von Pakistan akzeptiert. Das heißt, ihre Form der Scharia kann in Pakistan nicht durchgesetzt werden.

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Sie stimmen mir sicher zu, dass sich in Pakistan extreme Haltungen verfestigen, auch in der Region, in der Sie an der Regierung sind. Wir haben über Malala gesprochen. Als ihr Buch auch in Ihrer Provinz erscheinen sollte, wurde das dort verboten.

Imran Khan
Das ist nicht wahr, es war zugelassen, es gab ein anderes Problem. Sie wollte das Buch an einer Universität vorstellen, und das war das einzige Problem, es ging nicht darum, ihr Buch zu verbieten, es durfte erscheinen.

euronews
Ihr Buch ist in Ihrer Provinz nicht verfügbar.

Imran Khan
Das ist nicht wahr, das ist ein Mythos. Es war lediglich die Universität, die ihren Auftritt nicht wollte, aber sie sagten dort auch, Malala könne das Buch überall sonst in der Provinz vorstellen.

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Würden Sie sie einladen?

Imran Khan
Natürlich. Als Malala angeschossen wurde, war ich der erste und einzige Politiker, der sie im Krankenhaus besuchen wollte, ich konnte nicht, weil sie auf der Intensivstation lag. Aber lassen Sie mich das klarstellen: Unserer Provinz gibt wir mehr Geld für Bildung aus, für die Bildung von Mädchen, als jede andere Provinz. Diese Vorstellung, dass man für die Taliban sei oder für Extremisten, nur weil man gegen die Militäreinsätze ist, ist einfach nur Propaganda.

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Cricket, der Sport, ist wahrscheinlich genauso korrupt wie Politik. Was haben Sie vom Sport für die Politik gelernt?

Imran Khan
Cricket kann man in Sachen Korruption nicht mit der in der Politik vergleichbar. Was man vom Sport für die Politik lernen kann ist, dass man nur verliert, wenn man aufgibt. Im Cricket habe ich bis zum letzten Ball gekämpft. In der Politik habe ich viele Rückschläge weggesteckt, es ist ein langer Kampf. Aber der Grundsatz lautet: Wenn man aus seinen Fehlern lernt und Niederlagen nicht einfach hinnimmt, wird man am Ende gewinnen.

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Ihr Leben muss sehr stressig sein. Haben Sie überhaupt noch Zeit, den Cricketschläger rauszuholen und mit Ihren Freunden zu spielen?

Imran Khan
Nein, als ich mit dem Cricket aufgehört habe, war es ein endgültiger Abschied, das Kapitel ist zu Ende. Inzwischen spiele ich überhaupt nicht mehr. Ich habe mein Cricket-Leben beendet.

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Viele in Ihrem Land unterstützen Sie, vermutlich haben Sie auch einen ziemlich großen weiblichen Fan-Club, wenn man sich die Tweets, die ich erhalten habe, anschaut. Diese letzte Frage ist vielleicht etwas weniger ernst, sie kommt von Sana Imranist, sie schreibt: Fragen Sie ihn, wie er es schafft, so großartig zu sein und wird er noch mal heiraten?

Imran Khan
Wenn ich jünger wäre, hätte ich vielleicht gesagt, ja, ich werde heiraten. Aber wissen Sie, wenn man in meinem Alter ist erkennt man, dass das Leben einen in eine andere Richtung trägt, als man selbst geplant hatte. Also, im Moment ist die Antwort nein, da ist keine Hochzeit am Horizont. Aber nun, wer weiß schon, was in der Zukunft passiert.

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