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Laster, Liebe, Loyalität: Mozarts "Clemenza" in Chicago

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Laster, Liebe, Loyalität: Mozarts "Clemenza" in Chicago

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Es geht um große Gefühle: Eine Oper über Verrat und Vergeben, über Liebe und Lust sowie Loyalität und Freundschaft. “La Clemenza di Tito”, Mozarts letzte Opera seria, die er vor seinem Tod komponierte, feierte vor Kurzem in Chicagos “Lyric Opera” Premiere.

Ein komplexes, außergewöhnliches Meisterwerk. Musikalisch innovativ, wie Sir Andrew Davis erklärt. Seit 2000 ist er musikalischer Leiter des Opernhauses: “Während seiner ganzen Karriere schuf Mozart Werke mit Obligato-Partituren, aber die Clemenza beinhaltet zwei der bedeutendsten: Das “Parto, parto” von Sesto im ersten Akt mit diesem wundervollen Klarinetten-Obligato,” meint Davis. “Und dann die Vitellia-Arie mit dem Bassetthorn-Obligato. Es gibt auch großartige Gesangsparts. Und dann sind da auch die stilistischen Wechsel: Das Finale der Oper hat diesen sehr interessanten synkopierten Rhythmus, was für mich stark nach Beethoven klingt… Wie weit wäre er gegangen…?”

Sesto ist womöglich die komplexeste Figur der “Clemenza di Tito”, früher dargestellt von Kastraten. In Chicago schlüpft die charismatische US-amerikanische Mezzo-Sopranistin Joyce DiDonato in Sestos Körper – und reist in seinen Kopf: “Er ist sehr menschlich, sehr verletztlich. Sesto ist einer unkontrollierbaren Liebe und Begierde ausgeliefert, die er für eine Frau empfindet. Am Anfang steht er an einer Kreuzung: auf der einen Seite Loyalität und Moral, auf der anderen Verrat und Lustbefriedigung bei Vitellia. Er entscheidet sich für den falschen Weg. Es ist eine Qual, jemanden zu sehen, der zu Grunde geht. Man kann es richtig sehen. Und er selbst sieht es auch! Und trotzdem kann er nicht anders!”

Die Lyric Opera, gebaut in den 50er Jahren, trägt den Spitznamen “Scala des Westens”. Viele internationale Opernstars – wie damals die Callas – lassen es sich nicht nehmen, in Chicago aufzutreten. In einer Stadt, die viele Schätze der modernen und zeitgenössischen Architektur vorweisen kann – darunter das viel bewunderte Opernhaus. Der musikalische Leiter ist stolz auf seine Arbeitsstätte. Er schwärmt, “ich liebe es, die Decke anzuschauen. Wenn ich in den Proben sitze, kommt es vor, dass ich mich einfach zurücklehne und an die Decke starre. Das hat natürlich nichts damit zu tun, ob ich die Sänger gut oder schlecht finde. Das Operhaus ist eines der weltweiten Jugendstil-Juwele. Das Gebäude wurde vor dem Börsencrash von 1929 errichtet. Es wurden ungeheure Summen aufgewandt, was es danach nie mehr gegeben hat.”

Die Mezzo-Sopranistin DiDonato stellt in der “Clemenza di Tito” ihr Können unter Beweis. Es kommt nur selten vor, dass ihr die Stimme wegbleibt: “Wenn ich mich jetzt mit Mozart auf einen Kaffee treffen würde, dann wäre ich wohl ausnahmsweise mal sprachlos. Alles, was ich herausbrächte, wäre wohl “ich finde dich ganz schön großartig, du bist einfach sagenhaft!”. Wenn man seine Briefe liest, dann springen seine Gedanken von hier nach dort, und von dort wieder zurück. Wahrscheinlich würde ich einfach nur versuchen, mit ihm Schritt zu halten. Wenn ich ihm etwas mitteilen könnte, dann das: Welche Opfer er bringen und wieviel Leid er auch immer durchmachen musste – es war es wert, denn er hat die Welt für immer verändert.”

Möchten Sie weitere Auszüge aus den Interviews (auf Englisch) mit dem musikalischen Leiter Sir Andrew Davis und der Mezzo-Sopranistin Joyce DiDonato lesen, klicken Sie bitte hier:
The pains and pleasures of ‘Clemenza di Tito’