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Polemik über Ersten Weltkrieg in Großbritannien

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Polemik über Ersten Weltkrieg in Großbritannien

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Gedenken oder Siegesfeier? Stolz auf einen “gerechten Krieg” oder Nachdenken über kollektives Versagen beim Konfliktmanagement anno 1914? Wie umgehen, heute, mit dem Ersten Weltkrieg? Britische Politiker und Historiker liegen sich in den Haaren: Anhänger einer patriotischen Lesart streiten mit Verfechtern eines differenzierten Umgangs mit der blutigen Vergangenheit 1914-1918.

Doch beginnen wir unsere Reportage nicht in London, sondern in Frankreich, an einem kühlen, wechselhaften Vorfrühlingstag. Für die britischen Jugendlichen aus Westonbirt (Gloucestershire) ist es eine ungewöhnliche Klassenfahrt: Ein Schulbesuch im Schlamm der Schlachtfelder und Schützengräben.

Die Teenager im Alter zwischen 14 und 18 wandern in den Spuren ihrer Urgroßväter. Vor hundert Jahren tobte hier an der Somme, auf dem Boden Frankreichs, der Erste Weltkrieg. Die Schüler werden alle den Rückweg finden, zurück zu ihrem Westonbirt-Internat. Viele ihrer Urgroßväter hingegen blieben hier – für immer. Etwa hundert Soldatenfriedhöfe verteilen sich auf dem früheren Frontabschnitt der Somme-Schlacht. Doch die britischen Jugendlichen besuchen nicht nur britische Gräber, sie halten auch an einem deutschen Soldatenfriedhof. Die Situation in den Schützengräben war dieselbe, für deutsche wie für britische Soldaten: Todesangst, Kadaver, Massensterben im Hagel der Geschosse.

Mick Biegel erklärt den Kindern die Schlacht an der Somme. Am ersten Juli 1916 starben hier 20.000 britische Soldaten – der schlimmste Tag der britischen Militärgeschichte. Mit einfachen Rollenspielen bemüht sich Mick, den Kindern die Situation vor Augen zu führen. Ein kalter Wind kommt auf, die Jugendlichen ziehen ihre Jacken zu. Sie sind ganz bei der Sache, überlegen gemeinsam mit Mick, wie sie sich wohl verhalten hätten, in diesen letzten Stunden vor der Schlacht: einen Brief nach Hause schreiben? Lesen? Trinken?Beten? Um 7.30 Uhr morgens 1916 tönt ein schriller Pfiff über die kilometerlangen Schützengräben, die Männer erheben sich, stürmen in den Tod.

Auch Mick Biegel hat Erfahrung mit Waffen, wenn auch nicht im Ersten Weltkrieg, “so alt bin ich nun auch wieder nicht”, scherzt er. Als Offizier der britischen Streitkräfte diente er seiner Queen in Nordirland, “während der heissen Phase des Konflikts”, betont er, dann als Friedenssoldat mit Blauhelm in Sarajewo. Nach dem Ausscheiden aus dem Militärdienst beschloss Mick, sich dem Ersten Weltkrieg zu widmen. Wie soll heute daran erinnert werden? Mit Gedenkprojekten oder mit Siegefeiern? Mick Biegel meint, “es ist zu einfach, hier den “Macho” zu spielen, zu behaupten, der Erste Weltkrieg sei was Ruhmreiches. So einfach ist das nicht. Das geht uns auch heute noch was an: Das ist nicht die Geschichte des Altertums. Könnte sowas nochmal geschehen? Ich denke ja…”

Lautes Feiern oder stilles Gedenken? Die Frage spaltet Großbritannien. In Cambridge treffen wir Professor Sir Richard J. Evans, einen der führenden Experten für Geschichte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Im Vorfeld der Europawahlen und im Zeichen von Eurokrise und Euroskepsis machen immer mehr britische Politiker auf Hurra-Patriotismus, warnt Evans. Der Erste Weltkrieg sei weder ein gerechter Krieg gewesen, noch ein Kampf für Demokratie und westliche Werte. Er erklärt: “Der Erziehungsminister, Michael Gove, behauptet, das sei ein Kampf zwischen Links und Rechts. Die Konservativen – und zu denen gehört auch der Minister – wollen den britischen Sieg im Ersten Weltkrieg mit patriotischen Veranstaltungen feiern. Einige von uns Historikern – auch mich – hat der Minister beschuldigt, das Andenken der tapferen Truppen der Westfront zu beschmutzen. – Der Erste Weltkrieg mündete in eine Katastrophe. Faschismus, Rassismus und Antisemitismus breiten sich aus in Europa und werden immer radikaler,” so Evans.

Euroskeptiker wie Sir Max Hastings argumentieren anders. Wir besuchen den früheren Kriegsreporter und Militärhistoriker in seinem gemütlichen Landhaus in Hungerford. Hastings beschuldigt die Regierungen in London und Paris, der deutschen Kanzlerin Merkel nach dem Mund zu reden, statt laut und deutlich an die deutsche Alleinschuld zu erinnern. Heute wie gestern konstatiert Hastings einen deutschen Drang zur Dominanz, gestern mit Waffen, heute mit Wirtschaft. “Es wäre ein Fehler, liesse man dieses Jahrhundert-Event einfach so verstreichen, indem man nur an die Schrecken des Ersten Weltkrieg erinnert, ohne der nachfolgenden Generation die Gründe zu vermitteln,” fordert Hastings. “Keine Nation verdient, ausschließlich für alles verantwortlich gemacht zu werden, was 1914 geschah, doch trägt Deutschland die Hauptschuld, denn Deutschland hätte den Krieg verhindern können. Die Theorie, dass der Erste Weltkrieg ein Unfall der Weltgeschichte ist, ist inakzeptabel.”

Evans widerspricht: “Die europäischen Staatsmänner waren sich 1914 der Kriegsgefahr nicht bewusst. Niemand hatte eine klare Vorstellung von den Kriegszielen. Der Krieg wurde durch das System der Beistandsbündnisse ausgelöst.”

In Frankreich besuchen die Westonbirt-Schüler britische UND deutsche Soldatenfriedhöfe. Im Unterricht haben sich die britischen Jugendlichen mit Planspielen vorbereitet, schlüpften in die Rolle von König, Kaiser, Zar und General, entdeckten selber die Macht der Voruteile und die Ohnmacht der Diplomatie.

Kate meint, “wie haben unsere Klasse in Gruppen aufgeteilt, jede Gruppe war ein anderes Land, also die Alliierten und auf der anderen Seite Deutschland und noch ein paar weitere Länder… Nun, und dann haben wir gesehen, wie einfach es ist, einen Krieg zu beginnen…”

Kiera ergänzt: “Man wird wütend; wenn man sich die Zahl der Toten vor Augen führt. Das hätte niemals geschehen dürfen… und es war unnötig.” “Wir wollen nicht, dass so etwas erneut passiert. Wir sollten alle glücklicher sein und miteinander auskommen… auch wenn das schwierig ist,” hofft Sophia.

Siobhan: “Mein Großvater kämpfte im Zweiten Weltkrieg und mein Urgroßvater starb im Ersten Weltkrieg, hier. Für mich war es wichtig, hierher zu kommen, in seinem Gedenken.” “Wenn alle Parteien im Parlament hierher kämen und sich das hier ansähen, dann würden die Poliltiker anders denken, sie würden keine Kriege mehr anzetteln und nicht mehr auf Eskalationskurs gehen…” fordert Bonnie.

Kurs London. Auf der Wellington haben wir eine Verabredung mit Admiral Lord West. Früher stand er an der Spitze der königlichen Kriegsmarine und war in der Labour-Regierung zuständig für Sicherheitsfragen und Terrorismusbekämpfung. Können wir aus dem Ersten Weltkrieg etwas lernen? Was lief schief, 1914?
Alan William John West warnt, “Menschen führen Kriege, weil sie glauben, Kriege seien kurz und begrenzt. Das ist extrem gefährlich. Einmal im Krieg, verliert die Politik die Kontrolle. Politiker glauben, sie können Kriege kontrollieren, doch Kriege können nicht kontrolliert werden…”

In ihrer Ausstellung “Portraits im Ersten Weltkrieg” zeigt die Londoner National Portrait Gallery Meisterwerke aus ganz Europa. Zugleich koordiniert das Museum ein Projekt für Jugendliche: “Nationales Erinnern – Geschichten von daheim”.

Der Erste Weltkrieg – Schnee von gestern? Nicht so für die Pressereferentin der National Portrait Gallery Sylvia Ross: “Es ist für die Jugendlichen durchaus möglich, Bezüge herzustellen zum Ersten Weltkrieg: im Gespräch mit Nachbarn, Eltern oder Großeltern, beim Tee oder Sonntagsessen: der Erste Weltkrieg IST ein Thema.”

Schulen in Schottland, Nordirland, Wales und England nahmen an dem Projekt teil. Einige der Jugendlichen befragten ihre Verwandten nach Geschichten und Tagebüchern vom Urgroßvater – andere durchforsteten lokale Archive. Aus den Fundstücken und Erzählungen wurden Kunstwerke, ausgestellt auf einer Internet-Platform.

Der Schüler Joshua Cross vom Avon Valley College machte eine interessante Entdeckung: “Wir haben die Tagebücher durchgesehen. In einem habe ich eine Postkarte entdeckt, die trug der tote Soldat bei sich… Mir ging es darum zu zeigen, wie wichtig der Kontakt mit den Angehörigen für den Soldaten war… der Soldat hatte die Postkarte in der Tasche, als er starb…”

Mitschüler Kieran Jones ergänzt: “Bei uns im Familienkreis wurde immer wieder über die Lebensmittelknappheit geredet, alles war rationiert, es gab nicht genug zu essen, nicht genug Nachschub. Jedem Regiment wurde eine bestimmte Menge Lebensmittel zugeteilt, es gab Momente, da musste ein Soldat zwei Tage lang mit zwei Keksen auskommen.”

Weniger kontinentaleuropäische Geschichte, mehr britische Nationalgeschichte. Mit diesem Vorschlag versuchte die Regierung, den Lehrplan zu ändern, kritisiert Sir Richard J. Evans: “Der konservative Erziehungsminister, Michael Gove, hält den bestehenden Lehrplan für eine Machenschaft linker Meinungsmacher. Er wollte den Geschichtslehrplan umschreiben: Britische Schüler sollten patriotische Geschichten über britische Siege in allen Epochen lernen,” erklärt der Cambridge-Historiker. Lehrer und Geschichtswissenschaftler protestierten: Man solle Kinder zu mündigen Bürgern erziehen, nicht mit Geschichts-Mythen verdummen. Schliesslich machte die Regierung einen Rückzieher.

“Oase”, so der Name einer Londonder Grundschule. Das Kriegsmuseum ist gleich um die Ecke, auch hier läuft ein spannendes Projekt: Als Jung-Reporter befragen die Kinder britische und deutsche Objekte aus dem Ersten Weltkrieg. Der zehnjährige Nachwuchs-Journalist Tyler erklärt: “Wenn ein Soldat seinen Kopf aus dem Schützengraben streckte, wurde er totgeschossen. Deshalb haben die Periskope verwendet, um was zu sehen.”

Über den Rand der Schützengräben blicken – keine schlechte Methode, um des Ersten Weltkriegs zu gedenken.

Übrigens: Grossbritannien steckt 60 Millionen Euro in Gedenkveranstaltungen, Schulausflüge und Museumsprojekte – in Deutschland gibt es für den Ersten Weltkrieg nur fünf Millionen…

Sir Richard John Evans, Regius Professor für Geschichte an der Cambridge University und Präsident des Wolfson College, nimmt Stellung zur britischen Debatte über den Ersten Weltkrieg. Um das vollständige Interview auf Englisch anzuhören, klicken Sie auf diesen Link (Reporter: Hans von der Brelie).
Bonus interview: Sir Richard John Evans

Sir Max Hastings, Historiker für Militärgeschichte und Preisträger des Pritzker Military Library Literature Awards, erklärt Euronews seine Sichtweise auf den Ersten Weltkrieg. Für das vollständige Interview auf Englisch klicken Sie hier (Reporter: Hans von der Brelie).
Bonus interview: Sir Max Hastings

Um das Interview (auf Englisch) mit Admiral Lord West in voller Länge zu hören, klicken Sie bitte auf diesen Link. Alan William John West, der frühere vorsitzende Lord der Admiralität der Royal Navy, erklärt seine Position zur Krise in der Ukraine und blickt auf den Ersten Weltkrieg zurück (Reporter: Hans von der Brelie).
Bonus interview: Admiral Lord West