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Lagarde: "Ukraine muss Korruption beenden!"

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Lagarde: "Ukraine muss Korruption beenden!"

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Die Lage in der Ukraine, eine Gefahr für die Weltwirtschaft. Es waren so deutliche wie warnende Worte, die IWF-Chefin Christine Lagarde fand. Gleichzeitig sieht sie in den Wirren um Kiew, Krim und Russland auch eine Chance. So könnten Moskaus Energiekunden nun ihren Energiemix neu mischen. Wir haben Lagarde in Washington getroffen, wenige Tage vor dem Frühjahrstreffen von IWF und Weltbank, bei dem es, natürlich, auch um die Ukraine gehen wird.

Stefan Grobe, euronews
Frau Lagarde, danke, dass Sie sich vor der Frühjahrstagung des IWF Zeit für uns genommen haben. Zunächst eine Frage zum globalen Kontext der Gespräche in diesem Jahr. Wir sehen unausgeglichenes Wachstum, enorme Arbeitslosigkeit, Deflations-Risiken, eine Straffung der geldpolitischen Zügel und plötzlich auch noch politische Instabilität, und zwar nicht weit weg, sondern direkt vor den Toren Europas. Wie wird sich all das auf die Gespräche beim jetzigen Treffen auswirken?

Lagarde
Das Positive und Negative halten sich die Waage. Ich bin sicher, die Medien werden eine Menge finden, worüber sie berichten können. Sicherlich wird es um die Ukraine gehen, die über die vergangenen Wochen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. Unsere Mitarbeiter waren dort um herauszufinden, wie es um die Wirtschaft der Ukraine steht, wie die Zahlen aussehen, die Währungsreserven, wer was tut. Außerdem haben wir mit den Behörden ein Programm ausgehandelt, das helfen wird, die wirtschaftliche Situation zu verbessern, in vielen Bereichen Rechtsstaatlichkeit wiedereinzuführen und Themen anzugehen wie Geldpolitik, Wechselkurse, Energiepreise. Es muss auch eine Reihe an Strukturreformen geben.

euronews
In Europa sehen wir eine wachsende Ungleichhheit, die Arbeitslosigkeit nimmt zu, besonders unter jungen Leuten, das erwähnen Sie in jeder Rede. Was sagen Sie jungen Menschen, die sich Sorgen machen? Gibt es Hoffnung, dass diese “Falle des geringen Wachstums”, wie Sie es nannten, doch nicht zuschnappt?

Lagarde
Diese Wachstumsfalle beschreibt das Risiko, dass diese Volkswirtschaften keine neuen Jobs werden schaffen können, wenn mittelfristig nicht die richtigen politischen Entscheidungen getroffen werden und es keine internationale Zusammenarbeit gibt. Diese Jobs werden aber gebraucht, um die junge Generation, die voller Elan und Energie auf den Arbeitsmarkt drängt, mit Arbeit zu versorgen. Die Wirtschaft scheint zwar die Kurve zu kriegen, aber sie bewegt sich zu langsam, das Wachstum ist zu schwach. Es muss durch die richtige Mischung aus Währungs- und Fiskalpolitik und vor allem durch Strukturreformen unterstüzt werden, damit sich der Arbeitsmarkt deutlich verbessert.

euronews
Sie haben gesagt, dass die Wirtschaft in der Eurozone nur sehr sehr langsam wächst, der IWF prognostiziert nur etwas mehr als ein Prozent Wachstum für dieses und das kommende Jahr. Nun haben wir eine internationale Krise mit möglicherweise unvorhersehbaren Energieproblemen, kann da selbst ein so geringes Wachstum aufrecht erhalten werden? Anders gesagt: Bedroht Wladimir Putin die Erholung in Europa?

Lagarde
Fehlende Stabilität, Unsicherheit, geopolitische Probleme erleichtern diese notwendige Erholung, die Politiker durchführen müssen, nicht gerade. Aber überall verbergen sich Chancen. Auch wenn das, was gerade passiert, eine Herausforderung ist, so fordert es die Länder auch auf, über ihren Energie-Mix nachzudenken und über die Art und Weise, wie sie diesbezüglich vorgehen. Die Ukraine muss ihre Wirtschaftspolitik wieder aufbauen, den Rechtstaat, sie muss die Regierungsfähigkeit sichern und Korruption beseitigen. Das sind alles positive Dinge, die aus einer so unsicheren Lage entstehen können.

euronews
Zur Ukraine. Die internationale Gemeinschaft hat Kiew über die kommenden zwei Jahre Finanzhilfen von bis zu 27 Milliarden US-Dollar zugesagt, 14-18 Milliarden kommen vom IWF, vorausgesetzt, die Ukraine setzt sehr anspruchsvolle Strukturreformen um. Wir realistisch ist das, wenn man die enorme Korruption in dem Land betrachtet und die andauernde militärische Bedrohung durch Russland?

Lagarde
Ob das Land seine Aufgaben erfüllt, wird von der Entschlossenheit der Menschen und der Regierung abhängen. Ohne diese Entschlossenheit wird sich nichts bewegen. Aber wenn es eine gemeinsame Anstrengung gibt, um die Korruption zu beenden, um eine funktionierende Regierung einzusetzen, um gute Lieferverträge zu haben, gute, reale Preise für Energie, und die wirtschaftliche Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, dann wird es gelingen; und die internationale Gemeinschaft wird diese Länder unterstützen.

euronews
Auf die Annexion der Krim haben die Märkte weltweit eher moderat reagiert, wenn überhaupt. Interessieren sich die Investoren nicht für die Ukraine? Und wenn das so ist, wer zahlt den wirtschaftlichen Preis für die russische Aggression?

Lagarde
Die Lage in der Ukraine hat durchaus Konsequenzen nach sich gezogen. Zum Beispiel hat die Währung um 30 Prozent an Wert verloren. Das war eine sehr deutliche Marktanpassung und sie folgte auf die Entscheidung der Notenbank, nicht länger eine gekoppelte Währung zu unterstützen, was sie ja war. Auch ist viel Kapital aus Russland und anderen Teilen der Welt abgezogen worden. Investoren merken sehr gut, wann es Zeit ist, sich zu bewegen.