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Ein linker Kommissionspräsident? Alexis Tsipras tritt an

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Ein linker Kommissionspräsident? Alexis Tsipras tritt an

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Für die einen ist er ein Held, für die anderen eine Gefahr für Brüssel. Er ist jung, ein Grieche, und nun er ist der Spitzenkandidat der Europäischen Linken für den Posten des neuen Kommissionspräsidenten: Alexis Tsipras, Chef der linken Syriza-Partei.

Zum ersten Mal überhaupt haben die politischen Parteien ihre Kandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten ausgesucht. Der wird gewählt, sobald das neue Parlament steht. Alexis Tsipras ist der Kandidat der europäischen Linksparteien.

Geboren und aufgewachsen in Athen, ist Tsipras kein Fremder auf der politischen Bühne. Als er 17 war und der Kommunistischen Jugend angehörte, rief er in den 90er-Jahren zu Sitzprotesten und Blockaden auf, um gegen die Reformen im Bildungswesen zu protestieren. Sein Privatleben schottet er von der Öffentlichkeit ab, er hat zwei Söhne und ist mit seiner Freundin seit der Universität zusammen.

Außerhalb von Griechenland war er kaum bekannt, bis er vor zwei Jahren schlagartig ins Rampenlicht trat, als seine linksradikale Partei Syriza in der zweiten Runde der Parlamentswahl die meisten Stimmen erhielt.

Seine Anhänger: Diejenigen, die am meisten unter Finanzkrise und Sparpoltik zu leiden hatten, die Griechenland in den vergangenen vier Jahren wirtschaftlich in die Knie zwangen. Die Frustierten und Aufgebrachten sehen in Tsipras ihren Hoffnungsträger.

Unfähig, eine Regierung zu bilden, ist Tsipras heute Anführer der griechischen Opposition und ein unermüdlicher Gegner der Sparreformen. Hat er Aussicht auf Erfolg?

Wir wollten mehr über den Bewerber um die Kommissionspräsidentschaft erfahren und trafen Tsipras und sein Wahlkampfteam bei der Vorbereitung einer seiner unzähligen Wahlveranstaltungen. Im Mai stehen nicht nur die EU-Wahlen ab, sondern auch Kommunalwahlen in Griechenland.

Syros ist eine Insel im Südosten von Athen. Hier, wie überall in Griechenland, will Tsipras die Menschen vor Ort treffen und über ihre Probleme sprechen. Viel Zeit hat er nicht für die Presse, er bereitet gerade seine nächste Wahlrede vor. Die verfolgt, wie immer, ein gleichbleibendes Schema: Die EU ist schuld, vor allem die Troika und die griechischen Regierungen, die drastische Sparpläne, Gehaltskürzungen und Steueranhebungen zugelassen haben. Seine Rede mit ironischem Unterton trifft bei den Zuhörern vor Ort mitten ins Schwarze.

“Wir gratulieren dieser Regierung und ihren zwei Vorgängern für das seit 2010 Erreichte. Denn es ist ihnen gelungen, die Mittelklasse in diesem Land auszulöschen und die Arbeitlosenquote auf 30 Prozent zu steigern, bei Jugendlichen sogar auf 60 Prozent. Und sie haben es geschafft, 300.000 brillante junge Forscher aus unserem Land zu vertreiben und zu Migranten zu machen.

Vom ehemaligen Mitglied der Kommunistischen Partei zum Vorsitzenden der linksradikalen Syriza-Partei, hat sich Tsipras zu einem vehementen Gegner der in seinen Augen neoliberalen Politik der EU entwickelt. Aber könnte er diese Haltung in Brüssel durchsetzen? Er ist überzeugt davon.

Mantheos Tsimitakis ist ein Studienfreund von Tsipras. Er sagt: “Ich erinnere mich, dass wir zu einem bestimmten Zeitpunkt ein zehnköpfiges Gremium bildeten, um mit dem damaligen Bildungsminister zu verhandeln, und einige unserer Gremiumsmitglieder hatten keine Ahnung, worum es ging. Wir hatten eine Liste von Forderungen, aber keinen wirklichen Verhandlungsspielraum. Außer Alexis. Er war der geborene Verhandlungsführer, schon damals, mit 17 Jahren.”

Auf dem Weg 17-jährigen Studentenführer zum aufstrebenden Politiker, musste Tsipras ein paar Anpassungen vornehmen. Für viele Griechen ist er ein Held, der die schmerzhaften Auswirkungen der Krise aufheben wird. Andere halten ihn für eine Gefahr für Griechenlands Zukunft in Europa. Auf jeden Fall ist er ein Persönlichkeit im Rampenlicht. Was für ihn nicht immer einfach ist, meint sein ehemaliger Professor und Freund.

Yiannis Protonotarios war Tsipras Uni-Professor, heute sind beide befreundet. “Er mag ein einfaches Leben, fährt gerne Motorrad und solche Dinge. Aber nun, wo er berühmt ist, kann er das nicht mehr tun. Oder zumindest nicht mehr so oft. Deswegen kommt er gerne in mein Haus, wo er zur Ruhe kommt, um ein wenig Zeit, sagen wir zehn Tage, mit seiner Familie zu verbringen.

Auch wenn er das Motorrad gegen Bodyguars eingetauscht hat, Alexis Tsipras hat eine Mission: Er will nicht nur die Griechen, sondern alle Europäer davon überzeugen, dass die Europäische Linke eine wichtige Rolle für die Zukunft der EU spielt. Tsipras sagt, er sein kein Anti-Europäer. Er wolle aber die Sparpolitik beenden und Brüssel wieder demokratisch zu machen.

Tsipras: “Das Erstarken rechter Parteien in Europa macht uns große Sorgen. Diese Parteien wollen Europa zerstören. Genauso machen wir uns Sorgen wegen der andauernden Attacken der Finanzmärkte auf Europa. All das kommt von der Sparpolitik. Sie ist nicht die Lösung. So kommen wir nicht aus der Krise. Europa braucht einen neuen Sozialvertrag, einen New Deal.”

Ein New Deal für Europa, das, so hofft Tsipras, kann die Europäische Linke erreichen, wenn er Präsident der EU-Kommission wird. Der Wirtschaftsexperte Babis Papdimitriou allerdings hält Tsipras nicht für einen aussichtsreichen und ernstzunehmenden Bewerber um das Präsidentenamt.

“Griechenland hat sehr gelitten. Am meisten hat das griechische Volk gelitten. Für die Linke und ihre Wähler in Europa ist es daher sehr gut, einen griechischen Kandidaten zu haben. Aber Tsipras ist weit in Wahrheit von Europa entfernt, besonders davon, wie Brüssel versucht hat und weiter versucht, gegen die Krise zu kämpfen, sich anzupassen, um diese Krise zu überwinden.”

Die Wirtschaftsfachfrau und ehemalige Pasok-Abgeorndete Elena Panaritis: “Er ist nicht der Tsipras, der er noch vor zwei oder drei Jahren war. Er tritt seriöser auf. Er war bei den Entscheidungsträgern, er hat mit den Anführer Europas gesprochen. Er ist auch den Unternehmen Griechenlands sehr nah, dem Privatsektor des Landes. Er ist sicher links, aber er ist definitiv kein Radikaler.”

Zweifellos ist Tsipras zu einem immer ernstzunehmenden Politiker geworden. In den Umfragen erzielt er gute Werte und manche fragen sich bereits, ob er der nächste Regierungschefs Griechenlands wird, anstatt Kommissionspräsident.

Tsipras: “Ich denke, unsere politischen Gegner in Europa würden mich lieber an der Spitze der EU-Kommission sehen als an der Spitze der griechischen Regierung, denn sie wissen, wenn es einen radikalen Politikwechsel in Griechenland gibt, wird es schwieriger für sie, ihre politische Agenda in Europa weiter zu verfolgen.”

Ein radikaler Wechsel in Griechenland oder sogar in Europa. Am 25. Mai werden die Wähler in der EU entscheiden, welchen Weg sie künftig gehen wollen.