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Portugals verlorene Kinder

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Portugals verlorene Kinder

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Sparmaßnahmen als Reaktion auf die Krise – eines der Themen bei der bevorstehenden Europawahl. Vor allem auch wegen der Folgen, die diese Politik in den betroffenen Ländern hatte. Wie zum Beispiel in Portugal. Hat die Europäische Union nicht nur eine Generation von Arbeitslosen geschaffen, sondern auch das Leben von Millionen von Kindern riskiert?

Schon vor dem Höhepunkt der Finanzkrise im Jahr 2011 war fast ein Drittel aller portugiesischen Kinder von Armut bedroht. Nach dem Rettungspaket der Europäischen Union kamen die Sparmaßnahmen – seither sind noch mehr Kinder auf Hilfe angewiesen.

Hilfe zur Selbsthilfe bietet in Porto die Initiative “Qualificar para Incluir”. Mehrere Hundert Familien werden damit unterstützt. Hier kochen Erwachsene, sammeln dabei Arbeitserfahrung und bieten rund 50 Kindern eine gehaltvolle Malzeit. Die Kleinen können hier auch ihre Hausaufgaben erledigen und Freizeitangebote wahrnehmen.

“Meine Mutter kann uns nur bestimme Dinge zu essen kaufen. Aber manchmal wollen wir etwas Abwechslung. Mama kann sich das nicht leisten. Manchmal hilft mein Onkel und kauft uns Kleidung”, sagt Suade, die das Angebot der Initiative annimmt. Suades Mutter ist krank und kann nicht arbeiten. 215 Euro Sozialhilfe bekommt sie monatlich, dazu 150 Euro Kindergeld. Doch allein ihre Miete verschlingt 300 Euro. “Deswegen kann ich meine Kinder nicht anständig versorgen. Wenn ich die Miete nicht bezahle, fliege ich aus der Wohnung. Wo sollten wir dann leben? Die Miete macht mir Sorgen”, so Bana Fati, Suades Mutter.

Die Arbeitslosigkeit lässt viele Familien in die Armut rutschen. Denn nicht alle haben das Recht auf staatliche Unterstützung. So auch Rubens Familie. “Alles ist viel zu teuer”, meint Ruben. “Die Preise sollten gesenkt werden. Dafür sollte der Mindestlohn erhöht werden, auch die Sozialhilfe.” Rubens arbeitslose Mutter bekommt monatlich 70 Euro Kindergeld für ihn und seine kleine Schwester. Das reicht nicht – Rubens Oma Elvira muss helfen: “In einem Monat zahle ich die Stromrechnung gleich, im nächsten erst nach der letzten Mahnung. Dafür kann ich dann den Fernsehanbieter zahlen. Manchmal leiht meine Schwester mir Geld, bis am Ende des Monats mein Lohn kommt. Ich kann nicht alles zugleich zahlen. Nur so geht es.”

Portugals Sozialsystem braucht einen Wandel. Davon ist Cidália Queiroz, die Leiterin der Initiative “Qualificar para Incluir” überzeugt. “Meiner Meinung nach sind Teile des sozialen Wohnungsbaus ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde. Kinder leben in Umgebungen, in denen sie weder lernen noch positive Werte erfahren können. Ihr Verhalten treibt seltsame Blüten, doch sie wachsen in dem Glauben heran, dass das die Norm ist”, so Cidália.

In den nächsten sieben Jahren soll Portugal rund 1,6 Milliarden Euro aus dem Europäischen Sozialfonds erhalten. Angesichts der herrschenden Zustände aber, bleibt selbst diese Summe wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Interview mit der Chefin von Unicef Portugal

In einer gemeinsamen Untersuchung haben Unicef Portugal und neun
portugiesische Nicht-Regierungsorganisationen herausgefunden, dass die Sparmaßnahmen der Regierung die in der UN-Kinderrechtskonvention festgelegten Standards verletzen. Euronews hat darüber mit Madalena Marçal Grilo, der Direktorin von Unicef Portugal gesprochen.

Madalena Marçal Grilo: “Ein Faktor, der Kinder massiv bedroht, ist die Arbeitslosigkeit. Erstens, weil die Kinder materiell von vielen Angeboten ausgeschlossen sind, weil die Eltern nicht genug oder gar nicht verdienen. Zweitens aber auch, weil die Eltern sich weniger auf ihre Kinder einlassen können. Sie sind gestresst, haben Angst, suchen Wege, an Geld zu kommen.”

Isabel Marques da Silva, Euronews: “Es gibt also einen Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Kinderarmut und dem Sparprogramm der letzten drei Jahre?”

Madalena Marçal Grilo: “Wir können sagen, dass die materielle Armut steigt, weil die Familien weniger Einkommen zur Verfügung haben, auch weil der Zugang zu den Sozialprogrammen erschwert wurde – besonders was das Kindergeld angeht, die Zuschüsse zu Bildungsausgaben – das wird nun alles sehr viel strenger behandhabt.”

Isabel Marques da Silva, Euronews: “Wie wird das die Zukunft der Kinder beeinflussen?”

Madalena Marçal Grilo: “Armut und Mittellosigkeit haben Einfluss auf die schulische Bildung, auf die Fähigkeit, in der Gesellschaft anzukommen und später produktiv zu arbeiten.”