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Europa der Gegensätze: Ein Besuch in Bulgarien und in Luxemburg

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Europa der Gegensätze: Ein Besuch in Bulgarien und in Luxemburg

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Die bulgarische Hauptstadt Sofia: Gut gekleidete Menschen, den Restaurants mangelt es nicht an Gästen. Soll dies das ärmste Land Europas sein? Doch nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernt befindet sich die Roma-Siedlung Fakulteta, die mehr als 30 000 Einwohner hat. Die meisten von ihnen sind arbeitslos und arm. “Selbst wenn man keine Arbeit hat, muss man für seinen Unterhalt sorgen”, meint ein in der Siedlung lebender Mann und eine Frau fügt hinzu:
“Manche Menschen bezahlen, andere stehlen nur, sie saugen unser Blut. Die Polizei gibt manchmal vor, etwas zu tun, indem sie die Ausweise kontrolliert.”

Trotzdem verändert sich manches. Elena Kabaktschewa ist seit 15 Jahren für eine Stiftung tätig, die sich für die sozialen Belange und die medizinische Versorgung der Roma einsetzt: “Das Heiratsalter der jungen Frauen lag früher bei 14 Jahren, jetzt heiraten sie mit 20. Das ist der allgemeine Durchschnittswert. Auch gibt es weniger Schulabbrecher, seit die Stiftung hier arbeitet.” Die Stiftung hat einen Kindergarten eingerichtet und berät junge Mütter. Auch Brüssel stellt der Stiftung Mittel zur Verfügung. Elena Kabaktschewa denkt, dass eine Lösung des Problems Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird:
“Experten sind sich darüber einig, dass diese Maßnahmen langfristig sein sollten. Programme für drei Monate oder ein Jahr, um die Lage zu kurzfristig verbessern, haben wir nicht.”

Mit dem Ende des Kommunismus brach die Wirtschaft zusammen, die sich bis heute nicht erholt hat. Das durchschnittliche Einkommen beträgt 333 Euro. Korruption und Organisierte Kriminalität sind systemische Probleme. Der Journalist Assen Jordanow kämpft dagegen: “Korruption ist wie ein Geschwür der gesamten Gesellschaft.” Jordanow zeigt uns einen Abschnitt an der Schwarzmeerküste, der unter Naturschutz stand und von der Regierung zum Verkauf angeboten wurde. Investoren erzielten einen hundertfachen Profit. Jordanow überlebte zwei Attentatsversuche. “Die Bebauung der Küste nützt weder dem Land noch dem Tourismus. Oligarchen, die kriminellen Strukturen angehören, bekamen die Möglichkeit, sich erneut die Taschen zu füllen”, sagt er.

Bulgarien trat der EU 2007 bei. Die Erwartungen der Menschen waren hoch, doch inzwischen sind sie enttäuscht, denn ihr Leben hat sich nicht verbessert. Der sozialistische Parlamentsabgeordnete Ivalo Kalfin meint dazu: “Insbesondere in sozialer Hinsicht gab es große Erwartungen. Sie haben sich nicht erfüllt. Doch junge Menschen, Unternehmer, junge Wissenschaftler wissen die EU-Mitgliedschaft zu schätzen.” Zu diesen jungen Menschen zählt auch Maria Angelowa. Sie entschied sich, in Bulgarien zu bleiben. Heute ist sie Chefredakteurin der zweitgrößten Reise-Webseite. “Viele Dinge verändern sich, europäische Gelder werden in sinnvolle Projekte investiert”, sagt sie. “Ich denke, dass es Schritt für Schritt besser wird.”

Im Großherzogtum Luxemburg hingegen beträgt das Durchschnittseinkommen 3 200 Euro. Nach Katar ist Luxemburg mit seiner halben Million Einwohner das zweitreichste Land der Welt. Luxemburg ist ein Finanzzentrum, Medien und IT-Unternehmen haben sich hier angesiedelt. “Welches ist zur Zeit das größte Problem in Luxemburg?”, fragten wir. Eine Passantin meinte: “Das größte Problem? Ich lebe bereits seit einigen Jahren hier und es gefällt mir. Ich kenne keine Probleme.” Und ein Passant sagte uns: “Das größte Problem? Ich sehe kein Problem, es ist ruhig, alles ist bestens organisiert. Es ist ein Vergnügen hier zu leben und zu arbeiten.”

Wir fragten Harlan Koff von der Uni Luxemburg nach den Ursachen der sozialen Unterschiede in der EU sowie nach dem Erfolg Luxemburgs.

Harlan Koff:
Luxemburg hat mit dem Bankwesen eine Nische gefunden und sich darin wirtschaftlich eingerichtet. Zweitens hat nicht allein Wachstum sondern auch Stabilität Bedeutung. Das bedeutet, dass die Mittelschicht sehr stark ist.

euronews:
Welches sind die Ursachen für die große Armut in einigen Regionen Europas?

Harlan Koff:
In jenen Regionen spielt die Mittelschicht kaum eine Rolle, im Grunde genommen schrumpft sie. Die wirtschaftliche Grundlage dieser Regionen bilden Handwerk, Baugewerbe und Industrie. Weil die Arbeitslosigkeit in diesen Bereichen wächst, hinken die Regionen der Entwicklung hinterher.

euronews:
Ist Korruption eine der Ursachen für Armut?

Harlan Koff:
Korruption spielt eine Rolle, doch es geht nicht nur um Schutzgelder und Bestechung. Zur Korruption gehören auch informelle Netzwerke, die auf die politische Führung Einfluss nehmen. Es geht um den Mangel an Gesetzen, um mangelndes Vertrauen in den Staat, um die fehlende Verbindung zwischen Staat und Märkten, was zu parallelen Gesellschaften führt. Bürger solcher Gesellschaften sind Risiken ausgesetzt, sie sind verletzlich, was Armut schafft.

euronews:
Ist es der EU gelungen, die soziale Kluft in Europa zu schließen?

Harlan Koff:
Die Europäische Union hat viel in die Infrastruktur investiert. Während die Infrastruktur geschaffen wurde, gab es jedoch kaum Möglichkeiten, strukturelle Probleme dieser Regionen anzugehen, darunter Regelwidrigkeiten.

euronews:
Was sollte die EU in Zukunft auf diesem Gebiet tun?

Harlan Koff:
Betrachtet man Armut als ein strukturelles Problem, kann sie beseitigt werden, indem die Mittelschicht gestärkt wird. Das bedeutet, eine Entwicklung in Gang zu setzen, die gerecht ist. 52 Millionen Europäer haben kein Bankkonto. Die EU nimmt das zur Zeit in Angriff. Man kann die Armut nicht beseitigen, man kann keine Mittelschicht schaffen, wenn nicht alle über ein Bankkonto verfügen, wenn man keine Anleihe machen kann oder keinen Kredit bekommt.