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Integrationerfolg in Spanien

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Integrationerfolg in Spanien

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Das Dorf Guissona in Katalonien ist der erste Ort in Spanien, in dem mehr als die Hälfte der Einwohner Ausländer sind. Der Grund: die dortige Agrar-Kooperative braucht Arbeitskräfte. Auf nahezu 7.000 Einwohner ist das Dorf gewachsen. Die neuen Mitbürger kommen aus Osteuropa, aus Afrika und Lateinamerika. Kommen Sie mit uns nach Guissona und sehen Sie, wie dieses Zusammenleben ohne jene sozialen Probleme funktioniert, die es in anderen Teilen der EU gibt.

Guissona. ist ein Dorf in Katalonien. In der dortigen Agrar-Kooperative werden täglich rund 5.500 Schweine, 500 Schafe, 150 Kälber und zehntausend Hühner geschlachtet. Schlachthof – das ist eine schwere, nicht eben angenehme Arbeit.
Einheimische Arbeitslose waren dafür nicht zu gewinnen. Es ist wie in Deutschland zur Spargelernte. Da kann die Arbeitsagentur noch so viele Job-Sucher schicken. Die meisten sind schnell wieder weg. Und wie in Deutschland sind es auch in Spanien die billigen Arbeitskräfte , denen es in ihren Heimatländern noch schlechter geht als einheimischen Arbeitlosen.

Hier eine Übersicht über die aktuelle Belegschaft im Schlachthof von Guisson:
445 Ukrainer,
400 Rumänen
182 Senegalesen
78 Bulgaren
62 Marrokaner und
46 Kolumbianer.

Wo der gute Schinken der Region hergestellt wird, ist der Arbeitsplatz von Oleksandr Vojutowitsch aus der Ukraine. Er kam vor fast 14 Jahren.
Inzwischen hat er sich eingelebt, beantwortet die Interviewfragen in fließendem Spanisch. Er sagt:
“ Wir gehören zu den ersten Ukrainern, die auf der Suche nach Arbeit hierher kamen. Ich hatte bei der Ankunft bereits einen Vertrag in der Tasche. Zwei Jahre später kam meine Frau nach, jetzt arbeiten wir beide hier in der Kooperative. Seit 14 Jahren leben wir hier und haben inzwischen zwei Töchter.”

Zuerst lief es per Mundpropaganda. Wer hier Arbeit fand, informierte Freunde und Familie daheim. So kamen die nächsten, zunächst vor allem Ukrainer und Senegalesen. In Rumänien und Kolumbien läuft die Anwerbung auf der Basis von Regierungsabkommen.
Masse Ndiave kam 2003 aus dem Senegal nach Spanien, zuerst als Saisonarbeiter für die Obsternte.
Er engagierte sich für seine Landsleute, wurde zum Präsidenten ihrer Vereinigung am Arbeitsort gewählt. Heute hat er weiter gehende Pläne für daheim. Er berichtet: “ Ich möchte daheim in Senegal meine eigene Firma betreiben und rechne mit der Hilfe der Kooperative. Um die Zuwanderung zu begrenzen, denken heute Unternehmer aus Europa daran, in Afrika zu produzieren. Man muss dafür mit den Regierungen verhandeln, die diesen Weg eigentlich befürworten.
Denn sonst werden die Afrikaner weiterhin über Ceuta und Melilla in die EU strömen.”

Wir bleiben erst einmal in Guissona. Hier musste die soziale Infrastruktur ausgebaut werden, als nicht mehr nur Arbeitskräfte kamen sondern ganze Familie, die hier leben wollen. Der Ort hat in 14 Jahren seine Bevölkerung verdoppelt.
Zusammen mit den staatlichen Behörden und mit einer Versicherung wurde ein System der Eingliederungshilfe und der Weiterbildung geschaffen, wurden Mietwohnungen gebaut. Es entstand ein Gesundheitszentrum mit vielen Einrichtungen, die die Alt- wie die Neubürger gemeinsam nutzen. Dort arbeitet am Empfang die Rumänin Monica Vajdea. 2003 kam sie mit ihrem Mann hierher. Zuerst hat auch sie im Schlachthaus gearbeitet. Dann hat sie die Sprache gelernt und das Verwaltungsfach. Heute sagt sie: “Ich hatte keine Idee für meine Zukunft, weil ich eigentlich nicht aus Rumänien weggehen wollte. Leben in einem anderen Land konnte ich mir nicht vorstellen.
Hier in Guissona sind wir eher per Zufall gelandet.
Und nun leben wir schon zehn Jahre hier. Wie es weitergehen wird? Ich weiß nicht. Ich plane immer noch nicht voraus. Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung.”

Die Zuwanderung ist inzwischen breit gefächert.
Aus rund 50 Ländern kommen die Menschen und finden hier Arbeit. Hier, wo die Arbeitslosigkeit bei für Spanien fantastisch niedrigen 5,5 Prozent liegt.
Der Bürgermeister sieht denn auch seinen Ort als ein positives Symbol für demografische Entwicklung in Europa. Er gehört zur linken Unabhängigkeitspartei von Katalonien. Spricht also nicht Spanisch sondern Katalonisch beim Interview, wo er berichtet: “Neulich waren sogar Leute vom USA-Konsulat hier, um zu studieren, wie es bei uns mit Zuwanderern islamischen Glaubens läuft, die sich eine Moschee teilen. Orthodoxe Christen teilen sich hier mit alteingesessenen katholischen Christen eine Kirche. Normalerweise teilen sich unterschiedliche Gemeinden nicht so einfach ein Gotteshaus. Die Studie des Konsulats wurde in den USA veröffentlicht als ein Beispiel, wie man der Entwicklung etwa von islamischem Extremismus vorbeugen kann.”

Täglich verlässt eine ganze Flotte von Transportern die Produktionsstätten von Guissona. Außer Fleisch wird inzwischen auch Olivenöl und Wasser geliefert.
Kunden sind gut 400 Supermärkte in der Region.
Inzwischen wird nicht nur von einer multinationalen Belegschaft produziert – es wird auch exportiert.

euronews:
Antonio Condal ist Personaldirektor im Nahrungsmittelunternehmen von Guissona.
Sie sind für die Anwerbung von Arbeitskräften verantwortlich. Und Sie stellen trotz Krise weiter ein.
Wie läuft das und wie viele Leute brauchen Sie pro Jahr?

Antonio Condal
Ich erinnere mich daran, wie wir im Jahr 2000 in den Arbeitsämtern Aushänge gemacht und Jobs angeboten haben. 200 Leute suchten wir damals.
Die Ergebnisse waren sehr mager. Ganze 15 Bewerber meldeten sich. Wir brauchten aber 200 Arbeitskräfte für den Schlachthof. Also blieb uns gar nichts anderes übrig, als Ausländer einzustellen.
Jetzt, 2013 und 2014, sieht es anders aus. Allein 2013 bekamen wir 13.000 Bewerbungen. Darunter 10 Prozent von Ausländern und 90 Prozent von Spaniern. So ist heute das Mitarbeiterverhältnis bei den Einstellungen aus jüngerer Zeit. Von 2000 bis heute sind die Bewerbungen insgesamt von 2.400 auf 13.000 gestiegen und darunter der Anteil jener aus dem eigenen Land von 50 auf 90 Prozent.