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Siegt UKIP bei der Europawahl in Großbritannien?

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Siegt UKIP bei der Europawahl in Großbritannien?

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Für die Europawahl hat Nigel Farage, Chef der Partei UKIP, ein politisches Erdbeben angekündigt. Ziel seiner Kampagne in den vergangenen Wochen war, Wähler für seine Partei zu gewinnen, die er als Volksarmee bezeichnet. Selbst fernab vom Süden Englands, wo die traditionellen Wähler beheimatet sind, geht UKIP mit Erfolg auf Stimmenfang. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in der drittgrößten Stadt Englands rief UKIP vor kurzem dazu auf, die EU zu verlassen und die Einwanderungspolitik zu verschärfen.

Manchester war einst das Herz der Industrierevolution Großbritanniens. Fabriken und Arbeiterclubs wurden vor langer Zeit schon geschlossen. An ihre Stelle sind Luxusappartements, Büros und Weinstuben getreten. Die Arbeitslosigkeit beträgt acht Prozent, 2012 haben rund 10 000 Familien in der Region ihre Wohnungen verloren.
Bei einer Nachwahl in einem Wahlkreis bei Manchester schaffte es UKIP auf den zweiten Platz. Farage fordert, die Einwanderung schlecht ausgebildeter Menschen einzuschränken. Viele stimmen dem zu. “Nicht Brüssel sollte über uns bestimmen, wir selbst sollten über unser Land entscheiden”, meint ein Taxifahrer. “Und was die Einwanderung anbelangt – das Boot ist voll.” Eine ältere Dame sagt:
“Ich werde für Nigel Farage stimmen, denn ich denke, dass er recht hat.” Ein Mann fügt hinzu: “Es gibt junge Leute in diesem Land, die einen Job brauchen. Das ist doch einfach zu verstehen? Ich habe nichts dagegen, dass einige Einwanderer ins Land kommen, doch ich bin dagegen, dass zu viele kommen.”

Doch es gibt auch andere Stimmen: “Was Einwanderer anbelangt, die hier Arbeit suchen, sind UKIP-Anhänger faschistisch”, sagte uns ein junger Mann. “Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Ich habe unter anderem Schnittblumen geerntet und weiß daher, dass die Europäer, die hier Jobs suchen, im allgemeinen Arbeiten verrichten, die wir ablehnen.” Eine Passantin sieht das ähnlich: “Was Farage sagt, entspricht nicht meinen Vorstellungen. Ich stimme seiner Einwanderungspolitik nicht zu.” Eine andere Frau sagt: “Er ist zu weit rechts, er hetzt auf, was er sagt, ist gefährlich. Mir gefällt der Mann nicht.”

Der frühere Musik-Manager John Bickley war es, der bei der Nachwahl für UKIP kandidierte. Bickley war Labour-Wähler, bevor er zu den Konservativen wechselte. UKIP-Wähler seien von Karriere-Politikern enttäuscht, meint Bickley: “Wenn ich sehe, wer bei Labour, den Konservativen oder den Liberalen in der vordersten Reihe sitzt, frage ich mich, ob sie je einen richtigen Job hatten? Ob sie wissen, was es heißt, am Monatsende die Rechnungen zu bezahlen? Sie haben keinen Bezug zu den Wählern, die meisten jedenfalls.” Die meisten Parteien behaupten, von Teilen der Gesellschaft unterstützt zu werden.

Doch stimmt es, dass die Mittelschicht UKIP wählt? Rob Ford von der Universität Manchester ist Co-Autor einer Studie über die Partei. “Es handelt sich um eine Revolte der Arbeiterklasse”, so Ford. “Es geht um ältere, weiße Arbeiter. Sie sind von der Politik enttäuscht. Sie sind gegen die EU und gegen die Einwanderung. UKIP-Mitglieder sind oft frühere Konservative. Spricht man mit ihnen, geht man zu ihren Versammlungen, denkt man, dass es sich um die Konservative Partei im Exil handelt. Doch die Menschen, die für UKIP stimmen, die Menschen in den Wahlbezirken sind eine ganz andere Gruppe.”

Vieles spricht dafür, dass UKIP Labour das Fürchten gelehrt hat. Der frühere Busfahrer und ehemalige Lord Mayor Manchesters, Afzal Khan, kandidiert für das Europaparlament. Labour stelle sich der Herausforderung durch UKIP, so Khan: “Man kann natürlich über Umfragen, über wissenschaftliche Studien sprechen. Entscheidend aber ist, dass hier in Manchester, in Wythenshawe vor kurzem eine Nachwahl stattfand und dass wir einen Stimmenzuwachs verzeichnen konnten, während UKIP auf den zweiten Platz kam. Wir haben Lösungen, und wir wissen, dass die Tory-Regierung die Menschen im Norwesten des Landes nicht erreicht und dass UKIP keinerlei Lösungen anbieten kann.” Die Frage bleibt: Wird UKIP bei der Europawahl die meisten Stimmen erzielen? Darüber sprachen wir mit Rob Ford.

euronews:
“Rob Ford, Sie unterrichten Politikwissenschaft an der Universität Manchester. Ihre vor kurzem veröffentlichte Studie über die Partei UKIP trägt den Titel “Revolte im rechten Lager”. In den britischen Mainstream-Medien gilt UKIP als Tory-Partei im Exil. Ist diese Kritik berechtigt?”

Rob Ford:
UKIP hat den Konservativen wirklich Schaden zugefügt. Schaut man sich an, wie die Leute 2010 gewählt haben, wird deutlich, dass UKIP sein Potential Wählern verdankt, die 2010 für die Konservativen gestimmt haben. Aus der Nähe betrachtet, sieht es noch schlimmer aus: Es handelt sich um Wähler aus dem Arbeitermilieu, die wirtschaftlich in Not geraten und politisch desillusioniert sind. Sie sind durch das Sparprogramm zu Verlierern geworden. Ein Bauarbeiter oder ein Klempner, der 2010 für David Cameron gestimmt hat, weil er Gordon Brown und die Finanzkrise satt hatte, könnte immer noch für die Konservativen stimmen, gäbe es UKIP nicht. Doch diese Wähler wären ohnehin abgesprungen, sie haben viele Gründe, mit den Leistungen der Konservativen in den vergangenen fünf Jahren unzufrieden zu sein.”

euronews:
“Kann UKIP zu den Anti-Establishment-Kräften gerechnet werden, die überall in Europa erstarkt sind?”

Rob Ford:
“Meiner Meinung nach ist die Partei Teil der radikalen Rechten, die seit einigen Jahrzehnten in Europa in Erscheinung tritt. Ich denke dabei an an die Partei Wilders’, an Le Pen, an die Schweizerische Volksparei, an die Freiheitlichen in Österreich. Sie alle haben große Ähnlichkeit mit UKIP. Ein Teil der Wähler fühlt sich im Stich gelassen, sieht sich als Verlierer der Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte und stimmt für diese Parteien, die gegen das bestehende System sind.”

euronews:
“Le Pen und Wilders würden mit Farage zusammengehen und eine Allianz im Europäischen Parlament bilden. Was brächte das UKIP?”

Rob Ford:
“Für UKIP wäre das schlecht. Denn Le Pen und Wilders sind UKIP insofern von Nutzen, als UKIP sich davon distanzieren kann, betonen kann, dass sie anders ist. UKIP kann sagen, dass Identität oder Rasse für sie keine Rolle spiele. Sie kann behaupten, eine moderate Partei zu sein, sie kann sagen, dass sie von einer Allianz Nutzen hätte, dass sie jene Politik aber ablehne. Aus der Perspektive der britischen Innenpolitik nützt das UKIP, denn auf diese Weise kann die Partei nicht den extremistischen Bewegungen zugerechnet werden.”