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Im Westen der Ukraine hofft man auf die Hilfe Polens

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Im Westen der Ukraine hofft man auf die Hilfe Polens

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Die Lage in der Ukraine überschattet den Europawahlkampf in Polen. Europathemen, selbst innenpolitische Themen haben angesichts des Geschehens im Nachbarland kaum Gewicht. Przemysl, im Südosten Polens gelegen, ist nur wenige Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Der Bürgermeister der Stadt, Robert Choma, sagt: “Die Fragen, die Kandidaten beantworten müssen, sind: Was kann für die Ukraine getan werden? Mit welchen Strafmaßnahmen sollte man Russland begegnen? Wir wollen nämlich keine Rückkehr zu einer polnisch-sowjetischen Grenze! Um keinen Preis!” Die Bürger Przemysls haben dezidierte Meinungen darüber, was die EU und was die Ukraine selbst in der gegenwärtigen Lage tun sollten: “Wir müssen der Ukraine helfen”, meint ein Mann, der über 80 Jahre alt ist. “Was die Sowjetunion getan hat und was Russland fortsetzt, kann man nicht hinnehmen!” Ein junger Mann hingegen ist sehr kritisch: “Die Ukrainer müssen sich selbst helfen, niemand kann das an ihrer Stelle tun, weder die Europäische Union noch Russland. Die Ukrainer selbst haben sich in diese Lage gebracht, den Bürgerkrieg herbeigeführt.”

Insbesondere Geschäftsleute auf beiden Seiten der Grenze haben großes Interesse daran, dass die Krise in der Ukraine ein Ende nimmt.
Doch auch die Kleinhändler wollen klare Verhältnisse. Der kleine Grenzverkehr, der Handel mit Wodka und Zigaretten spielt hier immer noch eine bedeutende Rolle. Insbesondere die Ukrainer profitieren davon, denn Arbeitsplätze sind bei ihnen eher dünn gesät. Der ukrainische Rentner Orest-Myron Dudko ist ein Grenzbewohner. Er hätte nichts dagegen, EU-Bürger zu sein: “Die Polen sagen, ich müsse nur mein Haus nehmen und es auf die andere Seite der Grenze bringen. Doch wie soll ich das tun? Die Polen wollen uns so schnell wie möglich in der Europäischen Union sehen.” Viele Ukrainer sind der politischen Dauerkrise und der wirtschaftlichen Schwierigkeiten müde. Sie hoffen, dass sich die Lage nach der Präsidentschaftswahl verbessert. Der Vorsitzende des Bezirksrates von Mostyska, Ihor Stetsyna sagt: “Die Menschen erwarten sehr viel von der Präsidentschaftswahl. Ich denke, dass die Wahlbeteiligung etwa 80 Prozent erreichen wird. Die Polen in unserer Region unterstützen uns, sie haben die Ukraine immer unterstützt. Die Gefahr eint die Menschen, sie werden in großer Zahl kommen und über den neuen Präsidenten abstimmen.”

Tscherwonohrad gehörte bis 1951 zu Polen, kam jedoch nach einem Gebietsaustausch zur Sowjetunion. Die Stadt ist rund 20 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Die Kohlegruben der Region sind die größten Arbeitgeber, in jeder Familie gibt es zumindest ein Mitglied, das in der Kohleindustrie arbeitet. “Meine Arbeitsgruppe ist über die Ereignisse in der Ostukraine sehr besorgt”, meint ein Bergarbeiter. “Für uns ist es wichtig, dass gearbeitet wird und dass wir unsere Gehälter bekommen. Wir brauchen Vertrauen in die Zukunft.” Eine seiner Kollegninnen fügt hinzu: “Ich hoffe trotzdem, dass die Ukraine von großen Unruhen verschont bleibt. Ich wünsche, dass sich die Ukrainer nicht verfeinden und dass sie auf ihre Heimat stolz sein können.” Der leitende Angestellte Iwan Plaschynets sagt: “Alle Menschen hier hoffen, dass ein Dialog zwischen den Politikern stattfindet und dass sie eine gute Lösung finden. Wir wollen eine gute Entscheidung für unser Land.” Auch in der Hauptstadt der Region, in Lemberg, bereitet man sich auf die Präsidentschaftswahl vor. Die Stadt, die lange zu Polen, danach zum Habsburgerreich gehörte und schließlich zur Sowjetunon gelangte, blickt nach Europa und hofft auf die Hilfe Polens.

Über das Verhältnis der Polen zur Ukraine sprachen wir mit Anatoly Romanyuk von der Universität Lemberg.

euronews:
Herr Romanyuk, wie wirkt sich die Lage in der Ukraine auf die polnischen Europa-Wähler aus?

Anatoly Romanyuk:
Die Polen haben immer mit goßer Aufmerksamkeit das Geschehen im Nachbarland verfolgt. So war es während der Orangen Revolution, so war es während der Proteste auf dem Majdan in Kiew und so ist es auch heute. Die Polen nehmen daran Anteil, Freunde und Kollegen rufen uns an und wollen wissen, was in der Ukraine geschieht. Dieses Interesse widerspiegelt sich auch in der polnischnen Presse und in der Politik Polens. Es zeugt von der wirklichen Anteilnahme und von dem Wunsch, der Ukraine dabei zu helfen, die Krise zu überwinden und Lösungen für die gegenwärtigen Probleme zu finden.

euronews:
Polen gilt als Anwalt der Interessen der Ukraine. Was tut Polen, um dem Nachbarland zu helfen?

Anatoly Romanyuk:
An dieser Stelle kann nicht alles genannt werden, doch Erwähnung verdient beispielsweise die Hilfe, die Menschen zugute kam, die auf dem Majdan verletzt wurden. Viele fuhren nach Polen, wo sie medizinisch versorgt wurden, einige sind immer noch dort in Behandlung. Auch die diplomatische Unterstützung soll genannt sein, die Bemühungen des polnischen Außenministers Sikorski. Seine auf Facebook veröffentlichten Botschaften machen deutlich, dass er die Lage in der Ukraine keinen Augenblick aus den Augen verliert. Aus seinen Anmerkungen geht hervor, dass er die Situation nicht nur kennt, sondern dass er sich um eine Lösung bemüht.