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Die Gewinner von Cannes

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Die Gewinner von Cannes

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Ob er es bereits ahnte, als er über den roten Teppich zur Preisverleihung im Festivalpalast von Cannes schritt? Für sein gesellschaftskritisches Werk “Winterschlaf” wurde Nuri Bilge Ceylan mit der Goldenen Palme geehrt. Nach mehreren wichtigen Auszeichnungen nun also der Hauptpreis von Cannes, der Ritterschlag für den renommiertesten Vertreter des türkischen Autorenkinos.

Nuri Bilge Ceylan: “Es ist auch ein glücklicher Zufall, weil das türkische Kino in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert. Und es ist die zweite Goldene Palme für einen türkischen Film, vor 32 Jahren gewann Yılmaz Güney mit “Yol – Der Weg”, den ich sehr mag, ein guter Film.”

“Winterschlaf” spielt im ländlichen Kappadokien. Ein ehemaliger Theaterschauspieler, dessen Frau und seine geschiedene Schwester führen endlose philosophische Debatten über Moral. In mehr als drei Stunden seziert Ceylan die Lethargie der türkischen Intellektuellen. Eine anspruchsvolle Länge, die in Cannes niemanden abschreckte.

Nuri Bilge Ceylan: “Dass mein Film ausgewählt und ausgezeichnet wurde zeigt, dass es noch Hoffnung gibt für Autorenfilme, sogar die kompliziertesten.”

Thierry Frémaux, künstlerischer Leiter des Filmfestivals in Cannes: “Man kann Ceylan mit seinem Landsmann, den Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk vergleichen. Zu sagen: ‘Oh der Film dauert drei Stunden!’ ist ebenso sinnlos, wie: ‘Oh la, la, der Roman hat zu viele Seiten!’.”

Die zweitwichtigste Auszeichnung, der Große Preis der Jury, ging an den italienischen Beitrag “Le meraviglie” von Alice Rohrwacher. Die Italienerin war eine von nur zwei Frauen im Wettbewerb um die Goldene Palme.

Alice Rohrwacher: “Dieser Film handelt von einer Familie, und während wir drehten, entstand eine andere, größere Familie. Mit meiner Schwester Alba zu arbeiten war eine große Überraschung, aber das verlief eigentlich ganz natürlich. Und mit Monica Bellucci zu arbeiten war wunderbar, denn sie ist eine äußerst intelligente und ironische Frau.”

Der autobiografisch inspirierte Film handelt von einer Imkerfamilie, die mit ihren vier Töchtern völlig zurückgezogen auf dem Lande irgendwo in Umbrien lebt. Bis eine Fernsehmoderatorin, dargestellt von Monica Bellucci, mit ihrem Produktionsteam das Dorf heimsucht und die Lebensstruktur der Familie heillos durcheinanderbringt.

Julianne Moore wurde als beste Schauspielrin ausgezeichnet für “Maps to the Stars” von David Cronenberg, Timothy Spall als bester Schauspieler für seine Darstellung des britischen Malers “Mr. Turner” im gleichnamigen Film von Mike Leigh.

Der vielen aus den Harry Potter-Filmen bekannte Schauspieler verkörpert den schroffen und exzentrischen Künstler mit Haut und Haar.

Timothy Spall: “Ich bin überglücklich, das ist gleichzeitig eine Anerkennung aller Darsteller in diesem Film. Denn wenn man mit Mike Leigh dreht, ist das eine Ensembleleistung von großer Intensität, wie nirgendwo sonst.”

Der Streifen konzentriert sich auf die letzten Jahre des großen britischen Malers William Turner, der als Wegbereiter des Impressionismus gilt, von seinen Zeitgenossen jedoch nicht verstanden wurde.

Der Preis für das beste Drehbuch ging an Andrej Swjaginzew und Oleg Negin für den russischen Beitrag “Leviathan”.

Andrej Swjaginzew: “Dieser Film handelt nicht nur von der russischen Gesellschaft, sondern vom Menschen im Allgemeinen. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass wir uns in einem ewigen Kampf befinden zwischen dem Individuum und dem System.

Ebenfalls ausgezeichnet wurde der als großer Favorit gehandelte Kanadier Xavier Dolan. Er bekam für “Mommy” den Preis der Jury, der dieses Mal zu gleichen Teilen auch an Jean-Luc Godard ging für dessen 3D-Experiment “Adieu au langage”.
Den Preis für die beste Regie erhielt der US-Amerikaner Bennett Miller für “Foxcatcher”.

Auch der deutsche Regisseur Wim Wenders wurde geehrt. Die Dokumentation “The Salt of the Earth” über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, die Wenders zusammen mit Salgados Sohn Juliano gedreht hat, gewann den Spezialpreis
der Sektion Un Certain Regard.