Eilmeldung

Eilmeldung

EZB: Kreditvergaben angesichts niedriger Inflation

Sie lesen gerade:

EZB: Kreditvergaben angesichts niedriger Inflation

Schriftgrösse Aa Aa

Peter Praet ist Chefökonom der Europäischen Zentralbank. Am 5. Juni wird der EZB-Rat zusammenkommen und über weitere Maßnahmen entscheiden, sollte sich das niedrige Infaltionsniveau halten. Eine verlängerte Phase mit niedriger Inflation könnte die Schuldenlast vergrößern und Geldgeber dazu veranlassen, Kreditstandards zu verschärfen. Das Interview mit dem Chefökonomen Peter Praet fand im Hauptsitz der EZB in Frankfurt statt.

Maithreyi Seetharaman, euronews:
Normalerweise setzen wir uns mit Problemen einer hohen Inflation auseinander. Jetzt ist die Inflation niedrig, um die 1%-Marke. Ist das die neue Normalität? Wie erklären Sie den Menschen, dass das mittel- und langfristig für Probleme sorgt? (Wie sehen Sie das?)

Peter Praet, EZB:
Wenn das Angebot größer ist als die Nachfrage, dann erzeugt das einen gewissen Preisdruck. Das ist eine Art Barometer, das ein wirtschaftliches Ungleichgewicht aufzeigt. Dewegen sollte man sich Sorgen machen. Wenn die Nachfrage größer als das Angebot ist, dann entsteht dadurch erstens eine Inflation und beim Gegenteil ein deflationärer Druck.

Maithreyi:
Wenn man sich das Barometer und die Prognosen der EZB ansieht, dann hat uns die niedrige Inflation ziemlich überrascht. Ist das eine neue Normalität, mit der wir noch nicht umgehen können? Die uns überfordert?

Praet:
Es gibt eine schwache Nachfrage, weil viele Haushalte, Unternehmen und Staaten hohe Schulden haben. Deswegen haben sie ihre Ausgaben im Verhältnis zu den Produktionskapazitäten reduziert.

Maithreyi:
Was können wir jetzt machen? Einige Wirtschaftsexperten meinen, es hätte bereits vor zwei Jahren etwas passieren müssen.

Praet:
Komplizierte Frage. Aber zuerst müssen wir genau herausfinden, was die Ursache des Preisdrucks ist. Wir sehen heute, dass die Flaute dominiert.
Zweitens können wir uns nicht vorwerfen lassen, dass die EZB nicht eingeschritten ist. Wir wissen vom Marktverhalten, dass es Angstphasen gab… Die Sorge vor deflationärem Druck. Das bedeutet, Haushalte und Markteilnehmer wussten nicht, wie die EZB auf den Krisenfaktor reagieren würde. Die derzeitige Phase ist eine eher strukturelle Form des Preisdrucks, die mit der wirtschaftlichen Flaute zusammenhängt. Deswegen haben wir unsere Geldpolitik angepasst: Der Zinssatz geht gegen Null. Angepasst wurden aber auch andere Instrumente.

Maithreyi:
Welche Maßnahmen plant die EZB jetzt?

Praet:
Auf dem Treffen des EZB-Rats in genau diesem Raum werden wir natürlich darüber sprechen, aber es gibt auch eine Zahl anderer Dinge, die berücksichtigt werden müssen: Was bremst die Wirkung unserer Geldpolitik? Wir haben Spielraum bei den Zinsen, wie Sie wissen.
Die langfristigen Zinssätze in den USA sind angestiegen, weil sich die Lage dort bessert. Aber uns ist es im Gegensatz zur Vergangenheit gelungen, unsere Zinssätze von denen in den USA abzkoppeln. Das bedeutet, die Geldpolitik wird locker bleiben.
Etwas spezifischer: Natürlich gibt es eine Problematik, die uns bewusst ist. Es ist die Umsetzung in Form von Krediten an kleinere Firmen. Also ist es in der Tat wahr, dass wir uns dort einige Möglichkeiten sehen. Wir werden sehen, wie sich die Diskussion weiterentwickelt, aber wir haben einige Wirkungsbremsen bei unserer Geldpolitik ausgemacht und werden auch weiter daran arbeiten.

Maithreyi:
Es gab ein Gespräch über Negativzinsen. Wird es eine Situation geben, in der die Kredite noch stärker zurückgehen (slow down)?

Praet:
Ich glaube, Sie sprechen zwei Sachen an. Bevor wir Entscheidungen treffen, wollen wir das Problem, mit dem wir es zu tun haben, richtig identifizieren. Das machen wir gerade. Sind die Kredite zu niedrig wegen Außenfaktoren, an denen wir nicht viel ändern können? Oder liegt es am Verhalten des Bankensektors? Daran, dass die Banken die Bilanz und die Rekapitalisierung säubern und mehr Kapital brauchen.
Wir arbeiten daran. Aber wir haben herausgefunden, dass der Kreditkanal einige Fragen zur Wirksamkeit unserer Politik aufwirft.

Maithreyi:
Bekommen wir nun auf lange Sicht eine niedrige Inflation?

Praet:
Diegroße Frage ist, ob und wieviele Haushalte ihre Langzeitaussichten nach unten korrigieren. Wie wird unsere Zukunft werden? Das führt zu einer Negativerwartung, die eine Falle darstellt.

Maithreyi:
Wie werden Sie das angehen?

Praet:
Das ist sehr schwierig, weil die Zentralbank nicht einfach neues Geld drucken oder den Geldumlauf erhöhen kann. Es ist Teil der Lösung, aber wir brauchen positive Erwartungen, was Jobmöglichkeiten, Strukturreformen und Bildung betrifft. All das ist sehr wichtig. Die wichtigste Herausforderung ist derzeit, neues Vertrauen aufzubauen. Aber das ist eine politische Frage. Es geht darum, bei den Menschen positive Erwartungen an die Zukunft zu erzeugen. Das ist derzeit in wenigen Ländern der Fall.
Es überwiegen negative Erwartungen und Enttäuschungen. Wir sehen uns einige Aspekte an und legen die günstigen finanziellen Rahmenbedingungen fest. Wenn Firmen investieren wollen, dann soll das nicht an Krediten scheitern.

Maithreyi:
Gibt es Ihrer Meinung nach Gemeinsamkeiten zwischen Japan und Europa?

Praet:
Alle Situationen sind unterschiedlich. Es gibt viele Unterschiede… Gleich ist bedauerlicherweise die Höhe der Verschuldung. Der Verschuldungsgrad ist relativ hoch. Ein Hauptunterschied zur Situation in Japan ist, dass wir das Problem des Bankensektors jetzt angehen. Die Geldpolitik war hier kraftvoll seit dem Ausbruch der Krise, was in Japan in den letzten Jahren nicht immer der Fall war. Die Gesellschaften sind sehr unterschiedlich. Es gibt hier viele Konstruktionsfehler der Eurozone. Wir müssen sie in den Griff bekommen. Daran arbeiten wir, und ein Teil der Lösung ist die Bankenunion.

Maithreyi:
Denken Sie, dass das Mandat der EZB sie manchmal von weiteren Schritten abhält?

Praet:
Das würde ich nicht sagen.

Maithreyi:
Ich frage, weil Sie die Beschäftigung und Strukturreformen angesprochen haben…

Praet:
Sicher, sicher. Es ist auch sehr gefährlich, der Öffentlichkeit etwas vorzumachen, dass Geldpolitik Jobs und Wohlstand schafft. Es ist gefährlich, uns zuviel zuzutrauen. Es ist eine Illusion, dass die Geldpolitik alle Probleme löst. Die Situationen in den USA und hier waren sehr unterschiedlich. Die Eurozone ist in die Krise getappt, ohne mit Instrumenten für ein gutes Krisenmanagement ausgestattet zu sein, was zum Beispiel Banken betrifft. In den USA war das anders. Dort ist auch der Arbeitsmarkt flexibler. Wir waren in einer sehr schwierigen Situation. Jetzt versuchen wir, da herauszukommen, aber der Schaden ist groß. Die Wirtschaft ist in der Flaute, was auf die Preise drückt. Wir sind zwar in einer Phase des schwachen Wachstums und niedriger Inflation. Damit sind wir nicht zufrieden. Wir haben sehr klar gesagt, dass wir das Problem angehen wollen, und das machen im Rahmen unseres Auftrags.