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Gut überlegt und lang geplant: die Abdankung von König Juan Carlos

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Gut überlegt und lang geplant: die Abdankung von König Juan Carlos

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Die Entscheidung die Krone abzugeben, ist bereits im Januar gefallen: Juan Carlos wirkte angeschlagen bei seiner Rede am Dreikönigstag. Einen Tag nach seinem 76. Geburtstag hatte sich Spaniens König erstmals nach etlichen Operationen wieder dem Volk gezeigt. Ein Versuch, verlorene Popularität zurückzuerobern.

Im April 2012 – Spanien steckte mitten in der Wirtschaftskrise – hatte sich Juan Carlos bei einer kostspieligen Elefantenjagd in Botswana die Hüfte gebrochen. Die empörte Öffentlichkeit forderte seinen Rücktritt, der König entschuldigte sich für sein Verhalten: “Ich freue mich darauf, meine Aufgaben wieder aufzunehmen, und es tut mir leid, ich habe einen Fehler gemacht, es wird nicht wieder passieren.”

Seine angeschlagene Gesundheit nährte die Gerüchte, er würde abdanken, die er stets dementierte. Aber auch der Wirbel um seine jüngste Tochter Christina wirkte sich negativ auf das Ansehen der königlichen Familie und damit auf die Glaubwürdigkeit der Krone aus: Christina steht im Verdacht, in einen Finanz- und Korruptionsskandal um ihren Ehemann Iñaki Urdangarín verwickelt zu sein.

Gleichzeitig gibt es auch auf politischer Ebene Gefahren: Die Monarchie, Garant der Einheit Spaniens, wird durch die katalanische Abspaltungsbewegung herausgefordert: Artur Mas, der Präsident der Generalität Kataloniens, plant ein Referendum für den 9. November, dass die Region in die Unabhängigkeit von Spanien führen soll – auch wenn die Volksabstimmung gegen die Verfassung von 1978 ist.

Auch die gerade erfolgte Europawahl konnte den Abdankungsplan des Königs nur bestärkt haben: Beide großen spanischen Parteien haben schwach abgeschnitten:

Die regierende konservative Volkspartei (PP) sah ihre Mehrheit in Rauch aufgehen und auch die sozialistische Oppositionspartei konnte keine überzeugende Alternative bieten. Beide Parteien wurden bereits vorab über die anstehende Abdankung des Königs informiert.

Keine leichte Bürde also, die Felipe VI., der künftige König Spaniens, in diesem Monat übernimmt.

Über die Abdankung des Königs von Spanien sprechen wir mit dem politischen Kommentator Antoni Gutiérrez-Rubi, der aus Barcelona zugeschaltet ist.

Paco Fuentes, euronews: “Antoni, ist die Ankündigung des Königs eine Überraschung oder hat sie sich bereits länger angekündigt?”

Antoni Gutiérrez-Rubi: “Es ist eine Überraschung. Aber man geht davon aus, dass die Abdankung seit einiger Zeit geplant war. Denn die Monarchie, und vor allem der König, waren sich dessen bewusst, dass sie nicht mehr die nötige Anerkennung, Reputation und Glaubwürdigkeit besitzen, die nötig sind, um an der Spitze des Staats zu stehen. Ich glaube, der König trug sich schon länger mit dem Gedanken der Abdankung. Er mag sich gewünscht haben, in einem körperlichen – und wenn ich so sagen darf – ästhetischen Zustand dafür zu sein, der seinem Lebensweg und seiner historischen Figur angemessen ist.”

Euronews: “Warum geschieht das genau jetzt, in diesem politischen Kontext kurz nach der Europawahl, die das Ende des Zwei-Parteien-Systems in Spanien zu markieren scheint?”

Antoni Gutiérrez-Rubi: “Ich glaube, es war die letzte Gelegenheit, um die Institution neu zu beleben, denn man darf nicht vergessen, dass es sich um das Staatsoberhaupt handelt. Die Monarchie braucht dringend eine Wiederbelebung. Offen bleibt, ob der Generationenwechsel ausreicht, um die Probleme und Herausforderungen der spanischen Gesellschaft zu lösen. Mehr als eine Kontinuität, einen Übergang braucht man eine Neuordnung der Grundlagen. Die Frage ist, ob wir in einem solchen Reformprozess, oder in einem Prozess der Kontinuität sind. Das ist die große Herausforderung vor der der Prinz und auch die politischen Kräfte in Spanien stehen.”

Euronews: “Prinz Felipe wird Staatsoberhaupt, König werden, das Oberhaupt einer Institution, deren Image sich gewaltig verschlechtert hat. Was sind die größten Herausforderungen?”

Antoni Gutiérrez-Rubi: “Nun, die Hauptsache wird sein, alle Veränderungen anzustoßen, die sein Vater aufgrund politischer, kultureller oder persönlicher Grenzen nicht angegangen ist. Eine Vorbildfigur ist gefragt, radikale Transparenz, ein Verzicht auf Privilegien und eine Parlamentarisierung der Monarchie: Sie muss mehr im Dienst des Parlaments stehen. Es liegt am Oberhaupt des königlichen Hauses, am “zivilen Diener” darüber zu entscheiden, wie der König der Krone zu dienen hat. Das heißt, das Staatsoberhaupt muss dem Parlament dienen und nicht der königlichen Familie. Es wird sehr wichtig sein, diese entscheidenden Änderungen vorzunehmen.”

Euronews: “Politische Organisationen, vor allem Nationalisten und anti-monarchistische soziale Bewegungen sind aktiver geworden. Könnte das Auswirkungen haben?”

Antoni Gutiérrez-Rubi: “Ich glaube, dass die spanische Gesellschaft gerade einen Reformprozess der Verfassung fordert: Von welcher Tragweite? Auf welcher Grundlage? Wie weit, wie und wann sollte sich dieser Prozess entwickeln? Das ist eine noch offene Diskussion. Aber es wäre ein Fehler, wenn die Monarchie – in diesem Fall Felipe, der sicher der künftige König sein wird – diese sehr mächtige und starke Forderung der spanischen Gesellschaft, die spanische Verfassung zu überdenken und zu erneuern, ihren Reformprozess ignorieren würde.”

Euronews: “Ist das Überleben der Monarchie in Gefahr?”

Antoni Gutiérrez-Rubi: “Wenn der Prinz die Monarchie belebt, stimuliert und fördert, wenn er bestimmte entscheidende Veränderungen in der spanischen Gesellschaft, den Reformprozess der Verfassung anstößt, wäre das meiner Meinung nach sehr positiv. Es wäre vielmehr eine große Chance und keine Gefahr – für ihn und für Spanien.”