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Europas atomare Endlager

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Europas atomare Endlager

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Wohin mit dem Atom-Müll? Die Europäische Union will Antworten hören von ihren Mitgliedstaaten – und zwar bald. Ein glaubwürdiges Entsorgungskonzept soll auf den Tisch. Schleunigst. Sonst drohen Vertragsverletzungsverfahren. Als Vorreiter – zumindest was die zeitliche Planung der Endlager betrifft – gelten Schweden, Finnland und Frankreich. In diesen EU-Staaten werden wohl bald die allerersten Endlager für hochradioaktiven Müll in Betrieb genommen.

Der gefährlichste Abfall der Welt – hier soll er vergraben werden. Wir sind in Frankreichs Osten, in Bure, kaum mehr als 80 Einwohner zählt das Dorf. Das Untertage-Labor von ANDRA ist scharf gesichert. Kein Wunder, geht es doch um hochradioaktiven Atom-Müll. Ein Endlager, sicher für eine Million Jahre, so lautet die Herausforderung an die Betreiberfirma ANDRA.

Alain Rolland wird unser Begleiter in diesem nuklearen Unterwelt-Labyrinth sein. Als technischer Direktor kennt er jeden Stollen hier unten. Alain ist ein Mann der Tat, angefangen hat er ganz unten, schon als Fünfzehnjähriger wusste er: “Bevor ich Chef werde, will ich wissen, was harte Arbeit ist.” Zehn Jahre lang schuftete Alain auf Baustellen überall in Frankreich, arbeitete sich langsam nach oben, bildete sich weiter, kletterte die Karriereleiter Schritt für Schritt nach oben. Heute nimmt uns Alain mit nach ganz unten…

“So, jetzt geht’s los!”, freut sich Alain, rückt Stirnlampe und Notfallsauerstoffgerät zurecht, drückt den Knopf. “Mit dem Aufzug fahren wir runter auf 500 Meter untertage!”, ruft er. Während der siebenminütigen Fahrt erklärt uns Alain, was da unten so alles los ist: “Heute laufen so etwa fünfzig Experimente, einige davon sind Langzeitversuche die wir schon vor sieben Jahren gestartet haben und die immer noch Ergebnisse liefern. Unser Ziel: wir wollen den Ort, an dem die radioaktiven Abfälle künftig gelagert werden, in- und auswendig kennen. Wir führen auch Hitze-Tests durch, denn einige der Abfallbehälter werden Wärme abstrahlen. Wir untersuchen, ob diese an das Wirtsgestein abgegebene Wärme, nicht seine Eigenschaften verändert.”

Während Deutschland bei der Endlagersuche wieder ganz von vorne anfängt (und dabei nach wie vor ein besonderes Augenmerk auf alte Salzstöcke hat), haben sich andere Länder bereits festgelegt: Finnland wird sein Endlager in Granitfelsen schlagen und Frankreich buddelt im Lehm. Natürlich kein Lehm zum Töpfern. Seit 160 Millionen Jahren sei diese Ton-Schicht stabil, belehrt uns Alain untertage. 80.000 Kubikmeter radioaktiven Mülls sollen hier verbuddelt werden. Der gesamte hoch- und mittelaktive Atom-Müll Frankreichs, hochgerechnet auf die Gesamtlaufzeit aller französischen Atomreaktoren. Ein Endlager mit “Dichthalte-Garantie”, betonen die Wissenschaftler, Betreiber und Politiker. Aber wird die Radioaktivität eines Tages nicht doch einen Weg in die Biosphäre finden?

Alain Rolland erklärt das französische Prinzip der “Lehm-Dichtung”, das übrigens auch in der Schweiz Anwendung finden könnte:
“Die Grundidee besteht darin, die Stollen mit riesigen Ton-Pfropfen zu versiegeln. Wenn der Lehm mit etwas Feuchtigkeit in Berührung kommt, dann hat er die Eigenschaft aufzuquellen. Er wird von innen gegen die Stollenwände drücken und dabei die kleinen Risse ausfüllen, die am Rande unserer Grabungen entstehen können. Das ist Gestein, das seit Millionen von Jahren hier liegt, durch unsere Tunnelbohraktivitäten verändern sich die Druckverhältnisse innerhalb der Ton-Schicht, plötzlich lösen sich Spannungen, klar, dass das Gestein reagiert.”

500 Meter weiter oben, über dem künftigen Endlager, liegt das Dörfchen Bure. Atomkraftgegner renovieren hier eine Scheune, bessern Risse aus. Ein Endlager, sicher für eine Million Jahre?Francois Mativet vom Verein “Bure Zone Libre” glaubt nicht an die Versprechungen. Früher hat er sich als Erzieher um autistische Kinder gekümmert. Den Beruf tauschte er ein gegen ein Megaphon. Um sich Gehör zu verschaffen, nimmt Francois kein Blatt vor den Mund: “Das ist doch alles erstunken und erlogen! Die wissen doch selber ganz genau dass das eine Lüge ist. Ich habe direkt mit Bergleuten gesprochen: sobald Du die Materie destrukturierst, entstehen instabile Schichten, das fängt an, sich zu bewegen! – Man darf nicht vergessen, dass die Erde lebt. Alle wissen doch, dass dort Verwerfungen existieren! Wie kann ein seriöser Wissenschaftler garantieren, dass dort niemals Wasser eindringt? Das ist lediglich eine wissenschaftlich verbrämte Lüge.”

Die Situation ist und bleibt unter Kontrolle – wird uns im Kontrollraum versichert. Und auch auf die Einwände der Gegner finden sich hier Antworten: Die Feuchtigkeit innerhalb der uralten Tonsteinschicht betrage siebzehn Prozent, die Geschwindigkeit, mit der sich diese Feuchtigkeit innerhalb der Tonsteinschicht bewege sei messbar und extrem gering: hochgerechnet auf eine Million Jahre bewege sich die Feuchtigkeit maximal “einige Dutzend Meter” innerhalb der Tonsteinschicht weiter. Das Risiko, beziehungsweise die statistische Wahrscheinlichkeit, dass radioaktiv kontaminierte Feuchtigkeit mit grundwasserführenden Schichten in Verbindung treten könne, sei extrem niedrig.

Allerdings verweisen die französischen Endlager-Gegner noch auf ein zweites Problem. Hinsichtlich des mittelradioaktiven Atommülls bestehe die Gefahr von Gasentwicklung und damit ein Explosionsrisiko. Auch dieses Argument kontert Alain Rolland (Technischer Direktor, ANDRA): während der auf hundert Jahre ausgelegten Betriebsdauer (die Zeit, in der das Endlager befüllt wird) werde das Stollensystem belüftet, Gase könnten sich also keine ansammeln. – Diesem Gegenargument halten die Endlager-Gegner wiederum entgegen, dass es Anfang des Jahres einen Brandunfall im US-amerikanischen Endlager für leicht- und mittelradioaktiven Müll in Neumexiko (WIPP) gegeben habe. Dort habe man den Müll in einer Not-Aktion wieder herausholen müssen, das Endlager sei nicht mehr funktionsfähig.

Doch zurück nach Frankreich, zurück nach Bure. Bislang existiert lediglich die Versuchsanlage, das ANDRA Untertage-Versuchslabor. Sollte die französische Regierung im kommenden und übernächsten Jahr die letzten Genehmigungshürden aus dem Weg räumen, startet hier ein Projekt mit gigantischen Dimensionen: untertage soll ein über hundert Kilometer langes, teilweise vollautomatisiertes Stollensystem entstehen. Die aus ganz Frankreich angelieferten Atommüll-Transporte werden einzeln auf ihren Inhalt überprüft, umverpackt, von Robotern zu einem Lastenaufzug bugsiert, untertage in Ministollen geschoben…

Bislang verschlang das Projekt eine Milliarde Euro. Der Betreiber rechnet mit Gesamtkosten von 16 Milliarden Euro. Der französische Rechnungshof und eine parlamentarische Untersuchungskommission warnen hingegen: das Endlager in Bure könnte glatt doppelt soviel kosten…

Rückholbare Lagerung dicht unter der Erdoberfläche – oder Endlagerung tief untertage? Die Debatte ist heftig. Die Untertage-Gegner argumentieren, dass künftige Forscher und Erfinder möglicherweise einen einfachen, kostengünstigen Weg entdecken könnten, aus dem Atommüll etwas Brauchbares oder doch zumindest etwas Ungefährliches zu machen. Sei der Atommüll jedoch erst einmal einen halben Kilometer untertage vergraben und versiegelt, dann könne man ihn nur noch unter extrem hohen Kostenaufwand bergen.

Der Technische Direktor von ANDRA in Bure, Alain Rolland, hält derartige Argumente für verantwortungslos und gefährlich: “Warum wollen wir die Endlagerung untertage? Es ist unklug, diese Produkte an der Oberfläche zu lassen: niemand kann sicher sein, dass man hier oben das Zeugs dauerhaft und auf lange Sicht wirklich sicher überwachen und kontrollieren kann.” Wobei Alain Rolland nicht nur an Industrieunfälle denkt, sondern auch an Attentatsrisiken. Das zentrale Argument lautet Risiko-Abwägung – und ein zentrales Endlager untertage sei nun einmal mit weitaus geringeren Risiken behaftet als viele dezentrale und oberflächennahe Atommüll-Zwischenlager.

Auf der Suche nach Antworten durchqueren wir Europa. Verlassen wir Frankreich und das dort diskutierte Tongestein-Endlagerkonzept. Hier in Finnland sieht die Welt (und die Endlagerdebatte) ganz anders aus. Wir durchqueren fast unendliche Wälder. Unterbrochen wird die Monotonie der Reise durch vereinzelte Lichtungen, auf denen blaue und violette Lupinen blühen, einzelne Seen, graue Felsen… Wäre es nicht besser, den Atommüll in Granit einzuschliessen?

Nach Feierabend treffen wir Esa Härmälä, Generaldirektor im finnischen Wirtschaftsministerium. Härmälä nimmt eine ganz zentrale Stelle in dieser Debatte ein: er ist die graue Eminenz der finnischen Energiepolitik, das Scharnier zwischen Politik und Verwaltung, der Vermittler zwischen Atomlobby und Medien. Aus seinem Wohnzimmerschrank zieht er ein Buch, Finnland nach dem Petro-Zeitalter, blättert darin, wirft einen Blick auf Statistiken. Auch eine endlagerkritische Dokumentarfilm-DVD steht in seinem Bücherschrank, “reinste Propaganda-Mache”, meint Härmälä.

“Unser Grundgestein gilt als älteste und stabilste Felsformation auf diesem Globus. Dieses Grundgestein ist seit 2500 Millionen Jahren stabil und es bestehen gute Aussichten, dass es weitere Millionen Jahre stabil bleiben wird”, bezieht der Generaldirektor mit knarziger Stimme Stellung. Für Härmälä stellt sich die Frage der Verantwortung: man dürfe die Endlagerfrage nicht den kommenden Generationen aufbürden. Härmälä ist stolz auf den atomfreundlichen “finnischen Konsens”, auf den “Wettbewerb der Städte und Gemeinden: alle wollten das Endlager haben”, denn wo sonst gäbe es eine hundertjährige Arbeitsplatzgarantie? Finnland sei nun einmal ein kaltes Land, brauche viel Energie, nehme den Klimaschutz ernst und brauche energiepolitische Unabhängigkeit.

Eine Vierstundenfahrt bringt uns nach Olkiluoto. Auf der Halbinsel stehen mehrere Atommeiler in Reih und Glied, direkt am Ufer. Wir haben uns mit Jussi Mattila verabredet. Seit zehn Jahren untersucht der Geologe den Granit auf Risse und Spalten. Besteht ein Risiko, dass Meerwasser in das geplante Untertage-Endlager eindringt? “Die meisten Verwerfungszonen sind nicht direkt mit dem Meer verbunden”, erklärt Jussi. “Und was die Bruchlinien betrifft, von denen wir wissen, dass sie bis unter das Meer verlaufen, so ist dort der Wasserdruck nicht stark genug, um Meerwasser in die Risse zu pressen.”

Jussi nimmt uns mit untertage. In einem Kleinlaster fahren wir hinab.Bis Mitte der Neunziger Jahre exportierte Finnland seinen Atommüll nach Russland. Dann verbot das Parlament den Atommüll-Handel, nach dem Motto: kümmern wir uns um unseren eigenen Dreck. Und: wir wollen energiepolitisch unabhängig sein.

Nun, wie dem auch sei, trocken ist es hier unten nicht… Von der Decke des Stollen, hundert Meter untertage, tropft Wasser, in einem Endlager-Loch (noch unbefüllt) steht Wasser. Wir machen Jussi darauf aufmerksam. “Alles kein Problem”, meint der Mann mit breitem Lächeln. “Zwischen Atommüll-Behälter und Bohrlochwand werden wir einen Lehm-Puffer zwängen.” Das dichte ab. “Wenn allerdings viel Wasser eindringt, dann haben wir ein Problem, dann könnte der Lehm-Puffer wegerodieren.” Davon abgesehen werde das Endlager für hochradioaktiven Müll nicht 100 sondern fast 500 Meter untertage gebaut, dort sei es trockener.

Allerdings: Etwa ein Fünftel der bislang bebohrten Müll-Löcher können nicht verwendet werden: zu nass, zu rissig, zu riskant…

Finnland rechnet mit drei Milliarden Euro Gesamtkosten… Wird es dabei bleiben?

Jussi hat Bruchzonen entdeckt. Was geschieht, wenn die Behälter eines Tages undicht werden? “Wir haben Risse, die bis zur Oberfläche reichen”, gibt Jussi zu. “Doch selbst wenn alle Schutzsysteme ausfallen, ist da noch die Rückhaltefähigkeit des Wirtsgesteins. Die Ausbreitung der strahlenden Teilchen bis zur Oberfläche würde sehr lange dauern – mehrere zehn- oder hunderttausend Jahre…”

Ein Teil des Höhlensystems ist bereits aktiviert: dort drüben lagert der mittelstark strahlende Atommüll Finlands in 33 Meter tiefen Silos.

Falls die finnischen Behörden endgültig grünes Licht geben, entsteht nicht weit von hier das weltweit erste Endlager für hoch-radioaktiven Müll, Eröffnungstermin: möglicherweise 2022, dann sollen die allerersten hochradioaktiven Abfälle hier eintreffen. Hundert Jahre später wird dann alles versiegelt.

Und was geschieht bei der nächsten Eiszeit? “Aus dem Norden Finlands und Schwedens wissen wir, dass es dort Bruchzonen aus der Zeit der Gletscher-Schmelze gibt”, so Jussi. “Nach der Eiszeit verschwinden die Gletscher, es kann zu Erdbeben kommen. So ein Erdbeben-Szenario haben wir auch hier für Olkiluoto.” Der Geologe spielt mit offenen Karten. Nullrisiko – das ist ein Wort, das er nicht verwendet. Völlige Transparenz – das hingegen schon.

Der hochradioaktive Atommüll wird in Kupferbehälter gepackt. Finnland ist dabei, einen riesigen Kupferschatz zu vergraben, ein Schatz, von dem man besser die Finger lassen sollte…

“Jeder dieser Behälter besteht aus sieben Tonnen Kupfer”, erläutert Jussi. “Insgesamt haben wir 5000 Behälter. Das ist eine ganze Menge Kupfer… Eine der Schlüsselfragen: wie können wir künftige Generationen davon abhalten, in dieses Endlager vorzudringen?” – Eine gute Frage. Antworten gibt es noch keine.

Zurück nach Frankreich. Corinne Francois arbeitet als Graphikerin. Ihre Kunst stellt sie in den Dienst der Anti-Atomkraft-Bewegung. Wir treffen sie in Bar-le-Duc, nicht weit weg von Bure. “Es gibt da ein Problem: den drohenden Gedächtnisverlust”, meint Corinne. “Wie können wir das Endlager-Wissen über Tausende oder Millionen Jahre hinweg an unsere Nachfahren übermitteln? Das ist wichtig, damit niemand dort eindringt.”

Neigt sich in Europa das goldene Zeitalter der Atom-Industrie allmählich seinem Ende zu? Selbst in Frankreich? Bis 2050 will Paris den Anteil des Atomstroms von heute 75 auf dann 50 Prozent reduzieren. Das Thema Atommüll jedoch wird uns noch lange beschäftigen: eine Million Jahre lang.

Wohin mit dem finnischen Atommüll? Euronews-Reporter Hans von der Brelie traf den für Energiefragen zuständigen Generaldirektor im finnischen Wirtschaftsministerium, Esa Härmälä nach Dienstschluss. Vor der Wohnzimmerbücherwand erläutert Härmälä das finnische Endlagerkonzept (auf Englisch). Hier der Link.
Bonus interview: Esa Härmälä

Selbst im atomkraftfreundlichen Frankreich hat sich mittlerweile eine Anti-Atomkraftbewegung formiert. Euronews-Reporter Hans von der Brelie traf Corinne Francois, Sprecherin des Vereins “Bure Stop 55”, in Bare-le-Duc. Die Atomkraftgegnerin erläutert ihre Bedenken gegen das geplante französische Endlager für hochradioaktiven Atommüll in Bure (auf Französisch). Hier der Link.
Interview bonus : Corinne François, militante anti-nucléaire

Warum wehren sich französische Atomkraftgegner gegen das geplante Atommüll-Endlager 500 Meter unter dem Dörfchen Bure?Im Osten Frankreichs, in Bure, traf Euronews-Reporter Hans von der Brelie den Sprecher der französischen Anti-Atomkraftbewegung “Bure Zone Libre”, Francois Mativet. Hier seine Argumente (auf Französisch).
Interview bonus : François Mativet, militant anti-nucléaire

Frankreich braucht dringend ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll. Der technische Direktor des künftigen Endlagerbetreibers in Bure im Osten Frankreichs erläutert Euronews-Reporter Hans von der Brelie das französische Endlagerkonzept (auf Französisch). Hier der Link.
Interview bonus : Alain Rolland, directeur technique de l’ANDRA