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Niederlande: ein System, viele Methoden

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Niederlande: ein System, viele Methoden

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Die Niederlande, ein kleines Land mit großen Ambitionen: Ist sein Bildungssystem tatsächlich Spitzenklasse? Es rangiert oft auf den vorderen Plätzen, wenn es um internationale Vergleiche wie bei PISA geht. Doch die kulturellen und ethnischen Ausgrenzungen in den Klassenzimmern bleiben vielerorts ein großes Problem.

Mein Lehrer ist mein Coach

Wer das niederländische Bildungssystem charakterisiert, spricht häufig von Vielfalt. Ob es um religiöse Schulen oder Montessori-Pädagogik geht: Das Kind steht im Mittelpunkt, die Eltern können unter zahlreichen unterschiedlichen Bildungsansätzen frei wählen. Das macht für viele die Stärke des niederländischen Bildungssystems aus. Kritische Stimmen meinen jedoch, niederländische Schulen müssten moderner werden.

Unternehmer Maurice De Hond meint, “die Kinderzimmer sind interaktiv, digital und multimedial. Aber dann kommen die Kinder ins Klassenzimmer und blicken in die Vergangenheit. Ich wollte meine Tochter jedenfalls nicht tagtäglich in einem Museum abliefern. Ich wollte sie auf die Zukunft vorbereiten.”

Genauer gesagt: auf das neue technologische Zeitalter. Deshalb riefen Maurice und eine Gruppe von Freunden eine Stiftung ins Leben, genannt: O4NT, oder: Bildung für eine neue Ära. Zu Grunde liegt der Ansatz der so genannten “Steve Jobs Schulen”. Das Besondere: Im Mittelpunkt steht das iPad. Darauf sind speziell entwickelte Apps installiert, die Eltern und Schülern einen Überblick über den Lernprozess verschaffen. Ohne Schulbücher oder Anleitungen erhalten Schüler individuelle Stundenpläne – ganz auf ihren Lernrhythmus abgestimmt. In “Steve Jobs Schulen” könnte sich die Rolle des Lehrers zu einer Art Coach weiterentwickeln. Viele fordern gleichzeitig, die didaktischen Kenntnisse der Lehrer anzupassen.

Mehr zum Thema:

www.macg.co

Hochtechnologie in Eindhoven

Die Technische Universität Eindhoven gibt es seit 60 Jahren. Sie wurde 1956 gegründet, weil es nach dem Krieg in der Region an technisch versierten Ingenieuren mangelte. Ihr Präsident Jan Mengelers ist sehr stolz auf die akademischen Errungenschaften der letzten sechzig Jahre. Er erklärt, “in den Niederlanden gibt es mehrere große Ballungszentren: der Hafen von Rotterdam, der Flughafen von Amsterdam und die industrielle Konzentration rund um Eindhoven. Die Region ist durch High Tech-Systeme und Datentechnologien gekennzeichnet. Vor einem Jahr wurden wir hier als smarteste Gegend der Welt ausgezeichnet. Und wenn es um wirtschaftliche Investitionen geht, zählen wir zur dritt-interessantesten Region,” sagt Direktor Mengelers. “In diesem Jahr gab es einen großen Zuwachs an neuen Studentinnen und Studenten. Wir werden um 30% wachsen. Das sind gute Neuigkeiten. Mehr Leute interessieren sich derzeit für Wissenschaften. In wirtschaftlich schlechten Zeiten stellen sie eine Jobgarantie dar.”

Mehr zum Thema:

www.tue.nl/en/

Shanghairanking.com – World University Rankings

Sozialer Brennpunkt: Schule

Multikulti – ein Begriff, der fällt, denkt man an die Niederlande mit ihren zahlreichen Immigrantenfamilien der zweiten und dritten Generation. Doch häufig sind ethnische Gruppen in den selben Schulen versammelt – obwohl Eltern laut Gesetz die Schule ihres Kindes frei wählen können. In diese Schule in Amsterdam gehen vor allem Kinder marokkanischer, türkischer und surinamischer Abstammung – in der Bevölkerung spricht man von “schwarzen” und “weißen” Schulen. Die Mutter Marwa Baluny kritisiert, “Schulen mit ausländisch-stämmigen Kindern haben mit mehr Problemen zu kämpfen. Es gibt immer wieder Ärger und es kommt zu mehr Gewalttaten. Die Lehrer dort strengen sich nicht so an wie an anderen Schulen.”

Der Autor des Buches “Toxic Schools” Bowen Paulle geht noch einen Schritt weiter: “Es gibt Menschen in ärmeren Vierteln – ob sie nun eine andere ethnische Abstammung haben oder nicht -, diese Menschen wollen, dass ihre Kinder auf Schulen der Mittelschicht gehen, die ethnisch ausgewogene Klassen haben. Doch das funktioniert nicht. Man muss wissen, wie das Schulwesen tickt. Von einer Wahlfreiheit in den Niederlanden zu sprechen, ist irreführend.”

Jahrelang wollten niederländische Familien ihre Kinder auf Schulen schicken, in die hauptsächlich Kinder der Mittelschicht gehen – der Lernbedingungen wegen. Da jedoch viele Viertel ethnisch stärker durchmischt sind, appeliert Annetje Bootsma an Eltern, ihre Kinder auch an so genannten “schwarzen” Schulen anzumelden. Ein heikles Thema: “Ich dachte oft: Wie gemein ist es gegenüber türkischen und marokkanischen Müttern, die im selben Viertel leben, zu sagen: Ihr seid mir nicht gut genug, ich will mehr Kinder meiner eigenen ethnischen Abstammung an der Schule haben. Das ist sehr problematisch,” meint die Mutter.

Die Regierung in den Niederlanden hat derzeit keine großen Schritte unternommen, um die Ungleichheiten an den Schulen zu verhindern. Ethnisch ausgewogene Klassenzimmmer gehen oft allein auf Initiativen der Eltern zurück.

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