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Argentinien: "Die Insolvenz des Jahres 2001 war viel ernster"

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Argentinien: "Die Insolvenz des Jahres 2001 war viel ernster"

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Mit Staatspleiten hat Argentinien Übung – die erste war 1828, die bislang größte 2001.

Damals rutschten über Nacht sogar gutsituierte Mittelstandsfamilien in die Armut. Viele begannen, wiederverwertbaren Müll zu sammeln und zu verkaufen.

Die aktuelle Pleite, ausgelöst durch einen Richterspruch, trifft ein Land mit Verbindlichkeiten von knapp 46 Prozent der Wirtschaftsleistung – da würden sich viele europäische Länder gratulieren.

Probleme gibt es trotzdem – die Wirtschaft wächst seit 2011 nicht mehr, Devisenbewirtschaftung und fragwürdige Importvorschriften blockieren viel. Das Vertrauen von Investoren ist erschüttert, seit die Regierung 2012 die argentinische Tochter (YPF) des spanischen Energiekonzerns Repsol verstaatlichte. Die Regierung bekommt die Inflation nicht in den Griff, jedes Jahr wird alles ein Drittel teurer. Und zuletzt ist Argentiniens Wirtschaft in die Rezession gerutscht.

Die Zahlungsunfähigkeit könnte die Krise vertiefen:

Statt 1,5 Prozent weniger Wirtschaftsleistung und gut 30 Prozent Inflation 3,5 Prozent Minus und mehr als 40 Prozent Geldentwertung.

“Argentinien zahlt einen hohen Preis, weil es für einige Zeit nicht an die Finanzmärkte gehen kann”, meint Olivier Blanchard, Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds. “Aber auch die Welt zahlt einen Preis: Wir brauchen Lösungsansätze für Länder in Schwierigkeiten. Und da hat der Fall Argentinien größere Unsicherheit zur Folge – werden wir es schaffen, in Zukunft die Schulden anderer Länder in den Griff zu kriegen?”

Vicenç Batalla, euronews:

“In Buenos Aires begrüßen wir Rafael Di Giorno, von Proficio Investment, Ex-Analyst bei der Zentralbank von Argentinien und ehemaliger Lateinamerika-Vizechef der Deutschen Bank in New York.

Keine gute Nachricht für Argentinien; keine Einigung in letzter Minute mit den sogenannten US-Geier-Fonds. Trotzdem sagt die Regierung, das Land sei nicht zahlungsunfähig. Was gilt denn nun wirklich?”

Rafael Di Giorno:

“Die Realität ist, dass die Rating-Agenturen das als “default”, als Zahlungsunfähigkeit bewerten, weil die Anleihegläubiger ihren Schuldendienst nicht bekommen. Aber dies ist keine “typische” Staatspleite, weil Argentinien Geld hat. Dieses Geld wurde tatsächlich an die Banken (Bank of New York Mellon, in Buenos Aires) überwiesen, aber das US-Gericht blockiert die Zahlung.”

euronews:

“Es heißt, dass argentinische Privatbanken am Ende den beiden amerikanischen Geier-Fonds ihre Anleihen abkaufen könnten. Ist das mit der Regierung von Cristina Fernández abgesprochen oder kamen die selbst auf die Idee?”

Rafael Di Giorno:

“Offiziell spricht die Regierung nicht mit den sogenannten Verweigerern (den Fonds NML und Aurelius). Also versucht sie, auch nicht in irgendwelchen Gesprächsprotokollen aufzutauchen. Die Initiative wirkt wie eine des Privatsektors, vom argentinischen Bankenverband ADEBA. Er hat versucht, mithilfe einer Art Kaution ein Moratorium bis Ende des Jahres zu erreichen. Dann endet das Verhandlungsverbot für die Regierung. Und Argentinien könnte direkt mit den Geier-Fonds verhandeln.”

euronews:

“Fliehen die Investoren jetzt aus Argentinien? Verschärfen sich Rezession und Leiden der Bevölkerung bei der Pleite von 2001?”

Rafael Di Giorno:

“Nein, die Insolvenz des Jahres 2001 war aus vielen Gründen viel ernster. Damals fiel das Bruttoinlandsprodukt in Argentinien um elf Prozent. Das war brutal. Auch dieses Jahr sieht es nach Rezession aus – aber so zwischen einem und zwei Prozent. Das ist ein viel freundlicheres Szenario. Dies gilt als technischer Zahlungsausfall. Argentinien könnte zahlen, es geht aber rechtlich irgendwie nicht.

Es stimmt, dass der Zahlungsausfall von 2001 völlig abgearbeitet werden muss. Aber das gibt keine große Kapitalflucht. In den vergangenen Jahren nicht viel Kapital herein. Und, ja, es wird Probleme geben bei großen Projekten wie der Vaca Muerta. Die Ölgesellschaft YPF hat ein riesiges Schieferöl- und Gasprojekt und braucht Fremdkapital.”

euronews:

“Werden die Probleme Argentiniens nach Amerika oder Europa ausstrahlen?”

Rafael Di Giorno:

“Nein, ich meine, es gibt keine Ansteckungsgefahr, denn es ist kein ‘default’ mit Zahlungsbilanzkrise oder erschöpften Dollarreserven. In solchen Fällen könnte die Währung die Krise übertragen. Aber ich meine, das trifft nicht zu.”