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Kurkow: "Wenn das Vaterland Hilfe braucht, will man es retten"

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Kurkow: "Wenn das Vaterland Hilfe braucht, will man es retten"

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“Ich lebe 500m vom Maidan entfernt.” Mit diesen Worten leitet der ukranische Schriftsteller Andrei Kurkow seine Zusammenfassung der revolutionären Ereignisse ein, die auf dem Platz in Kiew ihren Anfang nahmen. Das “Ukrainische Tagebuch” beginnt im November 2013 und endet im darauffolgenden April.

Berühmt wurde Kurkow mit seinem Bestseller “Pinguine frieren nicht”. In diesem Jahr erhielt er den Titel “Ritter der Ehrenlegion”. Auf seiner Lesereise besuchte der Schriftsteller auch Frankreich, wo euronews Andrei Kurkow interviewte.

Maria Ieschchenko, euronews:
“Andrei Kurkow, Ihre Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt. Sie reisen viel. Sie sind auf Lesungen zu Gast und kommunizieren mit Ihren Lesern. Wenn Sie die Möglichkeit hätten, mit einem europäischen Klischee über Ukrainer aufzuräumen, was wäre das?”

Andrei Kurkow, Schriftsteller:
“Zuerst ein altes Klischee, das ausländische Journalisten immer noch gern bemühen: Dass die Ukraine in einen prorussischen Osten und einen proeuropäischen Westen aufgeteilt ist. Wenn ich Studenten treffe, gibt es keine Unterschiede zwischen jenen in Donezk und Lwiw. Die jungen Menschen ähneln sich überall. Sie sehen sich eher mit Europa verbunden als mit Russland. Sie denken an ihre Karriere und ihre Zukunft. Die Mehrheit der Bevölkerung wurde natürlich in der früheren Sowjetunion geboren. Es ist schwierig, die Mentalität dieser Menschen zu ändern, aber man muss mit ihnen irgendwie auf einen gemeinsamen Nenner kommen.”

Ieschchenko:
“In ihrem letzten Buch “Ukrainisches Tagebuch” vergleichen Sie die Ukraine mit einem kranken Kind, an dessem Bett die besorgten Eltern stehen – die EU und die USA. Wenn die Ukraine in Europa mit dem Status “krankes Kind” integriert würde, wird das Etikett für immer an der Ukraine haften? Wird die Ukraine lange Zeit in der Schuld Europas stehen, dafür dass es sie gerettet hat?”

Kurkow:
“Diese Gefahr sehe ich nicht. Zunächst einmal, weil die Ukraine kein Mitglied der Europäischen Union wird, wenn sie noch krank ist. Natürlich wird sie zunächst behandelt.
Zweitens wird es mehr und mehr kranke Kinder geben, um die sich Europa kümmern muss.
Auf der anderen Seite könnte die Ukraine einer jeden Nation des gesamteuropäischen sozialen und kulturellen Raums der EU neue Werte vermitteln: Denn wenn die Ukraine derzeit näher an die EU heranrückt, dann geschieht dies während ihres Kampfes für die Wiederherstellung ihrer nationalen Würde. Es ist ausgeschlossen, dass Europa das nicht sieht.”

Ieschchenko:
“In Ihrer Trilogie “Die Geographie eines einzigen Schusses”, an der Sie neun Jahre lang gearbeitet haben, sprechen Sie über das Phänomen des so genannten “Sowjet-Menschen” – Homo sovieticus. Was meinen Sie damit?”

Kurkow:
“Die sowjetische Mentalität ist eine Mentalität der Menschenmasse. Es ist die einzige, bei der die Einzelperson keinen Wert hat, außer sie hat eine Führungsrolle inne. Diese Mentalität hat die Ukraine nie akzeptiert, denn Ukrainer sind durchschnittliche europäische Individualisten.
Mir kommt hier das Bild von ich-bezogenen Bauern in den Sinn. Nur um zu sagen, dass sie sich für IHRE individuellen Landesgrenzen einsetzen würden, aber sie würden keiner großen Partei beitreten. Letzteres ist sehr unüblich für die Ukraine. Deswegen gibt es bei uns 184 registrierte politische Parteien, die keine wirkliche Ideolgie vertreten. Jeder Ukrainer kann normalerweise seine Träume erfüllen und tut dies auch, wenn er weiß, dass seine Zukunft allein von ihm abhängt – und nicht von einem System, einem Parteiführer, einem Staatschef oder irgend jemand anderem.”

Ieschchenko:
“Welche Rolle sollten die Kulturschaffenden und Intellektuellen in der Ukraine in diesem wichtigen Moment spielen?”

Kurkow:
“Unsere Schriftsteller sind gut in öffentlichen Debatten. Viele sind talentierte Blogger, die in ihren Artikeln und Kolumnen wichtige Themen ansprechen. Wir brauchen eine aktive und dynamische Debatte, einen Wettstreit der Worte, der Ideen und philosophischen Diskurse.
Seit mehr als 15 Jahren schon bin ich auf Lesereisen in Frankreich unterwegs. Allerdings spreche ich mit den Menschen mehr über die Ukraine als über meine Bücher. Es ist vielleicht auch mir zuzuschreiben, dass die Menschen in Frankreich heutzutage mehr über die Ukraine wissen – und sie können endlich zwischen der Ukraine und Russland unterscheiden.”

Ieschchenko:
“Stimmen Sie zu, dass es leichter ist, Patriot eines erfolgreichen und prosperierenden Landes zu sein, statt eines Landes, das eine tiefe Krise durchmacht?”

Kurkow:
“Natürlich ist es durchaus erfreulich, ein französischer Patriot zu sein und die Alpen, Annecy, Paris oder Straßbrug zu lieben. Es ist schwieriger, sich in Schytomyr patriotisch zu fühlen.
Wenn jedoch historische Ereignisse in einem ganzen Land Momente der Wahrheit erzeugen, wenn die Existenz eines Landes auf dem Spiel steht, dann wächst ein patriotisches Gefühl in jedem Individuum – ganz egal, wo er geboren wurde oder welche Sprache er spricht. Hat die Person einen urkainischen Pass und spürt, dass ihr Vaterland Hilfe braucht, dann verspürt sie einen Drang, das Land zu retten. Dieser Patriotismus wird neue politische Führer erzeugen, eine junge Generation, völlig anders als jene der postsowjetischen und postkommunistischen Generation.”

Ieschchenko:
“Viele Kulturschaffende – Schriftsteller, Regisseure, Fotographen, beziehen sich in ihren Arbeiten auf die Ereignisse in der Ukraine. Wo aber liegt die Grenze zwischen dem respektvollen Umgang mit dem Wendepunkts eines Landes und der trivialen Geldmacherei aus einem Thema, das sich gut verkauft?”

Kurkow:
“Ich erinnere mich noch genau an das Tschernobyl-Desaster von 1986. Da fragte mich jemand: “Wann schreiben Sie ein Buch darüber?” Ich sagte, dass ich das auf keinen Fall mache, denn das war ein wirkliches Drama, eine wirkliche Tragödie, die das Leben von Millionen von Menschen veränderte. Es ist Material für dokumentarische Prosa.
Dann kam 2004 die Orange Revolution. Sofort wurden an die sechs Bücher und zwei bis drei Filme veröffentlicht. All die Märchen und Legenden vom Maidan in Kiew sind bereits in Vergessenheit geraten, denn die wirklichen Ereignisse waren so viel dramatischer als die Frucht der Vorstellungskraft dieser Autoren und Filmschaffenden.
Das gleiche gilt für letzten Winter: Ganz egal, wie talentiert ein Schriftsteller ist, er könnte niemals völlig wahrheitsgetreu und glaubwürdig die Ereignisse wiedergeben oder die wahren Akteure des Maidan wiedererschaffen: Authentisch, ehrlich und beharrlich waren die Leute dort. Die Wirklichkeit war so dramatisch, dass niemand sie ändern sollte, alles sollte so bleiben, wie es war.”