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Der "Todesberg" - ein Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges im Elsass

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Der "Todesberg" - ein Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges im Elsass

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Wissen wir heute mehr über den Ersten Weltkrieg? Warum wird in Deutschland dieses Krieges nicht gedacht? Ein Gespräch mit dem deutschen Historiker Gerd Krumeich und ein Besuch auf dem Hartmannsweilerkopf im Elsass.

“Hier am Hartmann wird wirklich Auge in Auge und Zahn um Zahn gekämpft. Das ist entsprechend emotional aufgeladen. Ich möchte die Schreie nicht hören von damals. Die haben mit Spaten aufeinandergehauen, mit Maschinengewehren gekämpft und mit Gas. Das einzige, was sie nicht nach oben gekriegt haben, waren Panzer”, beschreibt der hoch angesehene Historiker Gerd Krumeich die Schlachten. Bis zu 30.000 deutsche und französische Soldaten starben am Hartmannsweilerkopf im Elsass, der in Frankreich “Vieil Armand” heißt. “Mangeur d’hommes”, “Menschenfresser”, nannten ihn die einen, “Todesberg” die anderen. Hatte der Ort strategische Bedeutung? “Die Schlachten dort am Anfang konnten eine sehr große Bedeutung haben, aber dann – kann man mal so kurz sagen – ist der Krieg in andere Gefilde gezogen. Es wird aber dort weitergekämpft, bis 1918. Und von daher hat das eine quasi absurde Dimension, die das ganze Leid und den ganzen ungeheuren Einsatz noch einmal vergrößert für mich”, sagt Krumeich, zu dessen Forschungsschwerpunkten der Erste Weltkrieg gehört.



Bei klarem Himmel blickt man von der mehr als 900 Meter hohen Kuppe ins Rheintal. Deutsche und französische Soldaten trieben Stollen in den Berg, bauten Bunker und Schützengräben, errichteten Stacheldrahtzäune. Rund 60 Kilometer der befestigten Gräben sind bis heute erhalten und legen von dem grauenvollen Sterben Zeugnis ab. Mit Zement gefüllte Säcke sind versteinert, die textile Struktur ist noch zu erkennen. Die Soldaten waren nur wenige Meter voneinander entfernt, man konnte einander sehen und hören.

Überall in Europa wird des Ersten Weltkriegs gedacht, Fernsehserien berichten darüber, neue Bücher wurden veröffentlicht. Wissen wir heute mehr über La Grande Guerre? “Über den Verlauf des Ersten Weltkrieges wissen wir heute insofern mehr, als erst heute der Krieg in seiner globalen Dimension wirklich vor uns liegt. Frühere Kriegsgeschichte war nie auch Weltgeschichte”, sagt Krumeich. Östlich der Bergkuppe liegt der französische Soldatenfriedhof, die Deutschen liegen weiter unten im Tal. Die Wahrnehmung des Krieges könnte bei Franzosen und Deutschen nicht unterschiedlicher sein. So ist der 11. November, der Tag des Waffenstillstands, in Frankreich ein gesetzlicher Feiertag, in Deutschland ist er das nicht. “Wir in Deutschland haben nie das ausbilden können, was die Franzosen die Trauergemeinschaft nennen, die sich über Familien und Generationen hinweg sich erhalten haben. Das haben wir in Deutschland von Anfang an nicht gekonnt. Bei den Franzosen ist der Erste Weltkrieg, seit die anciens combatants ausgestorben sind, in der Erinnerung zurückgetreten, er ist nicht mehr so virulent, aber er ist absolut präsent im ganz normalen Alltagsbewusstsein als eine Angelegenheit, die das Land, La France, betrifft, aber auch jede einzelne Familie.”

Am Hartmannsweilerkopf ist jüngst ein Lehrpfad hinzugekommen und aus dem nationalen Monument wird nun eine deutsch-französische Gedenkstätte. Krumeich sagt, es sei eine Sensation, “dass in der Krypta der Gedenkstätte auch der deutschen Soldaten zukünftig gedacht werden soll, mal sehen ob es klappt. Aber nach vielen Jahren der Diskussion – es ist eine Art elsässische Besonderheit, dass das gelungen ist: Hier gelungen, in der Krypta am Hartmannsweilerkopf am 3. August zum ersten Mal gemeinsam der deutschen und der französischen Opfer zu gedenken.” An öffentlichem Interesse herrscht kein Mangel: Schon heute zählt der einst erbittert umkämpfte Berg in den Vogesen rund 300.000 Besucher pro Jahr: Deutsche wie Franzosen.