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Türkei: Konservativer Wissenschaftler fordert Erdoğan heraus

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Türkei: Konservativer Wissenschaftler fordert Erdoğan heraus

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In der Türkei stellt sich ein 70-Jähriger dem allen Anschein nach übermächtigen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan entgegen. Geht es nach den beiden größten Oppositionsparteien in der Türkei, soll Ekmeleddin İhsanoğlu der neue Präsident des Landes werden. Sein Slogan: Kandidat des Wandels und des Anschluss’.

Um gegen Erdoğan überhaupt den Hauch einer Chance zu haben, stellen die Oppositionsparteien CHP und MHP einen konservativ-islamischen Politik-Neuling auf. Für sie überzeugt er durch sein Ansehen, seine Ehrlichkeit, sein Wissen und seine Erfahrung. “Ekmeleddin Mehmet İhsanoğlu ist mit den Grundlagen unserer Republik im Reinen und auch mit den Werten unserer Nation”, bewirbt Oktay Vural, der Vize-Präsident der nationalistischen MHP, den Kandidaten. Er habe sich als Präsidentschaftskandidat präsentiert. Die Entscheidung für ihn als Kandidat seine keine Entscheidung für eine politische Partei.

Vor seinem Einstieg in die Politik war der heute 70-Jährige Wissenschaftler. Von 1980 bis 2004 leitete er das Forschungszentrum zur Geschichte, Kunst und Kultur des Islam. Im Anschluss wurde er zum Generalsekretär der Organisation für Islamische Zusammenarbeit OIC gewählt. Schnell erarbeitete er sich so den Ruf als Fachmann für die osmanische Kultur und den Islam.

Dass İhsanoğlu für den OIC-Vorsitz sogar die Unterstützung der türkischen Regierungspartei AKP bekam, hängt vor allem mit seinem konservativem Profil zusammen. Mit der Präsidentschaftskandidatur vollziehen die Oppositionsparteien nun einen wohl bedachten Schachzug: Sie wollen Teile der AKP-Wähler auf ihre Seite holen, erklärt der Politikwissenschftler Yunus Emre von der Istanbul Kültür University:

“Folgende Prämisse: Die türkische Gesellschaft ist konservativ. Und das hat sich mit der AKP-Regierung noch verstärkt. Anstatt also grundlegende Prinzipien und politische Linien zu ändern, wird ein konservativer Kandidat aufgestellt, mit dem man vielleicht Stimmen bei der konservativen Wählerschaft holen kann. Ob das klappt, werden wir nach den Wahlen sehen.”

İhsanoğlu ist als Kandidat in sämtlichen türkischen Bevölkerungsschichten anerkannt. Seine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere ist ein wichtiger Trumpf. Wenn es nach ihm geht, braucht die türkische Gesellschaft Frieden und Ausgeglichenheit.

“Es gibt da eine Dualität in unserer Gesellschaft: eine Polarisierung und eine Entfremdung”, erklärt der Professor. Das führe zu Problemen: “Die Leute wollen in Frieden und Sicherheit leben und ihre Leistungen steigern. Sie wollen glücklich sein. Daher müssen wir für Frieden sorgen. Das funktioniert, indem man Eskalationspolitik abschafft und durch integrative Politik ersetzt.”

Zum ersten Mal in der Geschichte ihres Landes werden die Türken ihren Staatspräsidenten direkt wählen. Einige befürchten, dass der aktuelle Ministerpräsident, Recep Tayyip Erdoğan diese Situation ausnützen könnte, um ein Präsidialsystem durchzusetzen. Für İhsanoğlu ist das keine Option. Er ist für bin für ein parlamentarisches System und rät dazu, dass die Türkei entsprechend verwaltet wird. “Dieses System existiert, seitdem es die türkische Republik gibt. Es kann natürlich reformiert werden. Aber dem Präsidenten alle Macht zu geben, wird Unruhe ins Staatssystem bringen.” Das könne die Türkei nicht hinnehmen.

Auch an der Außenpolitik von Ministerpräsident Erdoğan hat İhsanoğlu als aussichtsreichster Gegenkandidat einiges auszusetzen. Besonders stark kritisierte İhsanoğlu die Regierungspolitik im Zusammenhang mit den Ereignissen in Ägypten:

“Türkische Außenpolitik ist größer und wichtiger als individuelle Weltanschauungen. Ein paar persönliche Ideen reichen da nicht aus. Die Türkei ist ein großes Land. Sie hat nicht nur Beziehungen zum Nahen Osten und zur islamischen Welt, sie muss auch bessere Beziehungen zur ganzen Welt knüpfen”, verlangt Ekmeleddin Ihsanoğlu.“Das kann durch gegenseitigen Respekt korrigiert werden, wenn es um gegenseitige Interessen und Gleichgewicht geht. Die Türkei sollte sich nicht durch Abenteur und Träume in Schwierigkeiten bringen. Uns geht es darum, die Türkei in dieser Hinsicht zu bewahren und die türkische Außenpolitik zu normalisieren, weg von Abenteuern und persönlichen Wünschen.”

İhsanoğlus Problem: Selbst im eigenen Land ist der einstige Wissenschaftler kaum bekannt. Die politische Bühne ist für ihn Neuland. Das könnte ihm bei seinem Wahlergebnis zum Verhängnis werden.