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Tschuri, die himmlische Badeente

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Tschuri, die himmlische Badeente

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Die Raumsonde Rosetta, ein Leckerbissen für Journalisten aus aller Welt. Dutzende Reporter sahen im Europäischen Raumflugkontrollzentrum in Darmstadt dabei zu, wie die Kometen-Jäger weit draußen im All ihre Beute erreichten.

Matt Taylor vom Rosetta-Projekt: “Wir sind da! Wir haben ihn getroffen! Wir haben den nächsten Schritt gemacht, es ist ein Meilenstein: das Rendez-Vous mit einem Kometen. Jetzt werden wir ihn ein Jahr lang begleiten.”

Ihn hat Rosetta zehn Jahre lang gejagt, den Kometen “Tschuri”, beziehungsweise 67P/Tschurjumow-Gerassimenko, wie er mit vollem Namen heißt. Sein Aussehen hat die Forscher überrascht.

Die Ingeneurin Armelle Hubault berichtet: “Das ist ein seltsamer Komet. Wir hatten bei der Form an mehrere Möglichkeiten gedacht. Aber ich denke, wohl niemand hätte eine Badeente erwartet.”

Flugdirektor Paolo Ferri: “Die Form ist erstaunlich. Wissenschaftlich gesehen, ist es wohl das aufregendste Objekt, das man sich vorstellen – oder vielleicht sogar nicht vorstellen – kann.”

Die ersten Nahaufnahmen vom Kometen wurden von der Kamera Osiris gemacht. Sie wird vom Kometenforscher Holger Sierks kontrolliert. Osiris verfügt über einen Sensor, der dem in irdischen Digitalkameras ähnelt. Mit ihm kann die Kamera detaillierte Aufnahmen machen.

Holger Sierks: “So, ich öffne das hier mal, dann werden Sie es gleich sehen: Das ist das Auge von Rosetta.” Er zeigt auf die Bilder. “Wir sehen viele Details, etwa diese Felsen, die hoch wie ein Haus sind. Denken Sie daran: Dies sind acht Meter pro Pixel, wir sehen hier Schatten von großen Felsen, da sind also große Dinger in diesen flachen Regionen.”

Tschuri dreht sich in 12 Stunden einmal um sich selbst, und so hat Rosetta genug Zeit, um den Kometen mit ihren elf Instrumenten von oben bis unten abzuscannen.

Holger Sierks: “Hier in der Animation ist die tatsächliche Rotationsachse zu sehen. Er dreht sich also so herum, das ist Norden, oben, und das ist der Südpol, der jetzt nicht beschienen wird. Er dreht sich also so herum, und lustigerweise ist das der Äquator unseres Kometen.”

Noch nie ist es gelungen, so lange so nah an einen Kometen heranzukommen – und damit an eine unbekannte Welt. Die Wissenschaftler müssen nun einige der kompliziertesten Manöver durchführen, die jemals im All ausprobiert wurden.

Flugdirektor Andrea Accomazzo: “Nachdem wir nun den Kometen erreicht haben, müssen wir damit beginnen, das Objekt zu charakterisieren. Er hat eine sehr eigentümliche Form. Und mit unserer Sonde kommen wir aus dieser Richtung.” Er malt Striche auf eine Tafel, die die Richtung anzeigen. Dann mal er links einen Kreis mit Strahlen hin: “Stellen Sie sich die Sonne irgendwo hier vor”, sagt er und fährt fort: “Wir wollen das Objekt aus verschiedenen Winkeln vermessen. Daher werden wir zunächst sehr ungewöhnliche Bahnen fliegen, fast im Dreieck, ungefähr so. Das ermöglicht es uns, das Objekt aus verschiedenen Winkeln zu sehen, und dadurch können wir seine genaue Form rekonstruieren. Sie sehen, diese Bögen, die wir nun im August fliegen, werden durch die Schwerkraft des Kometen selbst gekrümmt, und genau das wollen wir messen. Wir nutzen die Sonde selbst als Messgerät für die Schwerkraft des Kometen.”

Die Nachfrage nach der Gravitationskarte, die so entstehen soll, ist hoch. Die Wissenschaftler brauchen sie schon im September, damit die Mission weiter auf Kurs bleibt.

“Was wir gerade machen, ist fundamental für den Fortgang der Mission”, so Andrea Accomazzo. “Wenn wir den Kometen nicht korrekt charakterisieren, können wir nicht um ihn herum fliegen. Wir müssen lernen, um einen Kometen zu fliegen, während wir um ihn fliegen. Das ist eine Art selbstreferentielles Problem, und das müssen wir in ein paar Wochen gelöst haben.”

Ein Ziel der Forscher ist es, wirklich so viel wie möglich über Kometen zu erfahren. Es gibt Millionen von ihnen jenseits vom Jupiter. Und sie gehören zu den primitivsten und ältesten Himmelskörpern in unserem Sonnensystem. Wegen ihres Alters beinhalten sie eine Reihe an Molekülen, die umherschwirrten, als unser Planetensystem vor 4,5 Milliarden Jahren entstand.

Holger Sierks: “Sie haben das Wasser gebracht, aus dem wir gemacht sind und das wir täglich trinken. Es gibt also eine Verbindung zwischen der Erde, dem Leben und den Kometen. Sie erzählen uns enorm viel über die thermische und chemische Evolution des frühen Sonnensystems.”

Im Laufe der kommenden 12 Monate wird Tschuri nun von Rosetta gescannt und vermessen. Der nächste große Schritt steht bereits im November an. Dann nämlich soll der Landeroboter Philae auf der Kometenoberfläche aufsetzen und sich mit seinen Beinen in der staubigen Oberfläche festbohren. Zuvor müssen die Kometenjäger aber noch eine gute Landezone aussuchen, die den Anforderungen der Wissenschaftler und des Landers entspricht.

Matt Taylor: “Man könnte jetzt ganz naiv denken, wir wollen einfach einen schön flachen Platz zum Landen. Aber “flach” könnte bedeuten, dass sich die Oberfläche dort stark bewegt, dass sie vielleicht sogar flüssig ist, und da will man nicht landen, weil sich dort alles schnell verändern kann. Das muss man im Moment alles bedenken.”

Das Rosetta-Team steht praktisch im Dauerkontakt mit der Sonde. Die Wissenschaftler beobachten ihre Maschine genau, die bereits 6,4 Milliarden Kilometer im Sonnensystem zurückgelegt hat.

Armelle Hubault: “Der Satellit funktioniert sehr gut, vor allem, wenn man bedenkt, dass er seit zehn Jahren unterwegs ist. In diesem Alter haben die meisten Satelliten ihre Aufgabe bereits getan, und gehen quasi in den Ruhestand. Aber Rosettas Arbeit beginnt gerade erst. Ich denke, viele Leute sind neidisch auf den Zustand unseres Satelliten.”

Und viele Leute sind auch neugierig, wenn man die mediale Aufmerksamkeit so sieht. Für die Beteiligten ist es eine ganz besondere Zeit.

Paolo Ferri: “Das sind Gefühle… wir sind aufgeregt wir kleine Kinder an Weihnachten. Ich denke, alle hier wissen sehr genau, was wir hier erleben und dass es wirklich ein historischer Moment ist.”

Matt Taylor: “Nichts kann hier mithalten. Die Erforschung, die Wissenschaft, der “Wow-Faktor”. Mein Sohn will Wissenschaftler werden, seit ich vor einem Jahr bei Rosetta angefangen habe. Ich hab’ meinen Job also erledigt.”