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Lehrpläne: Mehr Freiheit für die Schulen?

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Lehrpläne: Mehr Freiheit für die Schulen?

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Wer entscheidet, was man in der Schule lernt? Wie viel Wissenschaft und wie viel Kunst? Wie viele Sprachen und welche? Wie viele Stunden Sport? Und wie verhält es sich mit der Religion? Braucht man Informatik? Wenn es darum geht, den perfekten Lehrplan zu kreieren, dann ist sich die Jury meist uneins.

Wenn die Regierung über den Lehrplan entscheidet und dieser in allen Schulen des Landes gelten soll, was sollte dann auf dem Programm stehen? Wir haben einen Blick auf die aktuelle Debatte in Großbritannien geworfen.

Großbritannien: Reform oder Rückschritt?

Cambridge ist als Studentenstadt bekannt, eine der fünf angesehensten Universitäten der Welt befindet sich dort. Britische Schulkinder hinken in der PISA-Studie ihren ausländischen Altersgenossen hinterher. Bis zum Herbst 2014 will die Regierung deshalb den Lehrplan reformieren. Dieser Schritt sorgt für Besorgnis in den Klassenzimmern. Der neue Lehrplan setzt auf Auswendiglernen und verlangt auch jungen Schülern viel ab. Lehrer und Akademiker kritisieren die Reform in England, sie fürchten, dass die Kinder mit unnötigen Fakten vollgestopft würden und die Motivation am Lernen verlieren.

Die britische Reform verbietet Taschenrechner bis ans Ende der Grundschule, alle Vierzehnjährigen müssen zwei Dramen von Shakespeare lesen, auch Programmierkurse sind darin vorgesehen. Ob der neue nationale Lehrplan hohe Standards und Qualität bieten kann, das wird sich erst in der Praxis zeigen.

Schweiz: Grenzübergreifende Lehrpläne

Lehrpläne sind genauso wichtig wie umstritten. Wir haben mit zwei UNESCO-Experten aus Genf darüber gesprochen, was sie beinhalten sollten und was nicht.

Im Internationalen Bildungsbüro in Genf werden die Lehrpläne für die ganze Welt geboren. Die Schweizer Nichtregierungsorganisation bietet den Ländern strategische Ratschäge und technische Unterstützung, um Lehrpläne zu reformieren. Das IBE hat Schulbücher ein Jahrhundert lang aus der ganzen Welt gesammelt, dennoch zählt für die Mitarbeiter eher die Zukunft.

Schüler wollen verstehen, was und warum sie lernen, damit sie das Gelernte später anwenden können. Für Lehrplanrefomen müsse man heutzutage über die Ländergrenzen hinausblicken, so die Experten. Bei der Entwicklung des Lehrplans der Zukunft spielen lokale, kulturelle und globale Gegebenheiten deshalb eine große Rolle.

Italien: Schüler schreiben ihre eigenen Schulbücher

Wenn Lehrer und Schüler mehr Freiheiten haben, dann sorgt das vielleicht für bessere Ergebnisse. Doch nicht alle Schulen sind gleich. Wie sieht es in der Praxis aus? Wir waren in Italien, an einer engagierten Schule, die nun für viele andere als Beispiel gilt.

Eine Gesamtschule im süditalienischen Brindisi hat ein revolutionäres Projekt gestartet. Die Tische im Klassenzimmer stehen nicht in Reih und Glied, die Stühle haben Rollen, so dass die Schüler in Gruppen besser zusammenarbeiten können. Die Schule erprobt einen neuen Stundenplan und wechselt die Klassenräume. Schulbücher gibt es in Italien nicht mehr – die Kinder lernen mit Tablets.

Seit 2009 weigert sich das Majorana Institute, dem traditionellen Lehrplan Italiens zu folgen. Die Schule produziert ihre eigenen Bücher, die von Lehrern und Schülern verfasst werden. Zu Beginn gab es diese nur in gedruckter Form, die Schule hat eine eigene Druckerei. Jetzt gibt es auch E-Books – und für die Schüler das passende Equipment.

Von Sizilien bis nach Südtirol – das Buchnetzwerk erlebt einen Boom. Grundschullehrer aus Turin haben sich per Skype mit Professoren aus Apulien ausgetauscht, um über Verbesserungsmöglichkeiten für eine digitale Bibliothek zu diskutieren. Zu Beginn gab es nur Bücher für Oberstufenschüler, inzwischen werden auch Werke für Grund- und Mittelschüler verfasst.

Erst die große Autonomie, die die italienischen Schulen Ende der 90er Jahre erhielten, hat das Buchprojekt möglich gemacht. Zuvor wurden Lerninhalte vom Bildungsministerium bestimmt. 1923 war unter Mussolini ein vom Staat gelenktes Schulsystem geschaffen worden.

Heute sind Lehrer und Experten für das verantwortlich, was die Schüler lernen werden, die Inhalte werden von jeder Schule individuell erarbeitet.