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Wie die Schotten zum Referendum über ihre Unabhängigkeit gekommen sind

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Wie die Schotten zum Referendum über ihre Unabhängigkeit gekommen sind

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Schottland und England gehören seit mehr als 300 Jahren zusammen. Erst in den vergangenen Jahrzehnten sind die Rufe nach Unabhängigkeit lauter geworden. 2012 schliesslich stimmte der britische Premierminister David Cameron einer Volksabstimmung darüber zu. Davon hatte die “Schottische Nationalpartei” (SNP) seit langem geträumt.

“Der Weg zum Referendum war lang”, sagt euronews-Reporterin Joanna Gill, “die Dezentralisierung von 1998 beschleunigte die Entwicklung noch. Ursprünglich ging man davon aus, dass sie den Nationalismus beenden würde. Warum ist das nicht geschehen?”

Der Journalist und Historiker David Torrance hat die Antwort: “Erst sah es so aus, als gehe es der SNP nicht mehr so gut. Das hat sich mit der Zeit aber geändert, denn mit dem schottischen Parlament fand sie mehr Unterstützer, konnte sich besser darstellen und kam in die Regierung. Als sie erst einmal den Fuß in der Tür hatte, ermöglichte ihr das, noch weiter zu wachsen und auf ein Referendum zu drängen. Dort sind wir jetzt.”

Die SNP schaffte es, den Mainstream der schottischen Politik zu besetzen und erlangte 2011 einen Erdrutschsieg bei der Parlamentswahl. Labour, die Konservativen und die Liberaldemokraten hatten sich in einer Serie von Skandalen diskreditiert. Die Krise und die Sparpolitik verschlimmerten das noch, die SNP profitierte von der Situation.

Tom Devine ist Historiker: “In den 1950ern galt die SNP als Extremistengruppe. Ihren ersten Wechsel vollzog sie, als sie nicht mehr auf ethnischen Nationalismus, sondern auf zivilen Nationalismus setzte”, meint er. “Es kam nicht mehr darauf an, wo man geboren war – solange man nur die Unabhängigkeit unterstützte. Die andere Sache: Man übernahm die alten Labourwerte. Die moderne SNP ist mehr Labour als Labour selbst.”

Für viele Schotten hat New Labour das Erbe der Konservativen von Margaret Thatcher angetreten. Ihre Politik der Deindustrialisierung in den 1980er-Jahren, die Massenarbeitslosigkeit zur Folge hatte, betraf vor allem Schottland und Nordengland. Die Eiserne Lady wurde dort zur Hassfigur. Tom Webster, Historiker an der Universität Edinburgh, erklärt: “Das größte Erbe Thatchers hier ist das Gefühl, man sei ein Experimentierfeld für die Politik gewesen, bevor man sie in England angewandt hat; als sein man ein Labor für England gewesen.”

Thatcher hat wohl die Stimmung gegen Westminister angeheizt. Anti-Konservative Gefühle aber auch das eigene Nordseeöl waren weitere Argumente für das Unabhängikeitsbestreben der Schotten. David Torrance:
“In den vergangenen Jahren haben wir nicht aufgehört über Nordseeöl zu reden. Das ist heute kein Thema mehr, denn es handelt sich um einen Rohststoff, der zur Neige geht. 1979 und in den 80er-Jahren spülte es aber enorme Mengen Geld in die britische Staaskasse. Im Zusammenhang mit Schottland und der Unabhängigkeitsdiskussion spielte es eine viel größere Rolle.”

Wie immer die Schotten sich auch entscheiden – das Referendum hat bereits die politische Landschaft Großbritanniens verändert. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass wir etwas von der schottischen Unabhängigkeit hören.

“Der Geist ist aus der Flasche und es wird nicht möglich sein, ihn dort wieder hineinzubringen”, so Historiker Divine. Die euronews-Reporterin: “Die Unionisten hatten auf eine große Mehrheit gehofft, um die Unabhängigkeit endgültig vergessen zu können. Aktuelle Umfragen haben ein solches Ergebnis aber unwahrscheinlich gemacht. Wie immer das Referendum ausgehen mag, die Schotten haben ein Zeichen in der britischen Geschichte gesetzt. Alle Augen richten sich nun auf die Zukunft ihres Landes.”