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Ist Schottland für die Flamen ein Beispiel?

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Ist Schottland für die Flamen ein Beispiel?

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Einen Tag vor der Abstimmung in Schottland treffen wir Günther Dauwen auf dem Flughafen in Brüssel, der nach Edinburgh reist. Der Flame Dauwen ist zwar nicht Europaparlamentarier, doch er leitet die Verwaltung der Freien Europäischen Allianz, die gemeinsam mit den europäischen Grünen eine Fraktion bildet. “Das Abstimmungsrecht ist universell, die Schotten machen Gebrauch davon”, meint er. “Wir hoffen, dass die Katalanen es ebenfalls ausüben können. Unabhängig von dem Ergebnis hat das Wahlrecht Vorrang.” Obwohl Belgien ein Bundesstaat ist, gibt es Spannungen zwischen Flandern, das von knapp 60 Prozent der Bevölkerung bewohnt wird, und dem wirtschaftlich schwächeren Wallonien, in dem etwas weniger als 40 Prozent der insgesamt rund 11 Millionen Einwohner leben. Die Gemeinde Steenokkerzeel liegt in der Nähe Brüssels, ihr Bürgermeister Kurt Ryon vertritt die Neue Flämische Allianz, die mehr Autonomie für Flandern fordert. “Wir stehen am Anfang eines wichtigen Weges”, sagt Ryon. “Wir bauen ein freies Flandern auf. Von der Abstimmung der Schotten können wir einiges lernen. Stimmen sie für die Unabhängigkeit, dann könnte das für ein mögliches Referendum in Flandern ein Beispiel sein.” Doch wollen die Flamen wirklich die Unabhängigkeit? Wir befragten die Menschen in Steenokkerzeel. “Ich möchte nicht, dass Belgien in Flandern und Wallonien zerfällt. Sie gehören zusammen. Ich stehe zu Belgien, mir gefällt Belgien”, sagt eine Frau. Eine andere meint: “Schottland war früher ein Land, Flandern und Wallonien waren das nicht. Flandern gehört zu den Niederlanden. Ich denke, dass dies eine völlig andere Geschichte ist. Schottland ist daher kein Präzedenzfall.” Und eine dritte sagte uns: “Ich bin Flämin. Wäre ich Schottin, würde ich mit ja stimmen.”

Auch die belgische Region Flandern blickt gespannt auf den Ausgang des Referendums in Schottland. Über die Hintergründe sprachen wir in Antwerpen mit Dave Sinardet von der Freien Universität Brüssel.

euronews:
“Was haben Schottland und Flandern gemeinsam?”

Dave Sinardet:
“Wie in Schottland, in Katalonien oder in der kanadischen Provinz Quebec gibt es in Flandern eine starke nationalistische Bewegung und eine nationalistische Partei. Die Partei ging aus der jüngsten Parlamentswahl als stärkste politische Formation hervor, sie fordert die Unabhängigkeit Flanderns oder zumindest mehr Autonomie innerhalb Belgiens. Die flämischen Nationalisten streben keine Volksbefragung an, denn sie wissen, dass sie für ein unabhängiges Flandern nicht genügend Unterstützung finden würden. Zwar haben sie den Separatismus nicht aus ihren Statuten gestrichen, doch sie ziehen es vor, über Konföderalismus zu sprechen. Dieser entspräche einem unabhängigen Flandern, was jedoch niemand laut zu sagen wagt, denn damit wäre eine belgische Verfassung überflüssig. Ein Vertrag zwischen Flandern und Wallonien würde genügen.”

euronews:
“Warum gewinnen separatistische Bewegungen zur Zeit in Europa immer mehr Zulauf?”

Dave Sinardet:
“Sowohl den schottischen als auch den flämischen Nationalisten ist es gelungen, nicht nur nationalistisch gesinnte Unterstützer zu finden, sondern die Menschen davon zu überzeugen, dass nationale Kultur und Identität wichtig sind. Es ist ihnen gelungen, die nationale Debatte mit der Links-Rechts-Debatte zu verflechten. Es ist ihnen gelungen, die Frustrationen anzusprechen, die schottische Mitte-Links-Wähler angesichts der Mitte-Rechts-Politik Londons, und die Mitte-Rechts-Wähler in Belgien angesichts der Mitte-Links-Politik Belgiens empfinden. In der globalisierten Welt von heute, im europäischen Kontext ist die nationale Souveränität in einem viel größeren Maß ein Wunsch geworden, als es noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war.”

euronews:
“Welche Folgen hätte ein Ja der Schotten zur Unabhängigkeit für die Region und für ganz Europa?”

David Sinardet:
“Ein Ja könnte einen Präzedenzfall schaffen. Es würde den Beweis dafür liefern, dass sich eine Region von einem Staat loslösen kann. Für die Nationalisten wäre das ein Musterbeispiel, sowohl für jene Kataloniens, denn diese wollen ein Referendum, was die spanische Regierung aber nicht akzeptiert, als auch für die flämischen Nationalisten, selbst langfristig. Denn ein Ja würde beweisen, dass die Unabhängigkeit nicht ein unerfüllbarer Traum bleiben muss, sondern im Grunde genommen möglich ist. Das könnte in der EU Probleme schaffen, denn bereits jetzt ist es schwierig, einen Konsens zwischen den 28 Mitgliedsstaaten herzustellen, die ihre nationalen Interessen verteidigen. Vergrößert sich die Anzahl der Mitglieder, könnte es noch viel schwieriger werden, einen Konsens zu finden.”