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Plantu: Karikaturist mit spitzer Feder und scharfer Zunge

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Plantu: Karikaturist mit spitzer Feder und scharfer Zunge

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In Brüssel hat Plantu kürzlich den Film “Karikaturisten – Kämpfer für die Demokratie” vorgestellt. Jeden Tag druckt die Zeitung Le Monde die Zeichnungen des Franzosen auf der Titelseite ab. Der Film zeigt das Leben von zwölf Karikaturisten, die zum Teil unter Lebensgefahr arbeiten. euronews hat Plantu zum Interview getroffen.

euronews:
Diese Dokumentation ist die Fortsetzung der Arbeit, die Sie seit 2006 machen, als Sie gemeinsam mit den Vereinten Nationen den Verein “Cartooning for Peace” ins Leben riefen. In diesem Verein sind 109 Zeichner versammelt. Sie sind einer der zwölf, die in dem Film vorkommen. Wie wurden die anderen elf ausgewählt? Wie haben Sie die ausgesucht?

Plantu:
Das habe ich der Regisseurin Stéphanie Valloatto und dem Produzenten Radu Mihaileanu überlassen. Sie kennen meine Arbeit, und sie wollten das herausstellen, was uns Zeichner verbindet. Sie sind zwischen einem Zeichner aus Burkina Faso, einem Zeichner von der Elfenbeinküste und einem Palästinenser aus Ramallah hin- und hergesprungen. Es ging nicht darum, Zeichner zu zeigen, die alle gleich denken. Nein, es geht um die Freiheit, als Journalist frei zu denken. Der Film richtet sich an andere Journalisten und vor allem die Bürger dieser Welt, die durch die Themen und Diskussionen, die der Film enthält, angesprochen werden.

euronews:
Man sieht im Trailer einen syrischen Zeichner, dem man die Finger gebrochen hat. Ihr Verein bringt Zeichner miteinander in Kontakt und schafft Aufmerksamkeit für ihre Werke. Aber kann er sie auch schützen?

Plantu:
Sie haben Ferzat, dem syrischen Zeichner, eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt, als er gefoltert wurde. Sie haben ihm systematisch die Fingerglieder gebrochen. Monatelang musste er Verbände tragen, wie man in dem Film sieht. Wir haben die Möglichkeit, das bekannt werden zu lassen. Wenn wir ihn nach Europa oder anderswo hin einladen und er an Diskussionen teilnimmt, rückt das seine Widerstandsarbeit sehr gut ins Licht der Öffentlichkeit. Deshalb passt das Wort Kämpfer perfekt zu ihm.

euronews:
Ich würde mit Ihnen gerne über Aktuelles und ein Thema sprechen, das uns alle beschäftigt, den Islamischen Staat nämlich. Wir zeigen eine Zeichnung, die Sie kürzlich angefertigt haben. Man sieht einen Ölscheich, der Obama als Unterstützung der Koalition gegen die Dschihadisten Geld gibt. Klar ist, dass Sie Doppelmoral anprangern. Aber wer ist letztlich heuchlerischer? Die Golfstaaten wie Saudi-Arabien, die lange den Salafismus unterstützt haben, oder der Westen, der die Augen zugemacht hat?

Plantu:
Die Fragen, die Sie stellen, enthalten bereits die Antworten, auf die Sie abzielen. Ein Vorteil meiner Arbeit bei Le Monde ist, dass ich den Chefredakteur anrufen und ihm sagen kann: Tut mir leid, aber von der arabischen Liga habe ich die Schnauze voll. Man wird wieder sagen, dass die Amerikaner in den arabischen Ländern, im Irak, eingreifen. Und was machen die da? Schlafen die? Wenn man den Kerl sieht, der auf dem Kissen schläft, muss man wissen, dass drei Viertel der Muslime weltweit moderat sind. Und was macht der? Manchmal macht er eben Geschäfte mit Leuten, die weniger moderat sind. Und plötzlich greift Obama zum Telefon und sagt: Es wäre schön, wenn Du mir mit dem Irak helfen würdest. Der Kerl spielt also auf mehreren Ebenen, aber das passt schon. Obama sagt ihm: Mach was für Deine islamischen Brüder!

euronews:
Wir zeigen eine andere Ihrer Zeichnungen, ebenfalls zu einem ernsten Thema – die Ebola-Epidemie in Westafrika. Die Epidemie gibt es seit Anfang des Jahres, aber erst jetzt bewegt sich die internationale Gemeinschaft wirklich. Liegt es daran, dass es in Afrika ist, dass es so lange gedauert hat?

Plantu:
Natürlich. Deswegen sind wir bei Cartooning for Peace mit all den afrikanischen Zeichnern verbunden, denn von ihnen lernt man einiges. Es gibt politische Zeichnungen, Zeichnungen im Internet, in den Zeitungen und dann all die Zeichnungen der afrikanischen Künstler, die sich mit dem Thema Gesundheit beschäftigen. UNICEF und die Vereinten Nationen versuchen, die Arbeit dieser fabelhaften Menschen zu unterstützen, die direkten Kontakt zu den Menschen in Afrika haben.

euronews:
Ich möchte, dass Sie die nächste Karikatur erklären. Ich sage nur, dass es sich um die Ukraine und den Blickwinkel der Europäer dreht. Und dann sind Sie dran.

Plantu:
Ich glaube, als Europäer hat man über Kiew und die Ukrainer etwas zu sagen. Als sie die russische Sprache verbannen wollten, fand ich das verrückt. Russisch zu verbannen! Darauf haben die anderen nur gewartet, das war wie ein Geschenk für die. Deswegen habe ich sie ähnlich gezeichnet. Denn ich glaube, es gibt tolle Menschen unter denen, die die russische Sprache und Kultur in der Ukraine unterstützen. Auch auf der Seite Kiews gibt es tolle Menschen, die versuchen, für die ukrainische Demokratie zu werben. Aber es gibt auch Idioten auf beiden Seiten. Und ich finde, wir, die Europäer, haben den Leuten Futter gegeben, die nur eines erwartet haben, nämlich dass wir die Russen plattmachen. Doch ich habe kein Interesse daran, die Russen plattzumachen. Ich mag Putin nicht, ich mag seine Politik nicht, aber gleichzeitig muss man wissen, dass wir die Russen einige Male angeschmiert haben, etwa als wir in Libyen eingegriffen haben. Und man muss auch verstehen, wie die Russen denken – und manchmal sitzt man Vorurteilen auf.

euronews:
Wir müssen auch über die Europäische Union sprechen, die Sie schon oft verspottet haben. 2001 haben Sie eine Karikatur zu diesem Thema gemacht. Ist die EU 13 Jahre danach immer noch diese lahme Schnecke?

Plantu:
Ja, immer noch. Jetzt haben wir 28 Mitgliedsländer und seit 1945 gab es zwischen uns keinen Krieg. Vielleicht ist das so, weil wir diese Europäische Union haben. Ich möchte, dass man die Europäische Kommission weiter piesackt. Ich arbeite eng mit europäischen Entscheidungsträgern zusammen, damit wir in zwei Jahren ein Treffen von 28 Karikaturisten aus allen 28 Mitgliedsländern haben. Es stimmt, wir müssen die europäischen Entscheidungsträger auf den Arm nehmen, und es stimmt auch, dass wir einiges darüber zu sagen haben, warum, wie und wie viel uns Europa trotz allem bedeutet.