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Hongkong: Die "Regenschirmrevolution" lässt sich nicht aufhalten

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Hongkong: Die "Regenschirmrevolution" lässt sich nicht aufhalten

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Tausende Hongkonger haben ihren friedlichen Protest für mehr Demokratie in der chinesischen Sonderverwaltungszone fortgesetzt. Studenten blockieren Zugänge zum Sitz des Regierungschefs. Die seit einer Woche anhaltenden Proteste hatten sich an Beschlüssen des Pekinger Volkskongresses entzündet, 2017 zwar erstmals eine direkte Wahl in der ehemaligen britischen Kronkolonie, aber keine freie Nominierung der Kandidaten zuzulassen.

Am Donnerstagabend läuft das Ultimatum der “Regenschirm-Revolution” aus, das den Rücktritt von Regierungschef Leung Chun-ying fordert. Er gilt als Marionette Chinas. Die Studenten drohen damit, ihre Aktionen zu verschärfen und wichtige Regierungsgebäude zu besetzen.

Die Welt beobachtet genau, wie China mit der explosiven Situation umgeht. Die kommunistische Regierung hält sich alle Optionen offen, verbittet sich aber jede Einmischung. Eine Sprecherin des Außenministeriums erklärte: “Hongkong ist eine von Chinas Sonderverwaltungszonen. Hongkongs Angelegenheiten sind also innere Angelegenheiten Chinas. Wir fordern andere Länder deshalb auf, vorsichtig mit ihren Worten und Handlungen zu sein und sich nicht in die inneren Angelegenheiten Chinas einzumischen, keine illegalen Aktivitäten wie die Occupy-Central-Bewegung zu tolerieren oder zu unterstützen sowie kein falsches Signal in die Welt zu senden.”

Hongkong ist nach New York und London der drittgrößte Finanzplatz der Welt. Viele Interessen stehen auf dem Spiel. Im Ausland wächst unterdessen die Unterstützung für die “Regenschirmrevolution”. Weltweit gibt es Solidaritätskundgebungen.

In der Metropole an der Südküste der Volksrepublik China herrscht weiterhin eine angespannte und potenziell explosive Situation. Euronews spricht mit Professor Willy Lam, Experte für chinesische Angelegenheiten an der Chinese University in Hongkong, der uns seine Sicht der Dinge schildert.

Euronews-Reporter Nial O’Reilly: “Professor Lam, Hongkong hat seit der Rückgabe an China keinen derartigen Aufstand erlebt. Wie ist die Stimmung? Wie verhalten sich gewöhnliche Bürger angesichts der Berichte, dass Demonstranten damit gedroht haben, öffentliche Gebäude zu besetzen, sollte der Hongkonger Regierungschef Leung Chun-ying nicht zurücktreten.”

Professor Willy Lam: “Die protestierenden Studenten und Organisatoren bekommen gewaltige Unterstützung von der Öffentlichkeit. Das ist erstaunlich, denn traditionell interessieren sich die Menschen in Hongkong nur für wirtschaftliche Belange und nicht für politische Fragen. Aber jetzt unterstützen sie die Konfrontation der Studenten mit der Regierung in Hongkong und auch mit Peking. Sie fordern ein hohes Maß an Autonomie für Hongkong, was bereits in den internationalen Verträgen garantiert wurde, als Hongkong an China zurückgegeben wurde.”

Euronews: “Viele dieser jungen Menschen waren noch nicht geboren, als vor 25 Jahren die Proteste auf dem Tian’anmen-Platz (Platz des himmlischen Friedens) stattfanden. Was macht sie so entschlossen und warum sind sie so überzeugt zu gewinnen?”

Professor Willy Lam: “Die Situation in Hongkong ist natürlich anders als in Peking vor 25 Jahren. Die Welt schaut auf Hongkong. Wir haben bereits gesehen, dass sich die Hongkonger Polizei aufgrund der überwältigenden Unterstützung der Bevölkerung für die Studenten von den Straßen zurückgezogen hat. Wir warten sehr gespannt auf Pekings Entscheidung, Peking muss Zugeständnisse machen, um die Revolution und die Proteste in Hongkong zu beenden.”

Euronews: “Wird man dort Zugeständnisse machen? Gibt es etwas, was sie tun können, um aus dieser Situation herauszukommen und was Hongkong zur Normalität zurückkehren lässt?”

Professor Willy Lam: “Natürlich will Peking nicht den Eindruck erwecken, dem Druck der Studenten nachzugeben. Die chinesische Führung ist sehr stolz, sie will nicht ihr Gesicht verlieren. Aber anscheinend ist der geringste Preis, den sie für die Lösung des Problems zahlen kann, der, dem äußerst unpopulären Regierungschef Leung Chun-ying den Rücktritt zu erlauben und Kompromisse bezüglich der Wahlprozedur im Jahr 2017 einzugehen.”

Euronews: “Als Großbritannien das Gebiet an die Chinesen zurückgegeben hatte, wurden Zusicherungen bezüglich bestimmter Rechte und Demokratie gemacht. Aber viele fürchteten damals, dass die Behörden in Peking ihre Zusicherungen langfristig nicht einhalten würden. Ist die jetzige Situation in diesem Kontext unvermeidlich?”

Professor Willy Lam: “Der gegenwärtige Showdown ist meiner Meinung nach unvermeidlich. Dieses Mal ist es anders. Die DNA der Hongkonger Politik hat sich fast über Nacht verändert. Menschen wagen jetzt das Risiko, nicht nur gegen die Polizei und die Verwaltung Hongkongs zu protestieren, sondern auch gegen Peking. In diesem Kontext – außer wenn Peking bereit ist, Gewalt anzuwenden – ist es sehr unwahrscheinlich, die Demonstranten zu beruhigen, außer Peking macht große Zugeständnisse.”

Euronews: “Wir werden sehen, was passiert. Professor Lam, in Hongkong, vielen Dank für ihre Analyse der Situation vor Ort.”