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Brasilien: Die Qual der Wahl

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Brasilien: Die Qual der Wahl

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Wem wird die brasilianische Mittelschicht ihre Stimmen bei der Präsidentschaftswahl geben? Mit 100 Millionen Menschen repräsentiert sie über die Hälfte der Bevölkerung des riesigen lateinamerikanischen Schwellenlandes – etwa 60% der Wahlberechtigten. Die einstigen Kinder des Wirtschaftsbooms in der Ära Lula da Silva fragen sich, wem sie ihre Stimme geben sollen.

Auf der Straße in Sao Paulo meint eine Passantin, “die Brasilianer wissen noch nicht, wen sie wählen sollen. Es gibt drei Kandidaten, die sich jedoch kaum voneinander unterscheiden.” Eine andere Frau erklärt, “meiner Meinung nach ist die Zukunft Brasiliens die Arbeiterpartei.”
Ein Mann wünscht sich, dass die Präsidentin und ihre Parteileute aus der Regierung verschwinden. “Brasilien braucht den Wechsel. Damit meine ich nicht nur Worte, sondern auch Taten,” fügt ein anderer hinzu. “Die Präsidentin werde ich nicht wählen. Aber mit den anderen Kandidaten bin ich auch nicht zufrieden,” beschwert sich eine Passantin.

Nach vier Jahren schwachen Wachstums ist die Wirtschaft im ersten Quartal dieses Jahres in die Rezession gerutscht. Die Brasilianer der Mittelschicht bekommen das mehr und mehr zu spüren. Sean Maluf gehört zu den 5% Arbeitslosen, die mit einer Inflation von 6,5% zu kämpfen haben. Das Schicksal von Sean Maluf ist kein Einzelfall: “Ich habe mehrere Freunde, die gerade das selbe durchmachen. Sie sind arbeitslos. Mein Vertrag wurde nicht erneuert, aber sie wurden regelrecht gefeuert. Hier in Brasilien machen das viele internationale Unternehmen so. Und auch kleine Firmen, die keine Unterstützung von der Regierung bekommen, müssen ihr Personal kürzen.”

Durch eine Inflation ohne Wachstum, weniger Kaufkraft, aber auch durch höhere Zinsen sehen sich Familien gleich mehrfach benachteiligt. Viele rutschen tiefer in die Schuldenfalle. Daran krankt nach Meinung von Wirtschaftsexperten wie André Perfeito letztendlich das Wirtschaftswachstum: “Eine der Komponenten, die die brasilianische Wirtschaft dynamischer machten, war der steigende Konsum in den Familien. Aber es gab keine neuen Investitionen. Die hängen von der Verschuldung des Landes und dessen Bonität ab. Wir sind gerade in einer Übergangsphase, in der verschiedene Probleme angegangen werden. Das macht die Wahl schwierig,” erklärt Perfeito.

Die Einschätzung der euronews-Korrespondentin Rita Ferreira in Sao Paulo: “Wenige Stunden vor Ende des Wahlkampfes sind die Brasilianer noch immer unentschieden, wer nächster Präsident werden soll. Den jüngsten Umfragewerten zufolge ist in der ersten Runde ein klarer Sieg von Dilma Rousseff sehr unwahrscheinlich. In der zweiten Runde wird jede Stimme zählen.”