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Ölpreisschock rückwärts - Monopoly um das "Schwarze Gold"

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Ölpreisschock rückwärts - Monopoly um das "Schwarze Gold"

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Zuerst die gute Nachricht für Energieverbraucher: Der Ölpreis bleibt voraussichtlich relativ niedrig und zwar auf längere Sicht. Das könnte für chronische Ölimporteure wie die Europäische Union wie ein Konjunkturprogramm wirken.

Für importes Öl, Erdgas und Kohle gab die Europäische Union 2013 knapp 400 Milliarden Euro aus, drei Viertel für Öl, errechneten Analysten (Reuters).

Wenn jetzt der Ölpreis um mehr als ein Viertel sinkt, wie im zweiten Halbjahr 2014, dann bleiben in der EU gut 60 Milliarden Euro in den Taschen von Staat, Unternehmen und Verbrauchern für etwas Anderes – vorausgesetzt die Ölpreise bleiben im Keller. Und es sieht ganz danach aus, meinen Analysten.

Der Durchschnittsamerikaner zahlt laut der Preis-App Gasbuddy.com an der Tankstelle inzwischen fast 15 Prozent weniger für Benzin als noch Ende Juni. Mit jedem Cent, den sich Benzin in den USA verbilligt, sinken die jährlichen Energieausgaben der Amerikaner um 1 Milliarde Dollar, hat ein Volkswirt der Deutschen Bank (Brett Ryan) errechnet.

Michael Hewson, Analyst, CMC Markets:

“Wir sind in einer Art Preiskrieg im Moment. Das Angebot ist üppiger als die Nachfrage. Ich meine, das ist zum Teil ein Trick von Saudi-Arabien, um vor allem die Schieferöl-Revolution und die US-Hersteller abzuwürgen. Aber irgendwann, meine ich, trifft das auf Widerstand. Der Boden liegt wahrscheinlich irgendwo um die 80 Dollar pro Barrel.”

Das Ziel: Investitionen in die neue Explorationsmethode unrentabel zu machen. Aber das könnte auch bei 75 Dollar je Barrel auf sich warten lassen, meinen Branchenkollegen (Mark Hanson, Energieanalyst bei Morningstar). Manche Felder seien bis 50 Dollar je Barrel rentabel. Zum Vergleich der Rekordwert von 2008: 145,29 Dollar je Barrel.

Die neuartige Technologie des hydraulischen Frackings in den USA hatte einen Strom an frischem Rohöl freigesetzt, der sich nun über den Markt ergießt. Die in den USA produzierte Ölmenge dürfte sich in diesem Jahr noch weiter erhöhen, so Ed Morse von der Citigroup. Gleichzeitig stagniert die weltweite Nachfrage, die Internationale Energieagentur kürzte ihre Wachstumsprognose für die Ölnachfrage auf den niedrigsten Wert seit fünf Jahren.

Trotz des steilen Preisverfalls war die Opec (Organisation der ölexportierenden Staate) bisher nicht zu einer Drosselung ihrer Produktionsmenge bereit. Ihre Mitgliedstaaten erzeugen etwa ein Drittel des weltweiten Ölangebots.

Saudi-Arabien konzentriert sich darauf, seinen Marktanteil zu halten – auch wenn das Land dafür niedrigere Preise hinnehmen muss.

Losgetreten wurde der aktuelle Angebotsschock vor gut einem Jahrzehnt. Damals probierten US-Unternehmen im Norden von Texas horizontale Bohrtechniken im Bergbau und kombinierten sie mit der Technologie des hydraulischen Frackings. Plötzlich ließen sich Öl und Gas aus Gesteinsschichten pressen.

Seit 2004 hat die amerikanische Ölproduktion um 56 Prozent zugenommen.

Die schlechte Nachricht: Rohstoffexporteure wie Venezuela oder Russland und Ölkonzerne könnten sich in diesem Monopoly auf der Verliererstraße wiederfinden.

Venezuela, großer Ölexporteur und Opec-Mitglied, könnte nach Ansicht einiger Analysten wegen der drastisch niedrigeren Rohölpreise in eine politische Krise schlittern. Das Land braucht laut einer Analyse der Deutschen Bank für einen ausgeglichenen Haushalt Ölpreise von deutlich mehr als 120 Dollar je Barrel. Angolas Staatshaushalt basiert auf einem Ölpreis von mindestens 98 Dollar je Barrel.

Russlands Staatsetat sei wegen des Rückgangs der Ölpreise „angespannt”, räumte Staatspräsident Wladimir Putin ein. Die russische Notenbank brütet über einem „Schock-Szenario”, das von einem Absacken der Preise auf 60 Dollar je Barrel ausgeht. Russland bestreitet etwa die Hälfte seiner Staatseinnahmen mit Öl- und Gasexporten.

Führende russische Politiker und Topmanager sind überzeugt, dass die Saudis die Preise gezielt in die Knie zwingen, um die auf Ölexporte angewiesene russische Wirtschaft und ihren Präsidenten Putin in die Klemme zu nehmen – quasi als Erweiterung bereits bestehender Sanktionen gegen das Land.

Nach Analystenschätzungen (Bernstein Research) arbeiten auch Royal Dutch Shell und BP erst ab einem Ölpreis von mehr als 85 Dollar je Barrel kostendeckend.

su mit Reuters