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Almodóvar noch immer mit Leidenschaft dabei

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Almodóvar noch immer mit Leidenschaft dabei

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Auch nach mehr als 19 Filmen geht der spanische Regisseur Pedro Almodóvar noch mit der gleichen Leidenschaft ans Werk wie früher. Er fühlt noch immer die gleiche Unsicherheit und Aufregung. Wir trafen den Regisseur in Lyon, wo er mit dem Prix Lumiere ausgezeichnet wurde und sprachen mit ihm über Frauen, die 80er und seine Wünsche für das Kino von morgen.

María Piñeiro, euronews: “Pedro Almodóvar. Sie haben einige der wichtigsten Filmpreise abgeräumt, sind international der bekannteste spanische Regisseur und sogar Ehrendoktor der Universität Havard. Alle Ihre Filmpremieren sind große Ereignisse. Wie fühlt sich das an? Fühlen Sie sich gut oder ist Ihnen das manchmal auch unangenehm?”

Pedro Almodóvar, Regisseur: “Alle Auszeichnungen, die man bekommt, sind eine Freude. Da ist jemand, der einem sagt, er liebt dich. Es ist etwas, für das man dankbar ist. Aber nachdem man die Auszeichnung bekommen hat, bleibt das Leben genau so, wie es vorher war. Ich bin sehr dankbar. Ich glaube, ich habe sehr viel Glück gehabt. Ich hatte von diesem Erfolg nicht mal geträumt. Aber wenn Sie einen neuen Film machen oder älter werden, merken Sie, dass die Auszeichnungen nichts bedeuten. Sie müssen sich jedes Mal von Neuem der Herausforderung stellen, und das ist gleichzeitig das Aufregende daran. Ich fühle die gleiche Leidenschaft wie zu Beginn meiner Arbeit, aber auch die gleiche Unsicherheit, weil man nie weiß, wie der Film läuft, oder die Dreharbeiten.”

María Piñeiro, euronews: “Sie waren Schauspieler, Regisseur, Drehbauchautor und Produzent. Sie halten also in allen Bereichen die Fäden in der Hand. Werden Sie von den Debatten, die Sie mit Ihren Filmen entfachen überrascht oder erwarten Sie das?”

Pedro Almodóvar, Regisseur: “Ich provoziere die Kontroversen nicht bewusst, aber ich weiß, dass sie ein Ausdruck einer Freiheit sind, der von den Zuschauern genossen wird. Ich weiß vorher nicht, welche Kontroversen es geben wird, aber da dies seit meinem ersten Film passiert, bin ich mittlerweile daran gewöhnt und es überrascht mich nicht mehr. Aber darauf arbeite ich nicht hin. Hätte ich die Wahl, wäre ich lieber eine Art Komplize des Zuschauers. Alles worum ich Menschen, die meine Arbeit nicht mögen oder etwas dagegen sagen, bitte, ist, dass sie mir zumindest eine Erklärung liefern. Was ich nicht mag ist, wenn die Kritik einfach nur zur Attacke wird. Aber ich bin mir bewusst, was für eine Art Kino ich machen und ich kann nicht so tun, als ob jeder meine Filme liebt. Die Menschen sind alle unterschiedlich und reagieren alle anders.”

María Piñeiro, euronews: “Sie sagten, Sie bevorzugen weibliche Charaktere, dass Sie zum Beispiel mit der Rolle der Mutter alle Filmgenres angehen könnten….?”

Pedro Almodóvar, Regisseur: “Ja, ich glaube so etwas habe ich gesagt.”

María Piñeiro, euronews: “Warum haben Sie diese besondere Beziehung zu Frauen? Wie schaffen Sie es, so einfach in Ihre Welt einzutauchen?”

Pedro Almodóvar, Regisseur: “Man muss nicht zur Universität gehen oder etwas Bestimmtes studieren, um Frauen zu verstehen. Man muss nur Augen und Ohren haben und etwas neugierig sein. Aber ich denke meine Affinität zur Welt der Frauen entstand, weil ich unter Frauen aufgewachsen bin. Meine Mutter hatte natürlich kein Geld kurz nach dem Krieg. Kinder folgten ihren Müttern überallhin und wenn wir nicht bei ihnen waren, waren wir bei unseren Nachbarinnen. In meinen frühsten Kindheitserinnerungen war ich umgeben von Frauen und ich kann mich genau daran erinnern, wie ich ihren Gesprächen lauschte, denn das Zuhören war mein Leben und es gab alle Genres: Melodramen, Horror, Komödien, Musicals… Diese Dinge passierten bei uns, genau vor der Nase eines 4-Jährigen, der da saß. Ich wusste nicht, dass ich eines Tages ein Regisseur werden würde, aber ich machte mir bereits geistige Notizen von all dem, was um mich geschah.

María Piñeiro, euronews: “Sie sagte auch, Komödien über Männer zu machen sei nicht leicht für Sie.”

Pedro Almodóvar, Regisseur: “Das stimmt. Ich glaube, dass es als Mann schwerer ist, über seine eigenen Probleme zu lachen oder Scherze zu machen, als über das Leben von Frauen, denn da hat man etwas mehr Abstand. Männer sind sowieso mehr das dramatische, ernste Subjekt. Frauen haben eine spontane Seite und das ist großartig für Komödien. Verzeihen Sie!”

María Piñeiro, euronews: “In den vergangene Jahren gab es unter Ihren Filmen mehr Dramen als Komödien. Das änderte sich mit ihrem jüngsten Film “Fliegende Liebende”, eine Komödie im Stil der 80er mit der selben Stimmung wie Ihre ersten Filme. Ist das eine Hommage an diese Zeit? Warum so nostalgisch?”

Pedro Almodóvar, Regisseur: “Ich bin nicht gerade ein Nostalgiker, aber ich habe genaue, wahre und objektive Erinnerungen an die 80er. Es war eine Zeit, in der die Freiheit geradezu explodiert ist. Nicht nur im Kino, auch im Leben, auf den Straßen, im Nachtleben, im täglichen Leben. Man kann diese Zeit nicht mit der derzeitigen Situation in Spanien vergleichen. Die 80er waren auch Jahre in denen ich geübt habe, da habe ich meinen ersten Film “Pepi, Luci, Bom” gemacht und es war das erste Jahrzent der Demokratie in Spanien, ein Jahrzehnt voller Feste, es war sehr aufregend. Und es war ein Jahrzehnt in dem ich mehr Komödien gemacht habe, als in irgendeinem anderen Jahrzent meiner 30 Jahre im Filmgeschäft. Mein letzter Film war also in einer Art und Weise eine Hommage an diese wichtigen Jahre unserer Gesellschaft, denn ich denke, wir haben eine Menge von dem, was wir hatten, verloren und wir müssen es zurückbekommen. Und ich denke zweifellos, dass der letzte Film eine Rückkehr in meine Jugend war – nur für die Zeit des Films, denn ich fürchte eine echte Rückkehr wäre sehr viel schwerer.”

María Piñeiro, euronews: “Ihr Projekt über das “Gesetz des historischen Andenkens” hängt noch in der Schwebe?”

Pedro Almodóvar, Regisseur: “Ich würde sehr gerne einen Film über das “Gesetz des historischen Andenkens” machen. In der Tat habe ich ein Skript, aber ich habe noch nicht geschafft, es zu beenden, denn meine Skripte liegen lange auf meinem Tisch, bevor sie fertig werden. Nach meinem nächsten Film, in dem es nicht darum geht, könnte ich es machen. Als Bürger ist es ein Thema, dass mich sehr interessiert und deshalb möchte ich es in einem meiner Filme machen, aber ich weiß noch nicht wie. Es ist sehr wichtig für die spanische Gesellschaft. Sie wissen, wie es dazu kam, es war ein Amnestiegesetz, usw. usw. Aber die Verbrechen Francos brauchen eine Wiedergutmachung, keine Abrechnung. Es geht darum, dass die Enkel oder Urenkel, denn ich glaube nicht, dass die Kinder noch leben, dass diese Menschen einen Platz haben, an dem sie ihrer Familie gedenken können, das ist eine rein menschliche Angelegenheit. Und ich denke, bis das nicht erledigt ist, ist der Krieg irgendwie immer noch nicht vorbei.”

María Piñeiro, euronews: “Was hoffen Sie für die Zukunft des Kinos?”

Pedro Almodóvar, Regisseur: “Für die Zukunft des Kinos wünsche ich mir vor allem viele Zuschauer, und dass die Neugier der Zuschauer auf die unterschiedlichen Arten des Kinos wächst, in allen Sprachen, untertitelt oder synchronisiert, in allen Situationen und allen Ländern.”