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Brandenburgs Spagat zwischen Speckgürtel und HartzIV

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Brandenburgs Spagat zwischen Speckgürtel und HartzIV

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25 Jahre nach dem Mauerfall zieht es mehr und mehr Menschen aus Berlin ins schicke Potsdam nach Brandenburg. Promis und Politiker wie Fernsehmoderator Günther Jauch oder Model Nadja Auermann lassen sich in den Villenvierteln nieder. In 25 Minuten sind sie mit der Bahn in der Hauptstadt. Vor der Haustür: Seen und Wälder. Schätzungen zufolge wird die Stadt in den nächsten 15 Jahren 20.000 Einwohner mehr haben. Eine ostdeutsche Stadt, die seit der Wende boomt und expandiert.

Rund um Berlin liegt das Bundesland Brandenburg. Mit 2,5 Millionen Einwohnern auf einer Fläche der Größe Belgiens.
40 Jahre Planwirtschaft hatten die DDR heruntergewirtschaftet. Es gab enorme Unterschiede zu Westdeutschland, die nach der Wiedervereinigung mit zusätzlicher finanzieller Unterstützung – dem Soli – ausgeglichen wurden. Der Osten hat seit der Wiedervereinigung stark aufgeholt, vor allem in den 90er Jahren. Doch die Kluft schließt sich immer langsamer. Die Wirtschaftskraft liegt derzeit bei rund 70% im Vergleich zu Westdeutschland.

Die hohe Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland hat sich in den letzten zehn Jahren halbiert. In sehr ländlichen Regionen ist sie weiter hoch – wie hier in Templin in Brandenburg. Der Landkreis Uckermark hat die höchste Arbeitslosenquote in Deutschland von etwa 15%. Tendenz steigend, in den Wintermonaten gibt es saisonal bedingt mehr Leute ohne Beschäftigung. Ein Paradox: Auf der einen Seite die sehr hohe Arbeitslosigkeit, die meisten davon Langzeitarbeitslose. Auf der anderen Seite offene Stellen, vor allem im Bereich Pflege und Medizin, Handwerk, Tourismus und Gastronomie, die nicht besetzt werden können.

Außer im Speckgürtel um Berlin hat Ostdeutschland seit 1990 fast 14 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Da bildet die Uckermark keine Ausnahme. Neben Abwanderung kämpft die Region gegen Fachkräftemangel und die Folgen des demografischen Wandels. In Templin ist rund jeder dritte Einwohner über 60 Jahre alt.

Größere Unternehmen gibt es kaum in der Uckermark. Schuld ist auch die schlechte Infrastruktur. Einzige Ausnahme: Der Industriestandort Schwedt, den es schon zu DDR-Zeiten gab. Doch die Unternehmen dort stehen vor einer großen Herausforderung: Die PCK Raffinerie zum Beispiel muss in den nächsten 15 Jahren 50 bis 60% ihres Personals ersetzen, das in Rente geht.

Die Großstädte sind weit weg, dafür sind wir einen Steinwurf von Polen entfernt. Rundherum Naturschutzgebiete und Wälder. Ein guter Grund für den 31-jährigen Sascha Nehls, nach seinem Studium in Cottbus und Auslandsaufenthalten in Schweden, Großbritannien und den USA nach Hause zu kommen. Für Rückkehrer und neue Leute in der Stadt hat er einen Stammtisch gegründet.

Land oder Stadt – stagnierend oder florierend. Gegensätze, die 25 Jahre nach dem Mauerfall nicht mehr an Ost und West geknüpft sind, sondern an das Potential der Region – für Investoren und Einwohner.