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Eine "Bankrotterklärung" für Mexiko: der Fall der 43 verschleppten Studenten

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Eine "Bankrotterklärung" für Mexiko: der Fall der 43 verschleppten Studenten

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Sie wollen endlich Aufklärung über den Verbleib der mexikanischen Studenten: Die Demonstranten rufen: “Mörder-Regierung, wir wollen sie lebendig!” Die Mexikaner wollen wissen, was mit den 43 Studenten eines linksgerichteten Lehrerseminars passiert ist, die am 26. September im Bundesstaat Guerrero verschleppt wurden.

Auf dieser Straße in Iguala wurden die Studenten von der örtlichen Polizei angegriffen: Es gab sechs Tote und 25 Verwundete. 43 der jungen Leute wurden verschleppt und später vermutlich Mitgliedern der kriminellen Organisation “Guerreros Unidos” übergeben.

Nach Angaben der Bundespolizei wollte der Bürgermeister von Iguala, José Luis Abarca, offenbar verhindern, dass die behördenkritischen Studenten einen Auftritt seiner Frau stören. Von ihm kam laut Aussagen von inzwischen verhafteten örtlichen Polizisten der Einsatzbefehl, so Mexikos Generalstaatsanwalt Jesus Murillo Karam: “Die Häftlinge selbst sagten aus, dass der Befehl, gegen die Menschen vorzugehen über Funk von der zentralen Polizeistation kam. Ihnen wurde gesagt, es sei ein A5 – der Code steht für den Bürgermeister von Iguala.”

2000 Bundespolizisten und Soldaten wurden nach Iguala geschickt, um die 43 Entführten zu suchen. Die Geständnisse von 56 verhafteten Polizisten, lokalen Politikern und Verbrechern haben bisher zu einem Dutzend Massengräbern rund um Iguala geführt. Aber offiziell gibt es bisher keine Spur von den Studenten. Der Menschenrechtsaktivist Pater Alejandro Solalinde sagte:

“Laut einem anderen Bericht, den ich erhalten habe,s ollen einige der jungen Leute verletzt worden und einige bereits tot sein. Sie sagten mir nicht, wie viele, aber sie wurden zusammen verbrannt und vergraben. Sie haben Holz zusammengetragen, sie sprachen auch von einem Tisch, sie schütteten Diesel drauf und verbrannten sie.”

Auch der Bürgermeister von Iguala und seine Frau wurden inzwischen verhaftet. Der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto kündigte einen Pakt gegen Korruption und eine konsequentere Strafverfolgung an.

Elena Poniatowska ist zum Symbol für die Suche nach den verschleppten mexikanischen Studenten geworden. Die renommierte Journalistin und Schriftstellerin ist bekannt dafür, für die Menschenrechte in Mexiko einzutreten. Ihre Rede auf dem Zócalo-Platz in der Hauptstadt am 26. Oktober – einen Monat nach dem Verschwinden der jungen Leute – hat die Menschen bewegt. In ihrem Haus in Mexiko-Stadt erzählt die 82-Jährige euronews die Fakten:

“Diese 43 Studenten sind sehr arm. Ihre Familien haben nichts, meist stammen sie aus Bauernfamilien. Auf den Fotos aus der Lehrerhochschule habe ich gesehen, dass ihre Zimmer sehr kahl und leer waren: Rucksäcke auf dem Boden, keine Möbel, Pappe auf dem Boden, keine Etagenbetten, keine Betten, keine Einrichtung. Um ihr Studium zu finanzieren, mussten sie mit einer Dose betteln gehen. Die Leute nach etwas Geld fragen, nach Kleingeld. Diese Studenten sind sehr jung, voller Sehnsüchte. Es ist furchtbar, man hat sie einfach wie Müll behandelt. Nur weil sie arm sind.”

Poniatowska beschuldigt die lokalen Behörden der Korruption. Sie sollen für das Verschwinden der Studenten verantwortlich sein:

“Sie wurden in Bussen verschleppt. Denn laut der Frau des Bürgermeisters von Iguala, José Luis Abarca, – ein Mann, der auf seinem Posten reich geworden ist -, wie seine Frau, die zwar kein Amt, aber Macht ausübte, obwohl sie nicht dazu berechtigt war, hat sie wirklich in Iguala, in Ayotzinapa geherrscht, laut ihren Angaben haben die Studenten ein von ihr organisiertes Fest, ein politisches Treffen gestört. Deshalb wurden sie in Lastwagen weggebracht. Seitdem fehlt jede Spur von ihnen. Das ist wirklich ein Verbrechen des Staates, denn einige der Studenten konnten der Polizeijagd entkommen. Sie wurden von Gruppen, ich denke Regierungstruppen gejagt. Einige der jungen Leute konnten flüchten und sich auf Bäumen verstecken, sie können das bezeugen.”

Poniatowska hat sich fast ihr ganzes Leben lang für die Menschenrechte in Mexiko eingesetzt. Sie ist bekannt für ihr Buch über das Massaker von Tlatelolco 1968, als die damalige Regierung in eine Studentendemonstration schießen ließ.

“Das ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es ist unmöglich, dass das Verschwinden von 43 jungen Leuten, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, ungestraft bleibt. Dass ihre Eltern, die sie suchen, immer noch keine Neuigkeiten von ihnen haben. Aber auch für uns Mexikaner, auch für uns ist es eine Schande, ein außerordentlicher Verlust, auch ein Verlust für das, für das unser Land steht. Das ist eine Bankrotterklärung”, so Elena Poniatowska.