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Karl Brenke (DIW): "Die Währungsunion 1990 war aus ökonomischer Sicht ein fataler Fehler"


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Karl Brenke (DIW): "Die Währungsunion 1990 war aus ökonomischer Sicht ein fataler Fehler"

Vor 25 Jahren hat der Fall der Berliner Mauer Deutschland und die Welt verändert. Damals hat wohl kaum jemand geglaubt, dass Deutschland auch 25 Jahre später noch die Folgen dieses historischen Augenblicks aufarbeitet. Nach Schätzungen von Wirtschaftswissenschaftlern hat die Wiedervereinigung bislang bis zu zweieinhalb Billionen Euro gekostet. 100 D-Mark Begrüßungsgeld gab es seinerzeit für DDR-Bürger in der Bundesrepublik. Besondere politische und wirtschaftliche Bedeutung erlangte es nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze am 9. November 1989.

Noch immer ist der Anteil derjenigen, die nur 60 Prozent des deutschen Durchschnittgehalts erhalten, in den ostdeutschen Bundesländern höher als in den westdeutschen. Auch die Armutsquote liegt in manchen dieser Bundesländer über dem Durchschnitt. Das Durchschnittseinkommen beträgt im Osten rund 2300 Euro brutto, im Westen sind es fast 3100 Euro.Im Osten Deutschlands liegt die Arbeitslosenquote bei 9,1 Prozent, im Westen bei 5,8.

Wie die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” berichtet, ist die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung im Osten zwar leicht auf knapp 24.400 Euro gestiegen. Im Westen seien es aber fast zehntausend Euro mehr. Inzwischen liege die Wirtschaftsleistung pro Kopf bei 71 Prozent des Westniveaus. Für euronews sprach Sigrid Ulrich mit Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) über die Wiederverinigung und ihre Folgen.

euronews: “25 Jahre Mauerfall – bei Wirtschaftsleistung, Produktivität, Einkommen, Vermögen, Arbeitslosigkeit und Armutsrisiko ist Deutschland immer noch deutlich in Ost und West geteilt. Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin – die “Blühenden Landschaften” von Helmut Kohl sind das noch nicht. Aber “wächst wenigstens zusammen, was zusammengehört”, wie Willy Brandt gesagt hat?”

Brenke: “Ja, ich glaube schon. Die Erwartungen, die man 1989 hatte, und die auch von der Politik seitens des Kanzlers Kohl geschürt wurden, die waren viel zu hoch gehängt. Man hat aber in den letzten 25 Jahren sehr viel erreicht. Die neuen Bundesländer haben eine hochmoderne Infrastruktur mittlerweile: Wir haben eine Re-Industrialisierung erlebt. Die Wirtschaftsleistung der Industrie – je Einwohner gemessen – ist in Ostdeutschland mittlerweile beim EU-Durchschnitt. Wir haben aber in der Tat noch eine Reihe Probleme, wir haben Rückstände, bei der Produktivität, bei den Löhnen, bei den Einkommen, bei der Arbeitslosigkeit. Also, ich will mal so sagen: Die Transformation haben wir längst hinter uns. Wir haben jetzt, was sich deutlich zeigt, eine Reihe von Regionalproblemen. Aber diese Regionalprobleme kennt man überall in Europa.”

euronews: “In den kommenden zwei Jahrzehnten dürfte sich nicht mehr viel tun in puncto Annäherung der Lebensverhältnisse, haben Sie gesagt. Dann wäre das Land genauso lang wieder zusammen wie es geteilt war…”

Brenke: “Wir haben ungefähr drei Viertel des Anpassungsprozesses hinter uns. Was jetzt kommt, ist eine etwas schwierigere Wegstrecke. Es wird einfach so sein, dass es im Osten Gebiete gibt, die sich relativ gut entwickeln. Dazu gehören die traditionellen Industriezentren, dazu gehören die hochverdichteten Räume. Und wir haben Gebiete in den Neuen Bundesländern, denen fällt es schwer. Das sind eben die Gebiete an der polnischen Grenze, an der tschechischen Grenze, das sind insgesamt die landwirtschaftlich geprägten Gebiete. Aber das sind Regionen, die hatten schon vor der DDR schwer. Die hatten es schon zu Kaisers Zeiten schwer. Ich glaube, wir werden eine stärkere Differenzierung erleben, innerhalb Ostdeutschlands – wir haben ja auch eine Differenzierung innerhalb Westdeutschlands. Wir haben beispielsweise ein erhebliches Süd-Nord-Gefälle.”

euronews: “Welche Rolle spielte die Währung? Für viele Ostdeutsche hatte die D-Mark magischen Symbolwert. Aber bei der Bundesbank fanden die meisten die Währungsunion (1.7.1990) zu früh.”

Brenke: “Ja, die Währungsunion 1990 war aus ökonomischer Sicht ein fataler Fehler, eine Katastrophe. Sie hat insbesondere die Industrie unter einen enormen Druck gebracht. Wir haben innerhalb weniger Wochen erlebt, dass die Industrieproduktion um die Hälfte zusammenbrach. Der Einbruch wäre noch viel stärker gewesen, wenn die Politik nicht mit Stützungsmaßnahmen reagiert hätte. Aber die Währungsunion war politisch eigentlich gar nicht zu vermeiden. Ohne die Währungsunion wären die Menschen einfach weggelaufen. Der Osten wäre auf diese Art und Weise ökonomisch ausgeblutet.”

euronews: “Es gab ja die Slogans: ‘Kommt die D-Mark nicht zu uns, dann gehen wir zu ihr’ – wenn ich mich richtig erinnere…”

Brenke: “Das war der Punkt. Die Währungsunion wurde erwartet von der Bevölkerung in Ostdeutschland. Aber auf der anderen Seite war sie ökonomisch nicht tragfähig. Sie hat im Grunde genommen über Nacht das Schutzschild der Währung weggenommen und anderes als in den Reformstaaten wie etwa Polen oder Tschechische Republik musste man plötzlich konstatieren, dass die Güter auf den internationalen Märkten kaum noch absetzbar waren. Was würde mit einem VW Golf beispielsweise passieren, der heute 20.000 Euro kostet und am nächsten Tag nur noch für 80.000 Euro absetzbar gewesen wäre – er würde nicht mehr zu verkaufen sein. Und Ähnliches passierte damals mit der DDR-Industrie.”

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