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"Bruderkuss" und Punkrock - Künstler zum Mauerfall

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"Bruderkuss" und Punkrock - Künstler zum Mauerfall

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25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer gehört die East Side Gallery zu den großen Attraktionen der Stadt. Viele Künstler haben sich auf dem Betonabschnitt verewigt, auch der Russe Dmitri Vrubel. Sein “Bruderkuss”, Breschnew und Honecker aufs Innigste vereint, ist eines der bekanntesten Kunstwerke der Freiluftgalerie. Das Bild entstand in der Wendezeit, im Frühsommer 1990. Vrubel war in Berlin zu Besuch und ein Bekannter erzählte ihm von der East Side Gallery. Und so entstand das berühmte Bild.

Dmitri Vrubel: “Wir gingen zur Mauer, da stand ein kleiner Bungalow mit Gemälden und eine junge Frau aus Schottland hielt mir einen Vertrag unter die Nase. Damals gab es noch DDR-Grenzsoldaten, die wollten mich nicht auf die Westseite lassen. Aber später, als ich anfing zu malen, gaben sie mir Wasser für meine Farben.”

Vrubel war damals 29 und wünschte sich nichts sehnlicher, als eine Ausstellung. Er unterschrieb er den Vertrag, ohne ihn zu lesen und malte. Sieben Tag brauchte er für das Bild. Später fand er heraus, dass er sämtliche Rechte für fünf Jahre an die Galerie abgetreten hatte. Aber das Geld kümmerte ihn damals nicht. Auch nicht die Warnungen seiner Kollegen, er sei verrückt, auf eine Mauer zu malen, die ohnehin bald abgerissen werde. Und dann geschah das Unerwartete.

Dmitri Vrubel: “Eines Morgens, ich lag noch im Bett, erschien mein Freund Alexander Bradovsky und warf mir zwei Zeitungen hin, Berliner Zeitung und Neues Deutschland. Da stand in fetten Buchstaben: ‘Bruderkuss im Mauerformat’. So entstand der Name des Bildes.”

Schon bald prangte der “Bruderkuss” auf T-Shirts und Postkarten und lockte unzählige Touristen zum Mauerabschnitt in der Mühlenstraße. 2009, zum 20. Jubiläum des Mauerfalls, musste die Freiluftgalerie saniert und sämtliche Bilder von den Originalkünstlern neu gemalt werden. Auch Vrubels “Bruderkuss”. Fast 25 Jahre lang wurde das Bild mit dem Zusatz “Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben?” vor allem als eine politische Metapher gedeutet. Dabei war ein ganz persönlicher Konflikt der Hintergrund.

Dmitri Vrubel: “Das hat vor allem mit einer persönlichen Geschichte zu tun, mit meiner Beziehung zu Frauen. Dieses Werk ist der Liebe gewidmet, der Liebe und nichts anderem. Wir alle erleben manchmal Situationen im Alltag, in denen wir uns wie zwischen den Lippen zweier Monster eingequetscht fühlen. Damals entsprach das genau meiner komplizierten, persönlichen Situation.”

Gebracht hat der Bruderkuss dem Künstler vor allem Ruhm. Und eine neue Heimatstadt. Dmitri Vrubel lebt heute in Berlin.

Beatrice: Punkrock unter ständiger Geheimdienstüberwachung

Für die Künstler des Ostblocks war kreative Entfaltung ein Balanceakt. Beatrice, eine der bekanntesten ungarischen Hardrock Bands in den 70er Jahren, hatte regelmäßig Probleme mit der Obrigkeit. Feró Nagy, der charismatische Frontmann, wurde mehrmals verhaftet.

Feró Nagy: “Wir waren damals ein echtes Phänomen in Ungarn. Weder eine richtige Rock- noch eine Punkrockband. Wir stellten etwas dar, das einfach nicht in das manipulierte System passte.”

Mit rotzfrechen Sprüchen und flegelhaftem Benehmen fielen die Rocker von Beatrice eindeutig aus dem sozialistischen Rahmen, wurden dafür zensiert, manchmal verboten.

Feró Nagy: “Sobald man uns belangte, sagten wir einfach: ‘Wir wussten ja nicht, dass wir dies oder das nicht sagen dürfen!’. Und natürlich glaubte man uns nicht. Die wussten ganz genau, was wir meinten. Und man sah es den Sicherheitsleuten, die uns verhörten, genau an, dass sie eigentlich unserer Meinung waren, es aber nicht zeigen durften.”

Der Beliebtheit der Band tat das keinen Abbruch, im Gegenteil. Es gab eine echte Fangemeinde. Besonders gefragt war bei Konzerten der Song “Térden állva” – (Auf die Knie), bei dem Band und Zuschauer sprichwörtlich auf die Knie gingen. Nur ein paar Leute im Saal blieben stehen. Geheimdienstler undercover, wie sich viele Jahre später herausstellte. Erst nach der Freigabe der Archive erfuhr die Band, wie stark sie vom Geheimdienst auspioniert worden war.

Der Gedanke an die Ausreise kam immer wieder auf. Aber das war damals unmöglich.

Feró Nagy: “Wir nahmen Englischunterricht und betrieben gleichzeitig eine Reinigungsfirma, weil wir von der Musik nicht leben konnten. Aber das Regime wusste sofort, dass wir Englisch lernten und womöglich ausreisen wollten, deswegen nahmen sie mir den Pass weg.”

Nach dem Ende des Kommunismus erlebten Beatrice einen zweiten Frühling.

Feró Nagy: “Wir waren in dieser Zeit richtig beliebt. Zu Konzerten in den entlegensten Dörfern erschienen mindestens 2000 Zuschauer. Es klappte einfach. Dabei waren wir nicht besonders gut, aber wir lagen im Trend. Solche Erfolgsgeschichten gibt es immer wieder.”

Feró Nagy brachte 2005 ein Buch über seine Erlebnisse aus dieser Zeit heraus mit allerlei pikanten Details aus den freigegebenen Akten des früheren kommunistischen Geheimdienstes.