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25 Jahre Mauerfall: Hinter den Gittern der Stasi

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25 Jahre Mauerfall: Hinter den Gittern der Stasi

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“Stellen Sie sich vor, Sie wollten Ihr Land verlassen, die Behörden aber ließen das nicht zu. Auch wäre Ihr Land durch eine tödliche Mauer vom Rest der Welt abgeschottet. So war es – nicht nur in der früheren DDR sondern in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas. Auf der Flucht ergriffen, wurden Tausende zu schweren Haftstrafen verurteilt. Mit einem von ihnen, mit Thomas Lukow, der hier in Berlin-Hohenschönhausen inhaftiert war, sprachen wir”, sagt unser Korrespondent Rudolf Herbert.

1981 war Lukow 21, als er bei einem Fluchtversuch in der damaligen Tschechoslowakei festgenommen und zu 20 Monaten Freiheitsentzug verurteilt wurde. Mit dem kommunistischen Regime hatte er bereits Jahre vorher gebrochen. Wer sich dem System verweigerte, für den gab es in einem Land, wie es die Deutsche Demokratische Republik war, keine Zukunft mehr: “Irgendwann war für mich klar: Ich will weg aus diesem Land, ich war jung, ich wollte studieren, ich wollte die Welt sehen, hatte immer Fernweh und mein großer Traum war immer New York. Und so entstand der Wunsch.” Über seine Erfahrungen während der Haft sagt Lukow: “Die schlimmsten Erinnerungen sind wirklich die Ungewissheit, sicherlich auch, ja vor allem diese Langeweile, dieses Nichtspassieren, diese Zermürbung. Und die findet statt, man fängt ja an unheimlich zu grübeln, man hat ja keine Möglichkeit Radio zu hören oder fernzuschauen, auch keine anderen Möglichkeiten. Man kann einmal in der Woche ein Buch – über diese Klappe dort – bekommen. Doch das war auch sehr bedrückend, denn das war schlimme sowjetische Kriegsliteratur.”

Verhöre durch Stasi-Offiziere und die Bespitzelung durch die Mitgefangenen gehörten zum Alltag: “Ich glaube aber, dass dieser schleichende Prozess der psychologischen Bearbeitung unterbewusst viel schlimmer war. Man fragte sich: ‘Was wollen die eigentlich? Und wohin geht es? Wieviel Jahre kriegst du? Besteht die Möglichkeit, dass du vielleicht freigekauft wirst? Also diese Ungewissheit, das war ganz schlimm. Ich war 21, wurde 22 im Oktober (1981). Und natürlich war ich viel unterwegs, kannte viele Leute. Von einem Tag zum anderen war ich völlig abgeschnitten von der Gesellschaft. Das war, glaube ich, das Ziel.” Offiziell gab es keine politischen Gefangenen. Die Wahrheit war freilich eine andere. Inzwischen sind auch Zahlen bekannt: “Von 1949 bis 1989 gab es ungefähr 230.000 politische Häftlinge. In der Nachkriegszeit kommen noch viele dazu. Das ist vorwiegend durch die sowjetische Militäradministration gemacht worden: Leute, die entweder Nationalsozialisten waren oder Leute, die sich gegen die sowjetische Macht erhoben haben”, sagte uns der Theologe und Soziologe Ehrhart Neubert, der durch zahlreiche Publikationen zum Thema bekannt ist.

Zwar wuchs in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre der Widerstand gegen das Regime Erich Honeckers, doch noch konnte sich niemand den Fall der Mauer und ein Ende des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa vorstellen. Die DDR schien ein großes Gefängnis zu bleiben: “Ich hatte ja geglaubt – nach dieser Haft bei der Staatssicherheit -, dass das noch 1000 Jahre bestehen wird in dieser Perfektion, kannte aber die Hintergründe nicht und insofern war mir klar, dass hier auch nichts zu ändern ist. Zumal ich ja wusste, welche Leute die Systemträger eigentlich sind”, berichtet Lukow. Wie blickt er heute, ein Vierteljahrundert später, auf den Realsozialismus, auf jene Zeit zurück? “Es war ein System, das amoralisch, mit Gewalt, mit Terror und Gewalt eine Idee durchsetzte. Da muss man sich schon fragen: ‘Woran ist da das Gute?’ Wenn man einen ganzen Kontinent – wie Osteuropa – ökonomisch, ökologisch und moralisch verkommen lässt, dann ist auch die Idee einfach nicht mehr tauglich.” Die DDR und der von Moskau verordnete Kommunismus sind endgültig Vergangenheit. Die Aufarbeitung der Verbrechen und des Unrechts aber ist noch lange nicht abgeschlossen.