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Gesundheitscheck für Banken: Wie können sie der Realwirtschaft helfen?

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Gesundheitscheck für Banken: Wie können sie der Realwirtschaft helfen?

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Aktiva-Qualität und Stresstests – das ganze Jahr wird schon über Banken gesprochen. Aber wie können sie der Realwirtschaft helfen?

Darüber sprechen wir mit dem Direktor der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde, Piers Haben. Ferner geht es um die Stresstests, die Bankenunion und ob wir auf zukünftige Krisen vorbereitet sind. Wir reisen nach Italien, das in den Tests am schlechtesten abgeschnitten hat, und wir begeben uns zurück in die Zukunft, um zu gucken was passiert, wenn erwartete und unerwartete Probleme real werden.

Die Europäische Zentralbank hat die Handelsbilanzen der Banken in der Eurozone überprüft. Gleichzeitig überwachte die Europäische Bankenaufsichtsbehörde die Stresstests in der EU. Es war wie Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen. Erstmals konnte man eine Bank in Deutschland direkt mit einem französischen oder belgischen Geldinstitut vergleichen. Die Idee war auch, Schritte der Banken in die Zukunft erkennen. Hier ein erster Crashkurs in Stresstests:

Eine Bank ist wie eine Brücke. Wenn sie drauf stehen, erwarten sie Tragfähigkeit. Diese muss sie auch in Schwächephasen beweisen. Sei es in einem Sturm oder bei einem Erdbeben.

Der Sockel jeder Brücke und jeder Bank – Kapital – muss widerstandsfähig sein. 123 europäische Banken wurden einem Stresstest unterzogen, überwacht von der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde.

Ein Hauptaugenmerk lag auf Krisen in der Zukunft. Verursacht durch einen Rückgang der Wirtschaftskraft, steigende Arbeitslosigkeit oder Immobilienkrisen.

Europas Banken mussten zeigen, dass ihr Verhältnis zwischen Kapital und Risiko nicht unter 5,5 Prozent sinkt. Dazu mussten sie ihre Kalkulationen offenlegen, die von zuständigen Behörden überprüft wurden.

24 Banken erfüllten die Vorgaben nicht. Aber der Test ließ ihnen Zeit für Kapitalerhöhungen.

Acht Banken blieben übrig. Sie haben nun weniger als neun Monate Zeit, eine Lücke von 6,35 Milliarden Euro zu füllen.

Darlehen sind das größte Kapital einer Bank. Ihr Wert bestimmt sich aus den Rückzahlungsmöglichkeiten und der Schuldensicherheit. Also etwa ein Haus als Pfand.

Nun sah es so aus, als würden die Banken auf sicheren finanziellen Füßen stehen. Tatsächlich war das aber nicht der Fall. In Italien musste die älteste Bank der Welt, Monte dei Paschi, nach dem Stresstest zwei Milliarden Euro auftreiben. Die Anleger reagierten mit Entsetzen und die Aktie sackte ab. Der Stresstest entwickelte sich nicht zum einzigen Problem der Bank.

Stippvisite in Italien:

Die farbenfrohen Märkte zwischen Rom und Siena erinnern daran, dass wir alle Geld benötigen und uns im Zweifelsfall für einen Kredit an Banken wenden. Die Kreditvergabe ist ein Hauptproblem bei der Krise der Eurozone und der Stresstest sollte zu einer bereitwilligeren Kreditvergabe beitragen.

In Siena, Heimat der Monte dei Paschi, 1472 gegründet, um Kredite für Arme zu ermöglichen, sieht die Gegenwart anders aus. Monte dei Paschi ist – gefolgt von drei weiteren italienischen Banken – der große Verlierer des Stresstests. Siena und Italien müssen immer noch herausfinden, wie Banken wieder für die Leute arbeiten können.

Roberto Renò, Wirtschaftsprofessor, Universität Siena:

“Langfristig rechnen wir mit einer positiven Wirkung, weil sich etwas bewegt. Kurzfristig werden von der Europäischen Zentralbank zertifizierte Banken etwas mehr Handlungsfreiheit haben. Andere Geldhäuser werden sich von riskanten Beteiligungen verabschieden müssen. Das könnte die Kreditvergabe in der nahen Zukunft einschränken.”

Der Kreditbedarf in Siena und in ganz Italien wird bis zum Jahresende steigen. Gleichzeitig wird die Praxis vorsichtiger Banken in eine zurückhaltende Vergabe von Darlehen in der Realwirtschaft münden.

Finanzexperte Antonio Damiani:

“Banken werden grundsätzlich ermutigt, keine riskanten Kredite zu vergeben. Gleichzeitig verstärkt sich der wirtschaftliche Abschwung. Firmen, die dringend Unterstützung bräuchten, werden in noch schwierigere Situationen gebracht, weil sie von den Banken als Risikoträger angesehen werden.”

Die Europäische Zentralbank hat zusätzliche Aufgaben bekommen und fungiert nun auch als Bankenregulator in der Eurozone. Deshalb meinen einige Experten, die EZB solle nun selbst Geld beschaffen, damit die Banken es verleihen können.

Giovanni Sabatini, Generaldirektor Italienische Bankenvereinigung:

“Liquidität stützt das Angebot, aber wir müssen auch die Nachfrage steigern. Das Problem ist: ohne den Glauben an wirtschaftliche Erholung wird sich kein Investitions-Zyklus bilden.”

Die Art und Weise, wie die Europäische Zentralbank ihre neuen Werkzeuge anwenden wird, wird von entscheidender Bedeutung für die Wirtschaft in Ländern der Eurozone wie Italien werden. EZB-Präsident Mario Draghi hat eine Möglichkeit von frischen Finanzspritzen an Banken zumindest schon einmal angedeutet. Das würde Kapitalerhöhungen vorantreiben und die zurückhaltende Vergabe von Krediten womöglich ändern.”

“Unser Gast in dieser Woche ist Piers Haben, Direktor der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA. Piers, beginnen wir mit den Italienern, welche Lehren für die Zukunft haben sie gelernt?”

Piers Haben, Direktor EBA:
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“Die italienischen Probleme haben viele Länder in der EU. Da ist zunächst das Fehlen ausreichenden Kapitals als Basis der Banken. Die zweite Komponente sind Problemkredite. Wir fordern Kredite für die Realwirtschaft. Aber wenn die Wirtschaft nicht funktioniert, wird auch die Kreditvergabe zum Problem. Wir müssen für ausreichende Liquidität sorgen. Banken müssen richtig mit Problemkrediten umgehen. Und wir müssen sicherstellen, dass die Banken Geld verleihen an Haushalte und Firmen innerhalb der Europäischen Union.”

“Konzentrieren sich die Banken mehr auf ihre Eigenkapitalquote als auf Geldverleih in der Realwirtschaft?”

Piers Haben:

“Nur Banken mit einer ausreichenden Kapitaldecke vergeben Kredite in guten wie in schlechten Zeiten. Wir haben aber auch schon Verbesserungen bei Finanzierungskonditionen beobachtet.
Es gelingt uns offenbar, Vertrauen in eine sofortige Kreditvergabe einzuimpfen. 50 Milliarden Euro sind 2014 geflossen, nur um Probleme im Rahmen des Stresstests zu identifizieren.”

“Wir haben eine Bankenunion, aber mit Kompromissen. Es gibt Bänker mit Londoner Interbanken-Zinssatz direkt unter der Nase der Regulatoren. Was ist da los?”

Piers Haben:

“Es gibt viele offene Fragen im Bankensektor. Sind wir schon fertig mit der Stärkung des Geldflusses? Nein, der Weg ist noch nicht beschritten. Die Einrichtung individueller Überwachungsmechanismen – sie war vor zwei oder drei Jahren noch fast undenkbar. Der Londoner Interbanken-Zinssatz – nun, es gibt offen Fragen im ethischen Bereich der Geschäftsmodelle von Banken.
Banken und deren Überwacher sind gefordert, daran zu arbeiten.”

Die Tests haben für etwas Transparenz in einer Wirtschaft gesorgt, die stark auf den Banken basiert. Mit tiefgreifenden Verbindungen zwischen europäischen Banken und den Regierungen. Niemand sieht die Notwendigkeit, Situationen vorauszusehen, in denen der Steuerzahler womöglich wieder für die großen Banken in die Bresche springen muss. Außen vor bei den Tests blieben Szenarien wie eine Deflation.

euronews-Reporter Giovanni Magi:

“Eine Zeitmaschine beförderte uns ins Jahr 2016. Wir sind in Spanien und hier haben die Banken im Stresstest gut abgeschnitten. Aber die Zeitmaschine hat uns einen Streich gespielt. Wir sind in einer Zeit gelandet, in der sich das Gegenteil der Annahmen des Stresstests abspielt.

Das also passiert in 2016: weltweit steigende Zinsen, ein Verfall der Kredit-Qualität, nicht durchgeführte Strukturreformen, und das Vertrauen in die Nachhaltigkeit öffentlicher Haushalte ist gering. Dazu kommen noch eine ausgewachsene Immobilienkrise und ein Schock auf dem Devisenmarkt in Mittel- und Osteuropa.

Die Konsequenzen sind gravierend: Die Arbeitslosigkeit ist nicht nur zu hoch, sondern auch weiter ansteigend, die Bruttoinlandsprodukte in ganz Europa erreichen negative Höchstwerte. Sind Banken für diesen Fall gewappnet?”

José María Roldán, Präsident AEB:

“Die Banken sind jetzt sicherer, sie haben sieben Mal höheres Kapital als in der Vergangenheit. In diesem Szenario können wir sicher sein, dass der Bankensektor die Finanzierung der Wirtschaft weiterführen kann. Die Krise war schrecklich. Aber der Marathon wurde mit mehr Muskelmasse und weniger Körperfett beendet. Muskeln bedeuten bessere Vorbereitung. Weniger Risiken und bessere Kontrolle bedeuten eine bessere Vorbereitung auf den nächsten Marathon.”

Sogar europäische Banken können sich mit diesem Szenario der Zeitmaschine für das Jahr 2016 anfreunden. Einige Änderungen vorausgesetzt.

Fernando Fernández, IE Business School:

“Ich glaube nicht, dass wir Solvenz-Schwierigkeiten durch die große Bankenkrise bekommen werden. Aber die Ertragskraft wird offensichtlich leiden. Und wir werden eine weitere Konsolidierung beobachten können. Wir werden 3, 5 oder maximal 10 meist große europäische Banken haben, echte europäische Banken, die in der gesamten Eurozone operieren. Daneben wird es mehr nationale Geldinstitute geben, vergleichbar mit den regionalen Banken in den USA.”

“Piers Haben, gehen wir nochmal auf die zwei im Stresstest fehlenden Elemente ein. Staatspleiten und Deflation. Warum fehlen diese Elemente?

Piers Haben:

“Ein Stresstest kann nur ein Szenario beinhalten. Wir wurden gebeten, auch die Themen Deflation, Ebola und die Ukrainekrise zu berücksichtigen. Wir konnten nicht alles untersuchen.”

“Aber Deflation ist ein Szenario, das näherrückt.”

Piers Haben:

“Als wir den Test entworfen haben, wollten wir sehen, wie die Banken mit Problemkrediten in inflationären Umfeldern umgehen, in Umfeldern mit sehr geringer Inflation. Wie eben im Stresstest.
Es gibt andere Arten von Bilanzvergleichen. Speziell im Fall von Preisschwankungen nach oben und nach unten. Das ist ein Grund, warum die Arbeit der Überwacher mit dem Stresstest noch nicht beendet war.”

“Steuerzahler fragen sich: Stehen wir vor einer weiteren Rettungsaktion? Wenn etwas schiefgeht, haben wir keinen Finanzierungsplan.”

Piers Haben:

“Alles dreht sich bei der Planung um einen Ausstieg der Banken ohne Gelder der Steuerzahler. Zuerst muss versucht werden, privates Kapital zu gerieren. Dann muss vorhandenes Kapital vor öffentlichen Geldern verwendet werden”

“Ist denn der Ausweg noch vorhanden?”

Piers Haben:

“Unsere Absicht ist der Verzicht auf öffentliche Gelder. Aber ich kann nicht verschweigen, dass wir einen Notfallplan brauchen. Staatliche Unterstützungsregeln dienen der Rekapitalisierung der Banken um die Verbindung zwischen Steuerzahlern und Banken zu unterbrechen. Aber wir sprechen ja nicht nur über bürokratische Änderungen, sondern über potenzielle Zahlungen von Regierungen. Das ist Politik, Politik für europäische Bürger. Die Dinge müssen so geschehen, dass sie für die Bürger in Europa nachvollziehbar bleiben.”

“Und die Resolution? Werden wir sie dieses Jahr verpassen und das 2016 bereuen?

Piers Haben:

“Wir benötigen Banken, die der Realwirtschaft dienen. Aber wir brauchen auch Geschäftsmodelle von Banken, die überlebensfähig sind. Und Banken, die pleite gehen können. Darum geht es unter anderem in der Resolution. Wir in der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde glauben, dass wir jetzt die Maßstäbe setzen müssen für einen effektiven Resolutionsplan. In 2016, wenn sich die Änderungen so fortsetzen, werden wir besser darstehen als in 2011.”

“Vielen Dank für das Gespräch, Piers Haben!”